Anna Woltz: „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“

Anna Woltz: „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“

Ein wunderbares Sommerbuch mit Tiefgang. Anna Woltz kann es einfach!

Samuel macht mit seiner Familie Urlaub. Doch schon am ersten Strandtag passiert es: Sein (momentan gar nicht so netter) Bruder Jorre fällt in ein Loch am Strand, bricht sich das Bein und muss zum Arzt. Na toll.

Im Wartezimmer sitzen nur supergesunde Leute und plötzlich muss Samuel an Bellas Vater denken, der kürzlich gestorben ist. Und das, obwohl man ihm im Herbst auf dem Sportfest nichts angesehen hatte.
Dann muss Samuel über die Dinosaurier nachdenken und dass sie ausgestorben sind und dass der allerletzte Dinosaurier wohl am traurigsten gewesen sein muss, weil er ganz alleine war.

Samuel denkt oft nach. Deshalb nennt Jorre ihn auch immer “Professor”, was Samuel gar nicht gut findet. Vor allem trifft diese Bezeichnung auf Samuel gar nicht zu, denn um Professor zu werden, muss man erst zum Gymnasium gehen und “danach noch ganz viele Jahre zur Universität.” Samuel ist ja erst in der vierten Klasse, also kann er gar kein Professor sein.

Jedenfalls beschließt Samuel nicht im Wartezimmer zu warten, sondern draußen beim Auto. Dort entdeckt er, dass auf der Terrasse des Nebenhauses ein Mädchen am Computer sitzt. Eigentlich will er so tun, als ob er sie nicht gesehen hat, doch da ist es schon zu spät.
“Warte mal” ruft sie. “Weißt Du etwas über Zebrafische?”. Nein, darüber weiß Samuel nichts. Auch die weiteren Fragen des Mädchens muss er verneinen, denn er kann weder Trompete spielen, noch hat er einen Schnitzkurs gemacht. Walzer tanzen kann er auch nicht. Er ist schon sehr erleichtert und will gehen, da ruft sie “Ich kann es auch nicht. Dann lernen wir es.”
Und schwups stehen die beiden auf dem Parkplatz und tanzen Walzer. Denn für Tess ist es sehr wichtig, dass sie bis heute Abend Walzer tanzen kann. “Der Rest meines Lebens hängt davon ab.”

Dass dies nicht gelogen ist, erfährt Samuel nach und nach. Denn Tess lebt mit ihrer Mutter zusammen. Ihren Vater kennt sie nicht und ihre Mutter wollte ihr nie erzählen, wie er heißt. Jetzt hat sie es durch Zufall herausgefunden und ihm geschrieben, dass er eine Woche Ferien gewonnen hätte. Im Ferienhäuschen auf der Insel, das Tess´Mutter vermietet. Heute Abend kommt er mit seiner Freundin an.
Dass er eine Tochter hat, davon weiß er nichts.
Tess hat beschlossen, ihn erst kennenzulernen und zu schauen, ob er nett ist. Erst dann will sie sich entscheiden, ob sie sich als Tochter zu erkennen gibt, oder nicht…

Wie in allen ihren Büchern (“Gips”, “Für immer Alaska” und “Hundert Stunden Nacht”) gelingt es Anna Woltz auch hier, ernste Themen einfühlsam, klug und humorvoll zu verpacken.
Vordergründig ist “Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess” eine schöne, spannende Sommer-Geschichte, doch eigentlich geht es hier um viel mehr.

Natürlich einerseits darum, wie Tess ihrem Vater begegnet und sie zunächst nicht findet, dass er wie ein Vater aussieht. Er hat nämlich immer sehr wild bedruckte, verrückte T-Shirts an, aber das könnte ja auch daran liegen, dass er nicht weiß, dass er ein Vater ist.
des Weiteren geht es um den Plan, den Tess sich ausgedacht hat, darum, wie mutig sie ist und dann im entscheidenden Moment doch nicht weiß, was er sagen soll. Und darum, dass der sonst eher scheue Samuel das Ruder übernimmt.

Aber es geht auch um etwas anderes. Etwas, das ich eingangs (Stichwort: Dinosaurier) bereits erwähnt habe: Ums Sterben und um den Tod.
Denn als Samuel und Tess Walzer tanzen, kommt plötzlich ein alter Mann auf sie zu, der eine Schachtel in der Hand hält. Es ist Tess alleinstehender Nachbar Herr Giltjes, dessen Kanarienvogel Remus gerade gestorben ist. Der Tierarzt hat gesagt, er solle ihn einfach wegwerfen. Aber das geht doch nicht! Remus war doch sein Freund!

Da Samuel ja schon auf einer Beerdigung war (wir erinnern uns an Bellas Vater) und weiß, wie soetwas funktioniert, bietet er an, Remus zu beerdigen. Mit allem drum und dran.
Er und Tess fahren in den Supermarkt und kaufen gelbes Krepppapier, in welches sie Remus einwickeln, weil gelb seine Lieblingsfarbe war.

An Remus´ Grab fragt Samuel, ob Herr Giltjes noch etwas sagen möchte. Ja, das möchte er:
“Meine Wohnung ist so still ohne dich. Dennoch bin ich froh, dass du vor mir gestorben bist. Was hättest du denn ohne mich tun sollen. Ich bin jetzt zu alt für etwas Neues, also warst du mein letztes Tier. Ich werde dich vermissen.”
Als Tess´Laptop danach “I believe I can fly” spielt, hatte ich einen Klos im Hals und war gleichzeitig sehr gerührt.

Ja, in diesem Buch geht es ums Sterben, aber vor allem ums Leben. Denn für Tess stellt sich die Frage, ob sie ihren Vater in das Ihre lassen möchte, oder nicht. Und um die Frage, ob sie das alleine zu entscheiden hat.

Ein wirklich großartiges Buch, kleines Buch, das bewegt, aber auch sehr zum Lachen gebracht hat.
Ein Buch, das auch zeigt, dass Herr Giltjes nicht Recht hat. Denn: Für ein Haustier ist man nie zu alt!

Ab 10 Jahren.

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ISBN: 978-3-551-31711-7
Verlag: Carlsen
Erscheinungsjahr: 2019
Übersetzung: Andrea Kluitmann
Illustration: Regina Kehn
Seiten: 176
Preis: 5,99 €

Die gebundene Ausgabe dieses Buches ist 2015 ebenfalls bei Carlsen erschienen.


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