Jonas Hassen Khemiri: “Alles, was ich nicht erinnere”

Jonas Hassen Khemiri: “Alles, was ich nicht erinnere”

Wie viel in diesem Roman steckt, ist mir eigentlich erst nach der Lektüre bewusst geworden. Fragmentarisch, zart und doch voller Härte schreibt der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri vom Leben junger Menschen in unserer heutigen Zeit.

Vandad hat gleich gemerkt, dass Samuel anders ist. Dass man einfach mit ihm reden kann, ohne dass er einen gleich beurteilt, so wie viele andere. Denn Vandad ist ein Schrank von einem Mann und mit seinem “Boss” Hamza unterwegs, um Drogen auf Partys zu verticken – da wird man schon gerne mal in eine Schublade gesteckt.
Mit Samuel ist Vandad auf einer dieser Partys einfach ins Gespräch gekommen. Das passiert nicht oft und dass nicht gleich nach seinem Beruf und seiner Herkunft gefragt wird, so gut wie nie.
Da macht es auch nichts, dass Samuel Vandads Anmerkungen immer sehr schnell wieder vergißt. Er ist eben so.

Die anderen jedenfalls können nicht verstehen, dass die beiden sich anfreunden und schließlich sogar zusammenziehen. Das ist wahre Freundschaft, denkt Vandad, der allerdings bald feststellen muß, dass Samuel, sobald es ums Bezahlen von Drinks und anderen Dingen geht, Vandad sehr gerne den Vortritt läßt.
Aber das macht Vandad auch gar nichts aus, denn das wird sich alles doch bestimmt irgendwann ausgleichen. Sie sind ja beste Freunde.

Sehr bald jedoch verliebt sich Samuel, der im Amt für Migration arbeitet, in eine Dolmetscherin, die er in seinem Arbeitsumfeld kennenlernt. Er beginnt zu schwärmen, hört gar nicht mehr damit auf und kommt nur noch selten nach Hause.
Dann ist Samuel tot und niemand weiß warum.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass wir mitten hineingeworfen werden und die handelnden Personen zeitgleich in kurzen Absätzen von den Geschehnissen und ihrer Beziehung zu Samuel berichten.
Gleich zu Beginn erfahren wir, dass Vandad im Gefängnis sitzt und dem Erzähler der Geschichte, der ein Buch über Samuel schreiben möchte, ein Interview gibt. Einen Absatz später sitzt der Erzähler bei Samuels Nachbarn und befragt ihn zu den Ereignissen.
Im nächsten Kapitel berichten Samuels Freundin bzw. Exfreundin und seine Mutter abwechselnd und so geht es immer weiter. Das heißt, wir haben es hier immer mit zwei Geschichten gleichzeitig zu tun, die insgesamt einen großen Chor bilden.
So bekommen wir ein sehr differenziertes Bild von Samuel, erfahren, dass er damit zurecht kommen musste, nach seinem Politologie-Studium elf Monate arbeitslos zu sein und schließlich in einem Amt zu landen, das mit seinen eigentlichen Zielen so gar nichts gemein hatte.
Aber wir lernen ihn auch zum Beispiel im Umgang mit seiner dementen Großmutter kennen, die er sehr liebt und ihr helfen möchte, das Vergessen aufzuhalten. Etwas, was ihm bei sich selbst leider nicht gelingt. Er kann sich auch weiterhin an so vieles, was ihm erzählt wurde, nicht erinnern.

Es werden allerdings auch viele Fragen aufgeworfen, da jeder einen anderen Samuel kennengelernt hat und langsam kristallisiert sich heraus, dass Samuel sich stets seinem Gegenüber anzupassen scheint. Wir lernen x Varianten von ihm kennen. Er ist nie er selbst, aber vielleicht gibt es dieses “Selbst” auch gar nicht. Vielleicht.

Sehr zart beschreibt Jonas Hassen Khemiri wie die Dinge langsam außer Kontrolle geraten und davon, wie es sich anfühlen muß, wenn der Andere keine eigene Stimme hat, sondern sich immer so verhält, wie er glaubt, dass sein Gegenüber es gerne hätte.
Wie gut das für einen Moment tun kann, wenn man (wie zum Beispiel Vandad) Bestätigung sucht, aber wie schwierig ein solches Verhalten in einer Beziehung werden kann, auch wenn man glaubt, den anderen sehr zu lieben.

Khemiri ist ein sehr feiner Beobachter und passt die Momente genau ab, in denen eine Stimmung umschlägt, auch wenn es sich nur um Nuancen handelt. Er trifft den Punkt und nach und nach können wir die einzelnen Fragmente zu einem großen Puzzle zusammensetzten, das wir vielleicht erst begreifen, wenn wir den Roman kurz sacken lassen. Das ist sehr gut gemacht. Ich bin beeindruckt.

» zur Leseprobe

» zum Interview mit der Übersetzerin Susanne Dahmann


ISBN: 978-3-421-04724-3
Verlag: DVA
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Susanne Dahmann
Preis: 19,99 €


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4 thoughts on “Jonas Hassen Khemiri: “Alles, was ich nicht erinnere”
privatkino.org

Du machst es ein wenig mit Absicht, oder?
Hatte das Buch vor einer Woche in der Hand, hab es aber dann doch im Laden gelassen, gestern schreibt Arndt von AstroLibrium auf Facebook, dass er nach 70 Seiten schon irgendwie in einem Sog gefangen ist und jetzt knallst du die tolle Rezension raus.

Ich sehe mich hier eindeutig als Opfer der Umstände, wenn ich es heute Abend holen gehen werde! 😛

    Friederike

    Ich bekenne mich schuldig :).

Silvia

Der Titel des Buches sprach mich direkt an. Jetzt weiß ich auch worum es geht.
Schön ist auch das Interview mit der Übersetzerin.
Viele Grüße
Silvia

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