Juli Zeh: “Unterleuten”

Juli Zeh: “Unterleuten”

Sechs Tage bin ich nun vollkommen abgetaucht in “Unterleuten”, einem kleinen Dorf in Brandenburg, in welchem es keine Geschäfte, keinen Arzt, keine Post und keinen Bahnhof, sondern nur ein kleines Lokal gibt. In genau diesem wird den Unterleutnern ein Projekt vorgestellt, welches die Dorfgemeinschaft spalten und verheerende Folgen für das Leben miteinander haben wird.

Unterleuten hat schon viel miterlebt: Die Bomben des zweiten Weltkriegs, die Rot-Armisten, die Ankunft Vertriebener aus Ostpreußen, die Auswirkungen der Mauer und der Fall selbiger 1989. Die Straßenbeleuchtung stammt noch aus DDR-Zeiten, es gibt noch immer keine Kanalisation und auch keine Bürgersteige.
Allerdings existiert inzwischen eine Trinkwasseraufbereitungsanlage. Immerhin ein Zugeständnis, das man dem Bürgermeister gemacht hat. Gegen alles andere wehrt man sich.

Eins hat sich allerdings nie verändert: Angelegenheiten regelt man hier unter sich. Nicht mit Hilfe der Polizei. Auch hilft man sich untereinander und tut Nachbarn einen Gefallen, für den man dann wieder einen Gefallen schuldig bleibt. Ein geschlossenes System innerhalb einer Tauschgesellschaft, in welcher es wichtig ist, mit seinen noch schuldigen Gefallen nicht in Rückstand zu geraten.
Ein System mit dem sich die neu Zugezogenen nicht auskennen. Wie auch, kommen sie doch aus der anonymen Großstadt, in welcher jeder für sich lebt.

Da ist zum Beispiel Linda, eine “Pferdefrau”, die mit ihrem Freund Frederik in Unterleuten ein altes Gut gekauft hat –  allen Hinweisen zum Trotz, dass dieses Haus bisher noch jedem Besitzer Unglück gebracht habe.
Renovieren möchte sie alles selbst. Die Fenster erneuern, die Dielen abschleifen und Frederik hat dem Kauf des Hauses nur unter der Bedingung zugestimmt, dass er selbst bestimmen kann, ob er ihr hilft, oder lieber im Bett liegen bleibt.
Frederik ist Programmierer und wenn er nicht ein Internet -Forum entdeckt hätte (in welchem sich Männer, die auf die Pferde ihrer Frauen eifersüchtig sind, dies allerdings öffentlich nie zugeben würden, untereinander Rat geben),  hätte das Zusammenleben mit Linda wohl nicht so funktioniert. Denn Linda liebt den Zuchthengst Bergamotte mehr als alles andere.
Für ihn hat sie auch das Gut in Unterleuten gekauft, denn sie möchte mit ihm eine Pferdezucht aufbauen. Und Frederik ist klar:  Müßte Linda sich zwischen Bergamotte und ihm entscheiden, würde das Pferd gewinnen.

Gewinnen ist auch eine Sache, die Linda antreibt. Seit sie einen Führungs-Ratgeber verinnerlicht hat, ist sie von dem Ehrgeiz besessen, einem jeden Wesen ihren Willen aufzwingen zu können. Das fängt bei Pferden an und hört bei dem Herrn, der in Unterleuten das Sagen, hat auf. Und Frederik hat sie ja eh im Griff. Sie darf auch immer am Steuer sitzen.
Frederik und Linda sind nur zwei von vielen unterschiedlichen Menschen, die in diesem Gesellschaftsroman eine Rolle spielen werden.

Da sind zum Beispiel noch Jule und Gerhard aus Berlin. Er Professor, jetzt Vogelschützer, sie seine ehemalige Studentin und nun frisch gebackene Mutter, die mit dem Problem zu kämpfen hat, dass der neue Nachbar auf seinem Grundstück von morgens bis abends Reifen verbrennt. Tut da jemand einem anderen Dorfbewohner etwa eine Gefallen, oder sind das reine Verschwörungstheorien?

Des Weiteren gibt es die alteingesessenen Dorfoberhäupter und Streithähne Gombrowski und Kron.
Gombrowski leitet die örtliche Erntegemeinschaft und hat auch sonst im Dorf viel zu sagen. Er ist der Ansicht, dass sich Streitigkeiten regeln, in dem man einfach miteinander spricht und versteht nicht, dass die Neulinge im Dorf, Frauen und Westdeutsche gleich Briefe verschicken und über Anwälte kommunizieren müssen.
Er ist groß, sehr voluminös und schreit viel herum, worunter seine Familie in der Vergangenheit sehr zu leiden hatte. Aber er ist immer bemüht eine Lösung zu finden, bei der alle Beteiligten glücklich sind.

Es sei denn, es geht um Kron, diesen Mistkerl, dessen Frau gleich nach der Wende in den Westen abgehauen ist – mit seiner Tochter Kathrin. Diese ist Pathologin geworden und wieder nach Unterleuten zum Vater zurückgekehrt. Mit ihrer Tochter Krönchen und diesem Schlaffi von Mann Wolfi, der Schriftsteller ist und seine Ideen findet, in dem er mit seinem Rasenmäher jeden Tag den Rasen mäht, was den Bürgermeister, der gleich nebenan wohnt, in die Verzweiflung treibt. Das zum Thema, auf dem Land ist es schön ruhig…
Diese Personen und noch einige Weitere treffen bei einer Versammlung des Dorfes aufeinander, in welcher angekündigt wird, dass ein Windpark in Dorfnähe nicht nur angedacht, sondern beschlossene Sache ist.

Für die Dorfgemeinde würde das ein großer finanzieller Zugewinn sein, denn die Kassen sind leer. Aber wer will schon auf diese riesigen, nachts blinkenden, Windräder schauen? Ist man dafür aufs Land gezogen? Im Sinne des Vogelschutzes ist dieses Projekt jedenfalls nicht, das ist klar und in Unterleuten nistet der hierzulande einzigartige Vogelart.
Dass es Gegner und Befürworter dieses Windräder-Projektes geben wird, war abzusehen, dass dies allerdings der Grund dafür sein würde, alte Geschichten ans Tageslicht zu bringen, Feindschaften heraufzubeschwören,  Verschwörungstheorien zu erdenken und gar einen Pakt mit Außenstehenden einzugehen, das hätte keiner vermutet.

Juli Zeh habe ich schon immer gerne gelesen. “Nullzeit” zum Beispiel fand ich gut und “Treideln” hat mir großen Spaß gemacht, aber mit “Unterleuten” hat sie ein Werk geschaffen, dass mich komplett vom Hocker gerissen hat.

Das ist nicht einfach nur ein Buch, ein Gesellschaftsroman, nein es ist Juli Zehs Opus magnum.
Sechs Tage habe ich wie gebannt gelesen und es wieder zu schätzen gelernt, wie wunderbar es ist, wenn man sich nicht nach 200 Seiten von einer Welt trennen muß. “Unterleuten” war mein erstes umfangreiches Werk seit Langem und es hat sich so gelohnt.
Es ist nicht einfach nur ein Roman über ein Dorf, es ist ein Roman über Beziehungen, Machtstrukturen, Vergangenheits- und Konfliktbewältigung und darüber was uns Menschen antreibt und was uns in der heutigen Gesellschaft wichtig ist.

Bei Linda ist es das Gefühl von Macht, Gerhard ist vom Vogelschutz besessen, Gombrowski möchte den Landwirtschaftsbetrieb aufrecht erhalten und vererben (nur wem?), Kron möchte seinen Widersacher bekämpfen und der Bürgermeister eigentlich nur seine Ruhe, denn: “Als Glücksbedingung wurde die Abwesenheit von Ruhe notorisch unterschätzt. Die meisten Menschen hatten vergessen, dass Stille die Wirkung einer inneren Dusche besaß […] niemand könnte inmitten von Lärmverschmutzung glücklich sein.”

Alle haben sie dabei eine feste Meinung vom anderen: Linda hält die Dorfleute für dumm, Gombrowski und Kron denken dies über die Städter und halten den Vogelschützer ebenso für verrückt, der dies über seinen Auroreifen verbrennden Nachbarn denkt.
Eine gute Meinung haben nicht viele voneinander. Das betrifft nicht nur die “Städter” und die “Dörfler”, nein getratscht wird natürlich auch untereinander und das nicht zu knapp.
Eigentlich wollen sie alle nur eins: Ihre Ziele erreichen und friedlich miteinander leben, doch genau das scheint nicht möglich zu sein. Es gibt immer Gewinner und Verlierer. Das war nach der Wende so und das wird auch im aktuellen Fall so ein.

Doch bis es so weit ist, dürfen wir in Unterleuten verweilen und tief in die gesellschaftlichen und sozialen Strukturen des Dorfes eindringen, Charaktere ergründen und sehr viel über die menschliche Kommunikation und das Miteinander erfahren: “In seiner langen Amtszeit als Bürgermeister hatte er gelernt, dass gelungene Kommunikation meist darin bestand, den Gesprächspartner reden zu lassen. Wichtig war, die Gedanken in der Zwischenzeit auf etwas Angenehmes zu richten, so dass am Ende des Gesprächs beide Seiten zufrieden auseinandergingen – der eine, weil er reden durfte, der andere, weil er nicht zuhören mußte.” 95% der Worte lassen sich auf “das gehört mir” oder “Liebe mich” reduzieren. “Nur die verbleibenden fünf Prozent erhielten echte Informationen. Meistens fanden sie sich am Ende einer Tirade. Ein Profi wußte, wann es so weit war.”

Dies ist nur eine von vielen sehr feinen Beobachtungen, die Juli Zeh mit uns teilt. Und alleine für diese sehr feine psychologische Komponente lohnt sich dieses Buch.
Ich jedenfalls bin restlos begeistert und sehe “Unterleuten” definitiv auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016.

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ISBN: 978-3-442-71573-2
Verlag: btb
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 12,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)

Die gebundene Ausgabe dieses Romans ist 2016 bei Luchterhand erschienen.


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13 thoughts on “Juli Zeh: “Unterleuten”
Thomas Brasch

Wer hätte das gedacht: ein Pferderoman von Juli Zeh. Ich freue mich (trotzdem) drauf.

Friederike

Lieber Thomas,

das kannst Du auch. Trotz des Ponys und der Rossfrau. :).

Viele Grüße,
Friederike

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Kerstin Lück

Ich teile Deine Begeisterung und habe in meinem Blog http://literarische-mediation.de/mediation-roman-unterleuten-juli-zeh-2015/#more-132 eine Mediation zwischen den Hauptkontrahenten Kron und Gombrowski gewagt. Beim mehrmaligen Lesen erschließt sich mir auch noch mehr, wie fein komponiert der Roman ist.

    Friederike

    Prima! Danke für den Hinweis!

    Viele Grüße,
    Friederike

PaBa

ich, wag mich vorschnell in diese Rubrik „Kommentar“, wo ich gerade erst auf Seite 25 angekommen bin?
Allein der Titel „Unterleuten“: genia!, was einem zu diesem Fantasienamen alles an Assoziationen in den Kopf kommt – das könnte bei einem selbst ganze Seiten füllen, so wir die Entsolidarisierten, Vereinzelten, wir Singles und und…“Unterleuten“ vereinsamen mit den vielen Problemen – auch draußen in der sogeannten Idylle?
Auf Seite 10:… „das fließende Kleid schien von Woodstock zu erzählen und weckten in Gerhard die Sehnsucht nach einer Epoche, die er verpasst hatte. Statt mit Blumen im Haar auf Sommeriwesen zu liegen, hatte er…in kommunistischen Arbeitskreisen gesessen und sich Sorgen um den Zustand der Welt gemacht.“ Worte, Zeilen. Kapitel rückwärts erinnerend und dennoch zeitnah aktuell: Die Spaßgesellschaft inmitten von Krisen, ob diese beispielsweis Finanz-, Flüchtlings- oder Europakrise heißen. Die Menschen entheimatet überall unterwegs und nirgendwo zu Hause. Juli Zeh führt mich erzählend immer und immer wieder heraus aus ihren Zeilen, nachzudenken, herauszufinden, wo bin ich bei, unter oder zwischen den „Unterleuten“?
Und dann, auf Seite 15 die „Türklinke“ und das Haus“, als Synonym für „die heilige Aufgabe dieser Epoche, das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen…Berlin…nur ein Stunde entfernt…war weiter weg als der Mond. Die Angst, das urbane Leben zu vermissen…stürzte sich Jule (also Juli Zeh) in die Aufgabe, die bröckelnde Idylle in eine blühende Landschaft zu verwandeln (und man hört im Hintergund im eigenen Kopf Helmut breit grinsend seine diesbezügliche Botschaft wahlgewinnend zu verkünden).
Ein Bucheinstieg für mich: ganz wunderbar bis zur Seite 635: hoffentlich!

Friederike

Es freut mich, dass dieses Buch Dir so viel Vergnügen bereitet.

Viele Grüße,
Friederike

Celine

Hallo! 🙂
Die Rezension hat mir sehr gut gefallen, ich sollte mir das Buch wohl wirklich mal zulegen. Ich habe Juli Zehs Schreibstil in Corpus Delicti und Spieltrieb sehr geliebt, auch wenn er manchmal anstrengend war (für mich persönlich zu kompliziert wenn man todmüde noch ein paar seiten lesen will)

Liebste Grüße,
Celine von The Printrovert

    Friederike

    Liebe Celine,

    vielen Dank!
    Unterleuten ist wesentlich lockerer geschrieben, als Spieltrieb – das Lesen vor dem Einschlafen sollte also keinerlei Probleme bereiten :).

    Viele Grüße,
    Friederike

Erhard Müler

Die Stärke dieses Romans liegt (für mich) in der filigranen und treffenden Charakteristik der Protagonisten. Wow, da hielt ich manchmal den Atem an: Ist das Ironie, ist das Sarkasmus?? Nein, ich habe mich entschieden – das ist das pralle Leben!! Und jetzt werde ich den Roman, diesen riesigen Roman, zum zweiten Mal lesen; er verdient es!!

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