Mirna Funk: „Winternähe“

Mirna Funk: „Winternähe“

Eine meiner Kollegin meinte: “Winternähe wird Dir sicher gefallen”. Recht hatte sie, denn ich bin vollkommen begeistert von diesem Buch.

Darum geht es: Lola ist sehr impulsiv. Manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr für ihre Mitmenschen, wie zum Beispiel für ihren Anwalt.
Warum Lola, die 34 Jahre alt und Fotografin ist, einen Anwalt braucht, ist so eine Sache: Bei einer Firmenfeier, der Lola fern geblieben war, wurden Selfies aufgehängt – unter anderem eines von Lola, obwohl sie dem gar nicht zugestimmt hatte.
Jedenfalls wurde während der Veranstaltung ein Foto von ihrem Kollegen Olaf gemacht, auf dem zu sehen ist, wie er auf Lolas Oberlippe ein Hitlerbärtchen malt. Dieses Bild wurde Internet gestellt.

An dieser Stelle sei gesagt, dass Lola Jüdin ist und genau das wird ihr jetzt vor Gericht abgesprochen, denn Jüdin sei nur, wer eine jüdische Mutter habe – und es ist Lolas Vater, der Jude ist. So steht es in der Halacha, dem jüdischen Gesetz.
Lola jedenfalls geht während der Verhandlung auf die Toilette, malt sich selbst ein Hitlerbärtchen an und wird daraufhin der Verhandlung verwiesen. Vor Gericht verliert sie.
Dieser Vorfall hat Lola verändert und als in ihrer Firma etwas Ähnliches mit antisemitischen Hintergrund, wie vor Gericht, passiert, kündigt sie ihren Job.

Man würde Lola gerne in den Arm nehmen, aber ich bin mir sicher, das würde sie nicht zulassen.
Sie ist eine Person, die (für andere) sehr stark wirkt, die das tut, was sie will, die sich gerne Rachegedanken macht und sehr kurz davor ist diese auszuleben.
Sie sieht sehr gut aus und bläst schonmal einem Freund in einem Restaurant einen unter dem Tisch, während die anderen oben speisen und diskutieren. Sie ist einfach anders und sehr faszinierend. Ein kleiner Orkan, der auch gerne mal explodiert.
Das mit dem Explodieren könnte sie vielleicht von ihrem Vater haben – Simon, der wahrlich kein einfacher Mensch ist.

Lola wurde in der DDR geboren. Ihre ganze Familie lebte dort am Kollwitzplatz. Ihre Großmutter hatte den Holocaust überlebt und sprach von nichts anderem, während ihr Großvater zu diesem Thema eher schwieg. Ihr Sohn Simon jedenfalls ist etwas eigen. Manchmal rastet er einfach aus und läßt seine Tochter zum Beispiel auch mal beim Versteckspiel unglaublich lange suchen und regt sich dann darüber auf, dass sie irgendwann einfach aufgegeben, da sie ihn einfach nicht finden konnte.

Jedenfalls flieht Simon aus der DDR nach Westberlin und nach der Wende sieht Lola ihn immer nur an den Wochenenden. Wobei sie Angst vor seinen Ausrastern hat. “Reisvorfälle” nennt Lola diese, weil er einmal einen angebrannten Reistopf an die Wand geworfen hat, anstatt ihn einfach vom Herd zu nehmen.
Die Beziehung zu ihrem Vater bleibt schwierig und auch in den letzten vierzehn Jahren hat Lola ihren Vater nicht gesehen. Er lebt jetzt in Australien. Mit seiner neuen Familie.

Aber nicht nur die Vater-Tochter-Beziehung und das Thema Jüdisch-Sein spielen eine Rolle in diesem Buch. Es geht auch um den Israel-Palästina Konflikt, da Lola unter anderem ihren Großvater in Tel Aviv besucht und man nicht in Israel sein kann, ohne politische Themen zu berühren.

Ich muß ja gestehen zu Beginn hatte ich ja leichte Bedenken, dass dieses Buch zu viel wollen könnte: Jüdisch-Sein in Deutschland, Antisemitismus, DDR, Israel-Palästina-Konflikt – aber nach ein paar Seiten waren alle meine Bedenken weggewischt, denn Mirna Funk meistert diesen Themenkreis grandios.
Was, wie ich finde, an Lola liegt, die all diese Themen verbindet und zusammenhält und die mich in ihrer Art ein bisschen an die Figuren der Autorin Lily Brett, eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen, erinnert. Lola ist so authentisch, so impulsiv und stellt Fragen, die sich keiner je zu fragen traut. (Zum Beispiel fragt sie einen orthodoxen Juden im Flugzeug ob es stimme, dass er und seine Frau Sex durch ein Loch in einer Decke hätten – das haben sich bestimmt schon viele insgeheim gefragt, aber Lola traut sich es auszusprechen).
Auch die Gespräche mit (ich bin mir nicht sicher, ob ich “Freund” sagen kann) Shlomo sind so gut, denn die beiden liefern sich einen sehr wahren und ironischen Schlagabtausch. Beeindruckend.

Ich habe dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen und denke, dass es sehr gut sein könnte, dass wir es auf der Longlist des Deutschen Buchpreises im August antreffen werden. Den Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Debüt hat die Autorin ja bereits erhalten.
Ich drücke Mirna Funk jedenfalls die Daumen!

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ISBN: 978-3-596-03348-5
Verlag: Fischer
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 10,99 €

Die gebundene Ausgabe dieses Romans ist 2015 bei S.Fischer erschienen.


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