Dita Zipfel: “Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte”

Dita Zipfel: “Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte”

Darüber, dass jeder Mensch einzigartig und besonders ist, ist schon viel geschrieben worden.
Aber nicht auf diese Art und Weise: Witzig, tiefgründig und ein bisschen verrückt.
Zipfelig eben.
Super!

Lucie braucht dringend Geld. Genauer gesagt 437,59 €. Wenn sie ihre Ansprüche herunterschraubt und nur einmal ins Kino geht, muss sie für diese Summe 22 Stunden arbeiten.
Im Supermarkt hängt ein Plakat, auf dem jemand für das Gassi gehen mit seinem Hund pro Stunde 20 Euro bietet.

Am Tag kann man maximal drei Stunden Gassi gehen.
22 Stunden geteilt durch 3 Stunden macht 7,33333 Stunden.
Da steht es nun, schwarz auf weiß: Lucie wird in sieben komma drei Tagen ausziehen!
Endlich weg von Zuhause! Endlich nach Berlin, zu Bernie!

Der Tag, an dem Bernie ausgezogen ist, ist wirklich schlimm gewesen. Denn Bernie ist anders, als alle Partner, die sich Lucies Mama bisher ausgesucht hat.
Bernie hat getanzt, alles erklärt und die Wohnung war voller Gefühle. Sie haben zusammen im Wohnzimmer gezeltet und Silberfische im Bad gezüchtet.

Bis dahin war es immer das Gleiche: Der Mann hatte keine eigene Wohnung, musste folglich gleich bei Lucie, ihrem Bruder Jannis und Mama einziehen und kam aus einer schwierigen Lebenssituation.
Das heißt, er musste sehr bemitleidet werden.
Außerdem waren es immer Männer, die man nicht ignorieren konnte, zumal sie ein großes Mitteilungsbedürfnis hatten.
Das hat Lucie perfekt analysiert und ist damit auf gutem Weg, ihrem Ziel näher zu kommen. Später möchte sie einmal Anthropologin und Biologin werden, um die Menschen besser zu verstehen. Dafür muss sie üben, objektiv zu sein, Analysen zu betreiben und ihre eigenen Schlüsse aus diesen zu ziehen.

Lucies erstes Forschungsobjekt ist ihre Mama und Lucie glaubt, dass das Schema ihrer Mutter bei Bernie vielleicht nicht gegriffen hat, weil Bernie eine Frau ist. Es war so schön, sie um sich herum zu haben.
Aber jetzt ist Bernie in Berlin und Mama hat einen Neuen. Michi, der perfekt in ihr altes Schema passt.
Und der einfach nur nervt!!!

Jeden Morgen legt er Lucie oder ihrer Mutter einen ach-so-individuellen Spruch auf den Frühstücksteller, den er aus dem Internet abgeschrieben hat und der ja so gefühlvoll ist. “Liebe to go” nennt Michi diese Zettel auf denen zum Beispiel steht:

Er: Ich komme gleich wieder
Sie: Bis gleich
*8 Stunden später*
Sie: Wo warst du denn so lange
Er: Jemand hat mich gefragt, warum ich dich liebe

Da kann Lucie nur noch kotzen!
Den Michi hält man doch nicht aus!
Deshalb muss Lucie weg. Nach Berlin.
Und deshalb hat sie sich auch fest vorgenommen den Hund, den man laut Plakat ausführen soll, ganz süß und reizend zu finden. Auch wenn es sich um eine sabbernde Bestie handelt.
“Zwanzigeuroprostunde” ist das Mantra!

Doch als sich die Tür öffnet ist da kein Hund zu sehen, oder zu riechen. Vor ihr steht Herr Klinge, der für eine Survival-Tour angezogen ist und “Keine Mädchen!” für den Job akzeptieren will.
Doch Lucie ist wild entschlossen, denn dieser Job ist ihr Ticket in die Freiheit. Daher stellt sie die alles entscheidende Frage:
“Wo ist Ihr Hund?”
“Tot. …”
Das kann ja heiter werden…

Wenn Ihr jetzt denkt: “Na toll, jetzt hat sie alles vorweggenommen…”, dann kann ich Euch beruhigen: Das habe ich nicht. Obige Zeilen umfassen so ca. die ersten zehn Seiten inklusive der den Text perfekt unterstreichenden Illustrationen.
“Wie Illustrationen?” Ist das ein Comic-Roman?
Vielleicht, ein bisschen. Ein intelligenter, hintergründiger, witziger Roman mit Zeichnungen für fortgeschrittene junge Leser ab 13 Jahren. Aber auch definitiv ein Buch für Erwachsene.
Ich hatte immenses Vergnügen bei dieser Lektüre.

Vordergründig geht es hier natürlich um ein Mädchen, das mit den Entscheidungen der Mutter nicht einverstanden ist und weg von Zuhause weg möchte.
Doch das ist nur eines von vielen Themen. Denn es geht vor allem ums Anderssein. Und darum, dieses Anderssein bei anderen zu akzeptieren.
Darum, dass jeder so seine eigene Welt hat, in der die Dinge, die er tut vollkommen Sinn machen, auch wenn sie für Außenstehende total absurd sind.
Wie bei Herrn Klinge von dem wir nicht wissen, weshalb er so geworden ist, wie er eben ist. Vielleicht hat er die “normale” Welt einfach nicht ertragen. Vielleicht war ihm alles zu viel.

Herr Klinge ist definitiv anders, als andere, aber Lucie ist es auch. Sie hat keine Angst, begegnet ihm ohne Vorurteile und stellt fest, dass man von ihm etwas lernen kann. Das ist nicht alltäglich.
Sie versucht ihn zu verstehen bzw. ihn zu analysieren und das funktioniert.

Aber weshalb funktioniert es bei Mamas neuem Freund Michi nicht?
Der ist doch viel “normaler” als Herr Klinge! In Michis Fall setzen Lucies Einfühlungsvermögen und Verständnis allerdings komplett aus.
Vielleicht, weil sie jeden Tag mit ihm konfrontiert wird und gezwungen ist, mit ihm zusammen zu leben?
Bei Herrn Klinge könnte sie von einem Moment auf den anderen gehen.
Oder…naja…so ganz stimmt das auch nicht.

In diesem Buch steckt so viel, dass ich jetzt seitenweise Absätze zitieren könnte.
Zum Beispiel diese kurze Passage über perfekt ausgestattete Jogger, über die ich sehr lachen musste. Oder die Zeilen darüber, was man auf keinen Fall mit Songs machen soll, die man liebt, oder darüber, dass es genau zwei Arten von Erwachsenen gibt, oder…ach ne, das lasse ich jetzt.
Bitte lest diesen großartigen Roman selbst egal, ob ihr 12, 46, 72, oder 98 seid.
Es lohnt sich so!

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ISBN: 978-3-446-26444-1
Verlag: Hanser
Illustration: Rán Flygenring
Seiten: 208
Preis: 15,00


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