Das Literarische Quartett: Die vierte Sendung vom 26. Februar 2016 – Ein Kommentar

Das Literarische Quartett: Die vierte Sendung vom 26. Februar 2016 – Ein Kommentar

Zunächst muß ich vorausschicken, dass kein besonders großer Fan des neuen literarischen Quartetts bin. Zu viel Egoismus, zu viele Streitereien und auch mit der Auswahl der Protagonisten bin ich nicht wirklich glücklich.

Was ich jedoch immer sehr interessant finde, ist die Besetzung des Gastkritikers. Die Beiträge und Meinungen von Juli Zeh, Ursula März und Eva Menasse fand ich sehr interessant und spannend. Natürlich sind die Beiträge der Stammbesetzung ebenfalls spannend, jedoch gefällt mir der Umgang miteinander nicht. Es fehlt meines Erachtens nach an Respekt voreinander. Vielleicht sollte man vorschlagen, einmal eine Sendung nur mit Gästen zu machen. Die Idee finde ich jetzt gar nicht mal so schlecht.

Aber inzwischen kennt man seine Pappenheimer und ist auf die beiden Herren der Sendung ja vorbereitet. Was ich ja generell schade finde ist, dass wirklich wichtige Neuerscheinungen in der Sendung keinen Platz haben. Andererseits ist es vielleicht auch nicht schlecht, denn so wird man auf Bücher aufmerksam gemacht, die vielleicht sonst unter dem Tisch gefallen wären, wie im Falle dieser Sendung.
Wirklich angemacht haben mich die ausgewählten Titel zuvor nicht, doch während der Sendung habe ich dann bei zumindest drei Büchern gedacht, dass ich da wirklich reinlesen müsste und dass sie sehr interessant sein könnten. Das ist doch wirklich positiv.

In dieser Sendung traf sich zum ersten Mal nur ein Terzett, da Christine Westermann aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte, was DIE WELT zu folgender Überschrift veranlasste: “Wie das Terzett war und warum man Christine Westermann überhaupt nicht vermisst hat.”
Dieser Aussage muß ich, so leid es mir tut, leider zustimmen. Natürlich ist es schwer solchen Männern Paroli zu bieten, das verstehe ich, aber das liegt Christine Westermann meiner Ansicht nach einfach nicht. Ich schätze sehr, wie sie sich für das Lesen einsetzt, finde aber, dass sie für diese Art Sendung nicht die Richtige ist, da sie sich und ihre Ansichten vor den Herren immer verteidigen muß und nicht wirklich ernst genommen wird. Das ist doch die falsche Basis für eine solche Runde. Aber dazu habe ich ja schon genug geschrieben.

In der Buchhandlung gab es vor der Sendung vereinzelte Nachfragen von Kunden die einmal in die vier Bücher hineinlesen wollten. Aber der Verkauf vorab war eher sehr zurückhaltend und extrem dezent. Ob der Absatz durch die Sendung angekurbelt wird, wird sich im Laufe der Woche noch zeigen.

Antonia Baum: “Tony Soprano stirbt nicht”

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Dieses Buch war die Wahl von Christine Westermann und um es zu verstehen, muß man zunächst wissen, dass Antonia Baum zuvor ein Buch mit dem Titel: “Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stossstangen zu ernähren” veröffentlicht hat, in dem es um einen Vater geht, der zum Beispiel sehr daran interessiert ist, dass seine Kinder Drogen verkaufen. Also ein nicht sehr väterlicher und fürsoglicher Vatertyp. Die Protagonistin wünscht sich nun im Buch, dass ihrem Vater einmal etwas passieren möge.
Im echten Leben ist genau das eingetroffen, denn kurz nach (oder vor, das weiß ich jetzt nicht mehr) der Veröffentlichung des Buches, hatte ihr Vater einen Unfall und fiel ins Koma. Jetzt stellt sich die Autorin natürlich die Frage: Was habe ich da bloß angerichtet?
Kann ich vielleicht die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprachkraft umkehren? Daraufhin schreibt sie “Tony Soprano stirbt nicht”, ein Buch, in dem es um ihre derzeitige Situation geht.

Maxim Biller leitet die Runde damit ein, dass er das Schrottplatz-Buch als schrecklich bezeichnet und stellt dann die Frage, was einem Autor denn eigentlich Besseres passieren kann, als das, was Antonia Baum wirklich passiert ist? Der Vater verunglückt und die Autorin schreibt ein grandioses Buch darüber. Die Sprache sei erwachsen, poetisch, elegant und um ein großes literarisches Werk.
Das ist zwar jetzt viel Lob, das meiner Ansicht nach durch die gewohnt provokante Aussage, darüber, dass so eine Situation eine Art literarischer Glücksfall für die Autorin gewesen wäre, in den Hintergrund tritt. Aber das ist eben typisch Biller. Wir werden ihn nicht ändern.

Eva Menasse hebt hervor, dass sie der Autorin abgeraten hätte, ihr privates Schicksal zu Werbezwecken einzusetzen – das sei doch sehr problematisch. Aber es handele sich um ein sehr schönes Buch mit tollen Beobachtungen, das in der Form doch eher unentschieden sei. Im ersten Teil, mit der Introspektion am Bett des Vaters, komme Antonia Baum allerdings nicht wirklich weiter und wechsle schließlich zu drei Erzählungen, in welchen dann das Buch wirklich aufgehe.
In diesen Geschichten geht es darum, so Weidermann, was passiert wäre, wenn das Unglück nicht geschehen wäre, um das Koma des Vaters und die letzte Geschichte sei ein Märchen. Die Autorin zeige durch den Wechsel der Form, dass man Geschichten brauche, um zu verstehen.
Doch nochmal zurück zur Thematik des eigenen Schicksals als werbemittel. Antonia Baum ist jetzt keine so bekannte Autorin und um bekannter zu werden hat sie sich eben für das Öffentlichmachen entschieden, um mehr Aufmerksamkeit auf den Roman zu lenken. Ob das aber funktioniert? Ich bin mir da nicht so sicher, denn bei mir zum Beispiel reicht diese Situation des “Gegenromanes” nicht aus, um das Buch wirklich lesen zu wollen.
Da kann Volker Weidermann in der aktuellen Ausgabe des Literatur-Spiegels noch so schön drüber schreiben.

Klar Benjamin von Stuckrad-Barre treibt diese Selbstvermarktung mit seinem Titel “Panikherz” auf die Spitze, was ich zunächst auch nicht gut fand, jedoch inzwischen meine Meinung geändert habe, dazu aber später mehr.

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Etgar Keret: “Die sieben guten Jahre”

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Etgar Keret ist bisher durch seine sehr starken Geschichten bekannt geworden und steht bei mir schon sehr lange auf der Zu-lesen-Liste. Bei vorliegendem Buch handelt es sich allerdings um ein Memoire. Maxim Biller stellt dieses Buch vor und muß natürlich gleich einschieben, dass er auch ein Memoire geschrieben habe.

“Die sieben guten Jahre” wird von den Ereignissen der Geburt des Sohnes des Autors, welche mit einem Terroranschlag zusammengefallen ist, und dem Tod seines Vaters eingeklammert. Es ist in 20 Sprachen übersetzt worden, allerdings nicht ins Hebräische, zumal Etgar Keret mit der Frau eines berühmten israelischen Dichters verheiratet ist, der einige Lieder und Gedichte über seine Tochter geschrieben hat, wovon diese ziemlich genervt war.
Die wirklich erlebten Situationen in “Die guten sieben Jahre” wären einfach zu intim, wobei allerdings in Israel extrem viel Englisch gesprochen wird, also wenn man das Buch in Israel lesen wolle, könne man es – aber das nur so am Rande.

Maxim Biller sagt, dass hier deutlich werde, dass Israels Menschen eine Geschichte bzw. Geschichten haben und nicht Projektionen von Europäern seien, die glauben, es handele sich um Monster. Des Weiteren findet die Menschlichkeit in diesem Buch ergreifend und hebt den (an den besten Stellen einem guten Kishon ähnlichen) Humor hervor.
Woraufhin Eva Menasse meint, dass allerdings sehr viele zeitgenössische israelische Autoren so schreiben und damit ihre Aufgabe, das Hier und Jetzt in Israel darzustellen, grandios meistern.

Hier muß ich ihr beipflichten, denn aus diesem Grund lese ich zeitgenössische israelische Autoren sehr gerne.
Lizzie Doron zum Beispiel hat mit “Who the Fuck is Kafka” ein hochinteressantes Buch über das Verhältnis von Israelis und Palästinensern geschrieben, in dem ich mir so viele Stellen mit Post-Its markiert habe, wie noch nie zuvor.
Yael Hedaya liebe ich aufgrund ihrer leisen Töne und intimen Momente und Mirna Funk, die in “Winternähe” eine junge Berliner Jüdin beschreibt, die aufgrund von Anfeindungen nach Israel zieht, schreibt schön direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Das mag ich sehr. Gut, ich gebe zu, sie ist eine deutsche Autorin, aber ihr Buch spiegelt das aktuelle Leben in Israel wieder, daher nehme ich sie jetzt einfach mit rein. Ihr Buch hat mich sehr beeindruckt.

Doch jetzt zurück zu “Die sieben guten Jahre”, von welchem Eva Menasse meint, das es für Etgar Keret ein überraschend stilles und wenig schrilles Buch sei und ich glaube, ich muß seine Erzählungen wirklich einmal lesen. Schrill mag ich ja.
Volker Weidermann, der auch einmal etwas sagen möchte, ergänzt, dass es dem Autor gelingt, mit diesen Geschichten Weltgeschichte zu transformieren, ohne dass es angestrengt wird. Mein erster Gedanke war: “Das hat er sich aber schön zu recht gelegt”. Aber insgesamt fand ich Volker Weidermann nicht so, ich nenne es mal “hundelig”, wie in den ersten Sendungen. Das ist ja schonmal ein Fortschritt.
Da ich israelische Schriftsteller und Etgar Keret an sich sehr interessant finde, werde ich in dieses Buch auf jeden Fall hinein schauen. Das hätte ich ohne diese Sendung sicherlich nicht getan.

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Benjamin von Stuckrad-Barre: “Panikherz”

Panikherz

Als ich den Inhalt dieses Buches las, muß ich sagen, dass es mich so gar nicht interessiert hat. Mein erster Gedanke war, dass der Autor doch schon längst “out” sei, man hatte ja ewig nichts mehr von ihm gehört, bzw gelesen. Das heißt gelesen schon: Drogensucht, Zusammenbruch, Clean-werden, nur eben kein literarisches Werk. Seit seinem letzten Buch sind schon über 10 Jahre vergangen.
Ist dieses Buch einfach nur ein verzweifelter Comeback-Versuch? Ich weiß es nicht und ich konnte mir leider auch noch keine Meinung bilden, denn das Buch war zum Zeitpunkt des Literarischen Quartetts noch nicht erschienen. Was für mich vollkommen sinnfrei ist, denn wenn ein Buch interessant besprochen wird, will der Leser es doch sofort haben und nicht erst 10 Tage später, nämlich am 10.März. Dann kräht doch kein Hahn mehr danach.
Dachte ich erst. Dann habe ich mir überlegt, dass das alles genauso marketingtechnisch gewünscht sein könnte. Künstliche Verknappung um Aufmerksamkeit zu erlangen.
Des Weiteren habe ich gesehen, dass der März Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone, für die Stuckrad-Barre früher einmal geschrieben hat, eine einstündige Hörprobe von Panikherz beiliegt und im Heft selbst einige Seiten des Buches vorabgedruckt sein werden.

Klar, der Autor und Journalist verfügt über sehr viele Kontakte, das ist für ein solches Comeback sehr nützlich.
Dennoch finde ich dieses Rezensieren vor dem eigentlichen Erscheinungstermin nicht gut, denn was bringt es mir als Buchhändlerin, wenn der Kunde mit der Zeitung oder in diesem Falle mit dem Quartett im Kopf in den Laden kommt und dann enttäuscht ist, wenn das Buch nicht da ist.
Über dieses Thema hat der Autor Alain Claude Sulzer übrigens gerade einen sehr lesenswerten Artikel in der NZZ geschrieben. Vielen Dank an Sophie von Literaturen für den Hinweis.

Doch zurück zum Buch: Volker Weidermann, der “Panikherz” übrigens vorstellt, stellt fest, dass es sich um einen autobiografischen Roman handele, einen Roman, indem ein junger Mann im Zentrum steht, der sich ein Bild von sich selbst als Popstar vor Augen hält und diesem hinterherhechelt. Er kommt aus einem protestantischen Haushalt und ihm wurde Selbstlosigkeit und die Tatsache, dass man an etwas glauben müsse eingetrichtert. Also glaubt er und schafft sich seine eigenen Helden, die da zum Beispiel Harald Schmidt und Udo Lindenberg heißen. Er will genauso werden wie sie und je älter er wird, desto schwieriger wird es ,diesem Leben/Bild zu entsprechen.
Für Weidermann ist “Panikherz” ein Roadmovie in die Dunkelheit, der schließlich ins Licht führt.

Für Maxim Biller hingegen ist dieses Buch unerträglich: Da will ein Mensch eine Geschichte aufzuschreiben, die interessanter ist, als der Mensch selbst. Er nehme Kokain, weil man das eben so mache und begründe sein ADS mit dem Leistungsdruck, dem er ausgesetzt sei. Er wolle unbedingt dem Showstarimage entsprechen. Darum mache er das.
Diese Aussage löst bei Volker Weidermann und Eva Menasse ein lautstarkes: NEIN! aus.
Und es stimmt natürlich, die beiden haben ein ganz anderes Bild von Stuckrad-Barre, da sie ihn als Journalisten erlebt und als hochbegabten jungen Mann kennen gelernt haben. Einen Mann mit einem überempfindlichen Wahrnehmungsapparat, den er glänzend in Sprache übersetzen und die Banalität sowie die Plattheit der Welt erfassen und umsetzen könne.
Stuckrad-Barre sei ein brillanter Reporter, voller ironischer Verachtung, der allerdings auf einem sehr hohen Ross saß, verächtliche Reportagen schrieb und darüber verzweifelte, dass das Leben eben auch banal sein könne. Er habe es einfach nicht aushalten können, dass sein Leben eben auch mal fad sei, so Menasse.

Volker Weidermann fügt hinzu, dass in diesem Buch keine Menschen vorkommen, sondern ausschließlich Götter und genau diese “Saulus-Paulus-Geschichte“, dieses Anbeten von Göttern kreidet Maxim Biller Stuckrad-Barre an und bezeichnet es als ekelhaft. Eva Menasse hingegen findet genau dies herzanrührend.
Auch empfindet sie Eva Menasse finder die Beschreibung des Pfarrhauses sehr komisch und sagt sogar, dass das protestantische Pfarrhaus in der Vergangenheit schon oft beschrieben wurde, aber noch nie so witzig wie bei Stuckrad-Barre.
Maxim Biller ist sehr irritiert, worauf Eva Menasse feststellt, dass sie wohl einfach einen unterschiedlichen Humor haben. Biller kontert typisch: “Es gibt nur einen Humor”, was Eva Menasse für eine Lüge hält und ich schließe mich da an. Menschen lachen über Verschiedenes.

Bei der Buchempfehlung im Laden empfinde ich die Aufforderung: “Ich hätte gerne ein Buch, ein Lustiges” als Königsdisziplin. Für jeden ist etwas anderes witzig. Ich amüsiere mich zum Beispiel prächtig über den britischen Humor und liebe Evelyn Waugh sehr. Aber es gibt auch viele, die damit nichts anfangen können, aber zum Beispiel “Mieses Karma” sehr komisch finden. Und eben das gilt es herauszufinden. Welche Art von Humor meint der Kunde, was fand er zum Beispiel gut. Habe ich dies schließlich herausgefunden, habe ich eine Basis, mit der ich arbeiten kann, um ein Buch mit ähnlichem Humor zu finden.

Aber ich war ja eigentlich bei “Panikherz”, von dem, ich glaube es war Volker Weidermann, sagt, es sei ein großes Drogenbuch in dem sehr delikat das Leben eines Suchtmenschen beschrieben wird, der etwas Besseres will – etwas ganz Großes. Des Weiteren bezeichnet er das Buch als Kultur- und Popgeschichte der Bundesrepublik der letzten 20 Jahren und als extrem welthaltig.
Es geht um einen Menschen, der alles verachtet und sich in seinem schlimmsten Moment, als Harald Schmidt sich öffentlich im Fernsehen über Stuckrad-Barre lustig macht, die Frage stellt: Sollte hier mein Leben wirklich enden? Will er sein Leben nun vielleicht mit dem vorliegenden Buch retten?
Stuckrad-Barre sei damals fast gestorben und lebte sein Leben sehr extrem und mit einer absoluten Ironie. Dass ausgerechnet er in diesem schlimmen Moment Pathos und Liebe in sein Leben läßt, in dem er den Satz von sich gibt: “Wer hat eigentlich jemals etwas gegen das Konzept der Familie gesagt?” findet Eva Menasse herzergreifend.

Maxim Biller jedoch sieht, wen wundert es, nur den Spießerjungen, der zu früh Drogen genommen habe. Allerdings muss man auch sagen, dass Biller einen anderen Blick auf das Buch hat. Er kennt Stuckrad-Barre und sein Leben nicht und betrachtet nur das Buch und das ist ja vollkommen legitim.
Vor der Sendung hat mich dieser Titel ja gar nicht interessiert, das hat sich im Laufe selbiger allerdings geändert. Ich bin gespannt darauf, wie dieses Buch wirklich ist (was ich ja frühestens in 10 Tagen erfahren werde – das Konzept des Neugierigmachens hat bei mir somit bestens funktioniert, mal schauen, ob das noch 10 Tage anhält) und werde vielleicht auch in Stuckrad-Barres ältere Titel hineinlesen.

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Anthony Powell: “Eine Frage der Erziehung” (Ein Tanz zur Musik der Zeit – Band 1)

Powell

Für mich ist dies der spannendste und interessanteste Titel der Runde. Ich liebe die Briten, wobei ich mich gerade frage, weshalb ich Downton Abbey immer noch nicht gesehen habe, und vor allem ihren wunderbaren Humor.
Die Aussage, dass vorliegendes Buch in England Kultstatus habe, macht für mich das Ganze natürlich noch interessanter.

“Eine Frage der Erziehung” ist der erste Band eines 12-bändigen Romanzyklus, der in Deutschland nahezu vollkommen unbekannt ist, da bisher jeder Übersetzungsversuch scheiterte. Der Elfenbein-Verlag, der mir bis zu dieser Sendung ebenfalls vollkommen unbekannt war, will dies nun ändern und ich freue mich sehr, das Eva Menasse diesen wie sie sagt wunderbaren Gesellschaftsroman mit köstlichem Humor ausgewählt hat und dem Verlag so sicherlich Umsatz beschert. Gerade  habe ich gesehen, dass dieses Buch schon in die 4. Auflage geht. Das hat also schon wunderbar geklappt.

Der ganze Zyklus spielt in den 20er bis 70er Jahren und Volker Weidermann hat ein kleines Problem, denn er hat sich mit den ersten 70 Seiten, so viel Zeit brauche das Buch, um in Fahrt zu kommen, etwas schwer getan. Das Buch und die Gesellschaft darin bleibe gerne unter sich.

Eva Menasse bestreitet diese “Startschwierigkeiten” nicht, man brauche schon ein bisschen, um hinein zu kommen, aber man trete ja auch schließlich in eine große Welt (ich sage nur 12 Bände) ein. Große Literatur stellt nun mal Ansprüche an den Leser: Öffne Dich, dann tue ich etwas für Dich.  Ein sehr schöner Satz, wie ich finde.

Kurz zum Inhalt: Der Protagonist kommt an die Universität, tritt in die Gesellschaft ein und lernt Künstlerkreise kenne. Maxim Biller ergänzt, dass die Hauptfigur für sein komplettes Personal sehr viel Sympathie hege. Aber es gibt zwei Ausnahmen: einmal einen Loser mit diplomatischem Geschick, den er aber gar nicht mag und dann eine zweite “schlimme” Figur, einen Arbeiterjungen und Kommunisten, der die Reichen verachtet, in Wahrheit aber ein geldgeiler Karrierist sei.

Was Maxim Biller am Roman bemängelt, ist die Tatsache, dass diese Gesellschaft leider nicht untergehe, sondern bestehen bleibe, woraufhin Eva Menasse meint, dass wir ja schließlich in England seien und dass diese Gesellschaft ja dort auch bis heute bestehe. Genau dafür hasst Biller die Engländer ja, gibt auch offen zu, sich bei BBC Serien zu langweilen und dass ihm diese Landschaftsbeschreibungen und das ewige Tennis und Golf im Roman einfach zu viel gewesen sei. Aber scheine da ja wohl ein ganz anderes Buch gelesen zu haben, als Eva Menasse.
Diese meint, es gäbe keinen direkt angelegten Plot und es gehe ja eigentlich um das Vergehen der Zeit, wie bei Marcel Proust. “Ein Tanz zu Musik der Zeit” sei “hingetupft, wie ein Gemälde”, aus dem lose Fäden heraushängen, die irgendwann zusammengeführt werden. Das Ganze erschließe sich erst mit dem Weiterlesen.
Alle 12 Bände werden allerdings erst nach und nach erscheinen und das Projekt erst im Jahre 2019 seinen Abschluss finden.

Ich finde, dass sich dieser Zyklus höchst interessant anhört, muß aber zugeben, dass ich fürchte, dass mir für 12 Bände in drei Jahren der Atem nicht reichen wird. Aber ich kann es ja mal versuchen und werde mir den ersten Band auf jeden Fall genauer anschauen.

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Insgesamt kann ich sagen, dass mir diese Sendung besser gefallen hat als die anderen beiden, die ich bisher gesehen habe und ich glaube, ich weiß, woran es liegt: Es waren nur drei Kritiker, die miteinander um die Redezeit kämpften, nicht vier. Das entzerrt das Ganze etwas.

Ich muß der WELT auch zustimmen, dass es der Sendung nicht geschadet hat, dass Christine Westermann nicht anwesend gewesen ist. Sie ist für mich ein Bindeglied zwischen Leser und Buch, sie liest zum Vergnügen, nicht um zu kritisieren, so empfinde ich das zumindest. Ich finde das schön, auch ich lese zum Vergnügen, doch auf das Zum-reinen-Vergnügen-lesen ist diese Sendung einfach nicht angelegt. Es geht um Kritiker, die den Text auseinandernehmen und sich die jeweilige Meinung um die Ohren hauen. So ein Typ ist Christine Westermann nicht und mir tut sie in dieser Runde immer etwas Leid, weil ich das Gefühl nicht los werde, dass die anderen drei sich über sie erheben und sie gar keine Chance bekommt sich zu wehren.

Daher hatte ich bei der aktuellen Sendung eher den Eindruck, dass das Ganze ausgeglichener sei, dass auf einer Ebene diskutiert wurde und diese Konstellation finde ich gar nicht verkehrt, obwohl ich nach wie vor weder Maxim Biller noch Volker Weidermann sonderlich mag und mir ein “Gäste-Quartett” wie Eingangs bemerkt, irgendwie noch lieber wäre.
Aber das alles ist ja schonmal ein Fortschritt und was mir besonders gut getan hat, war, dass Volker Weidermann diese unsägliche Fußballergebnis-Beurteilung (Roman eins: 2:2, Roman zwei: 3:1…) weggelassen hat.
Das zeigt doch, dass man gelernt hat und das finde ich sehr sympathisch.


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4 thoughts on “Das Literarische Quartett: Die vierte Sendung vom 26. Februar 2016 – Ein Kommentar
Silvia

Interessant, dass du die Wirkung der Sendung im Laden prüfen kannst! Ich habe es wieder nicht gesehen, kann mir aber vorstellen, das die Zusammenstellung ohne Frau Westermann besser funktioniert. Sie ist mehr die Buchempfehlerin, weniger die Streiterin.

Alexia

Liebe Friederike,

eine tolle Zusammenfassung der Sendung. Präzise, unaufgeregt und auf den Punkt gebracht. Ich hatte beim Durchlesen das Gefühl, die Sendung noch einmal zu erleben.

Den gesamten Powell-Zyklus habe ich übrigens über meine Buchhandlung bestellt. Sozusagen im Abo, denn der Verlag gewährt dann je Band eine Ermäßigung von 3,00 Euro. Die ersten fünf Bände sind schon lieferbar, der sechste soll im Oktober folgen und die übrigen bis zum Jahr 2019. Und da ich, im Gegensatz zu Maxim Biller, den britischen Lebensstil und Humor sehr schätze und mir auch die Leseprobe zugesagt hat, bin ich davon überzeugt, dass ich an der Lektüre viel Freude haben werde. Allerdings wäre ich ohne die Vorstellung in der Sendung auf dieses Buch nie aufmerksam geworden, da ich schon alleine wegen des Titels „Eine Frage der Erziehung“ davon ausgegangen wäre, dass es sich um einen Erziehungsratgeber für überforderte Eltern handelt und nicht um einen Gesellschaftsroman. Und da ich niemanden zu erziehen habe, hätte ich auch keinen weiteren Blick in das Buch geworfen. Also hat es sich die Buchvorstellung in meinem Fall für den Verlag schon gelohnt, der mir übrigens bis dato auch noch nicht bekannt war.

Viele Grüße sendet Ihnen

Alexia

Friederike

Liebe Alexia,

vielen Dank, ich hatte sehr viel Vergnügen beim Schreiben dieses Textes.

Es freut mich auch sehr, dass Sie mit Powell einen Leseschatz für sich entdeckt haben ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre. Wenn Sie ihre Leseerlebnisse mit mir teilen würden, freue ich mich natürlich sehr, denn ich schätze die britische Literatur und den Humor ebenso wie Sie.
Des Weiteren finde ich es sehr schön (und auch mutig), dass Sie alle Bände auf einmal bestellt haben, da hat sich Ihre Buchhandlung sicherlich sehr gefreut – Bestellungen eines Gesamtwerkes gibt es heutzutage meiner Erfahrung nach, immer seltener.
Da hat sich das Literarische Quartett ja für beide Seiten gelohnt :).

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und sende viele Grüße.
Friederike

Weber, Dieter

Stimme zu. Sehe u. höre Frau Westermann grds. sehr gern. Ich mag ihre Art und ihre Uneitelkeit. In das Konzept dieser Sendung (jedenfalls so wie die Sendung rüberkommt) passt sie eher nicht. Frau Menasse hingegen war ein erfrischender Gegenpart zu dem gleichsam unverzichtbaren wie selbstverliebten FAZ-Mann.

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