George Saunders: “ Zehnter Dezember”

George Saunders: “ Zehnter Dezember”

Ich weiß noch, wie 2013 eine Dame dieses Buch auf Englisch bei mir bestellte und meinte, dies sei das Beste, was der amerikanische Markt zu bieten hätte. Dieses Buch sei in den USA in aller Munde.
Daran habe ich mich erinnert und “ Zehnter Dezember” nun endlich zur Hand genommen. Ich wußte nicht, was mich erwartet, keine Stilrichtung – ich habe mich vollkommen überraschen lassen und kann nun sagen: Ja, diese Erzählungen sind schlichtweg brillant. 

George Saunders Themen variieren sehr stark, doch eines sind seine Geschichten immer: Modern, überraschend und unglaublich kreativ.
In der Erzählung  „Sprung zum Sieg“ geht es zum Beispiel um Kyle, in dessen Familie man sich “Arbeitspunkte” verdienen muß. Die Eltern haben ein System aufgestellt, nach welchem sich Kyle zu richten hat, so dass er vor lauter Verboten manchmal gar nicht mehr weiter weiß. Heimlich flucht Kyle – allerdings nur im Kopf. Aber das ist natürlich auch verboten.

Als er eines Tages Zeuge eines seltsamen Vorfalles zwischen dem Nachbarsmädchen und einem unbekannten Herrn wird, weiß er vor lauter Regeln wieder nicht, wie er sich verhalten soll. “In seiner Brust fühlte Kyle seine ganzen Leitlinien, Große Leitlinien und Kleine, die er gerade alle verletzte. Er stand ohne Schuhe auf der Terrasse, ohne Hemd auf der Terrasse, war draußen, während sich ein Fremder in der Nähe befand, hatte Kontakt zu dem Fremden aufgenommen.“
Das Nachbarsmädchen ist so etwas wie Kyles Nationalheiligtum und da muß man doch reagieren, aber darf man dafür ohne Schuhe draußen herumlaufen? Das ist nun die Frage aller Fragen, die es zu klären gilt.

Wie George Saunders diesen Zwiespalt beschreibt und mit welchen Sprachkreationen er das Nachbarsmädchen einführt, ist einmalig. Gekonnt lyrisch und ballettesk das verehrte Mädchen, gehetzt-bedrängt Kyle, der nichts anderes tun möchte, als laufen, laufen, laufen. Ganz weit weg. Oder eben durchdrehen – diese Option besteht auch.

Das ist nur eine der Welten, in die uns George Saunders entführt. Eine andere Geschichte spielt in einem Mittelalter-Freizeitpark und wie der Autor hier mit Sprache jongliert ist wirklich grandios.
In einer weiteren Erzählung (“Die Semplica-Girl-Tagebücher”) geht es darum, wie Menschen als natürliche Dekoration in Gärten verwendet werden und als Statussymbol gelten. Klingt verrückt, ich weiß, aber liest man es, ist man vom ersten Satz an vollkommen gefesselt.

In der Buchhandlung habe ich schon festgestellt, dass viele bei diesem Titel zunächst begeistert sind und sobald ich dann sage, dass es sich um Erzählungen handelt, schwindet das Interesse urplötzlich.
Das finde ich sehr schade und muß gleichzeitig aber auch zugeben, dass ich in früheren Zeiten auch des Öfteren so reagiert habe. Romanen gab ich irgendwie immer den Vorzug.

Doch inzwischen habe ich gemerkt, wie intensiv und gut solche Kurzstrecken sein können. Es kommt einfach auf die Art der Geschichten an und George Saunders fabuliert mit so einer Selbstverständlichkeit, dass man gar nicht anders kann, als sich ins Geschehen fallen zu lassen. Mir war nach jeder seiner Erzählungen so zumute, als ob ich einen ganzen Roman gelesen hätte.

Ich kann die Begeisterung der Dame, die mich überhaupt erst auf George Saunders aufmerksam gemacht hat völlig nachempfinden und bin ihr sehr dankbar für diesen Geheimtipp, von dem ich mir wünsche, dass er kein Geheimtipp bleibt.

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DIE ZEIT war übrigens auch begeistert.


ISBN: 978-3-442-71303-5
Verlag: btb
Übersetzung: Frank Heibert
Seiten: 272
Preis: 9,99 €bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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4 thoughts on “George Saunders: “ Zehnter Dezember”
Marina Büttner

Ich konnte nichts damit anfangen, obwohl ich gerne Erzählungen lese. Habe es nach ein paar Seiten weggelegt.
Ging mir aber ganz ähnlich mit den gerade auch so hochgelobten Erzählungen von Donald Antrim „Das smaragdene Licht in der Luft“ …

Friederike

Liebe Marina,

ich glaube, entweder man ist von Saunders restlos begeistert, oder man kann gar nichts mit ihm anfangen. Scheint bei uns der Fall zu sein :).
Stimmt, Antrim wurde ja auch so gelobt…ich glaube, da muß ich mal reinlesen und mir eine Meinung bilden. Danke für die Erinnerung.

Viele Grüße,
Friederike

Andreas

Die Erzählungen von Antrim haben mich auch eher kalt gelassen. Aber Saunders klingt interessant.

Friederike

Antrim habe ich noch immer nicht gelesen….aber ich glaube, ich brauche dringend „I CAN SPEAK“ von George Saunders…

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