Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Dörte Hansen: „Mittagsstunde“

Mit ihrem Überraschungserfolg “Altes Land” hat Dörte Hansen sich selbst die Latte sehr hoch gelegt.
Die große Frage ist nun: Kann ihr neues Werk “Mittagsstunde” da mithalten?
Ja, und wie!

“Niemand konnte leiser essen und die Treppe geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren.” Dass die Mittagsstunde auch in der kleinen Ortschaft Geest heilig ist, lernen die Kinder der dort ansässigen Familien sehr schnell.

Auch Marret, Sönkes und Ellas Tochter hat dies gelernt, obwohl ihr Verstand anders zu ticken scheint, als der der anderen. Dass die Kinder im elterlichen Gast- und Bauernhof mithelfen versteht sich ja von selbst, aber was macht man, wenn man eine Tochter hat, die beim Kartoffelschälen nur Muster in die Kartoffeln schnitzt? Die weder die Falten, die sie in die Leinendecken bügelt, sieht, noch dass Gläser abgeräumt werden müssen und die einfach verschwindet und es keinen Sinn hat, sie zu suchen?
Sönke macht das “Verwehte und Flackernde” an seiner Tochter, ihre ständige Singerei und plötzliche Schreierei verrückt. Richtig aus der Fassung bringt ihn jedoch etwas, mit dem er nie im Leben gerechnet hätte: Marret ist mit siebzehn Jahren schwanger und niemand weiß von wem. Sie selbst schweigt wie ein Grab. Das kann sie gut.

Jahre später kehrt Ingwer, Marrets Sohn, nach Geert zurück. Er besuchte nach der Grundschule im Dorf, in welcher alle Jahrgangsstufen gleichzeitig unterrichtet werden, das Gymnasium. “Bis heute wusste Sönke Feddersen nicht, was da schiefgelaufen war. Womit er das verdient hatte.”
Ein Gastwirtkind studiert nicht.

Ingwer hat es durchgezogen, Archäologie studiert und seinen Doktor gemacht. Allen Widerständen zum Trotz. Warum er mit 47 Jahren noch immer das Gefühl hat, nicht wirklich angekommen zu sein, weiß er auch nicht.
Jetzt hat er ein Sabbatjahr eingelegt, um sich um Ella und Sönke zu kümmern, die beide inzwischen über 90 sind. Wir begleiten ihn zurück in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Na ja, nicht das ganze Dorf, manche Betriebe haben sich angepasst, den Hof gepflastert, in größere Maschinen investiert, doch sehr viele haben aufgegeben. Die Jungen wollen nicht mehr das entbehrungsreiche Arbeitsleben der vorherigen Generation führen.

Dora Koopmanns Dorfladen gibt es auch schon lange nicht mehr. Dora, die sich weigerte die Selbstbedienung im Laden einzuführen und die immer erst Eis nachbestellte, wenn “auch das letzte Erdbeereis verkauft war”. “So weit kam es noch, dass sie sich von der Kundschaft sagen ließ, wann sie was zu bestellen hatte!”.
Dora, die den Dorffrauen vorwurfsvoll vor dem Aldi auflauerte.
Dora ist nur eine der vielen Personen, die wir in “Mittagsstunde” kennenlernen dürfen. Wir erfahren vom Dorfleben in den verschiedenen Jahrzehnten, davon, welche Folgen die Flurbereinigung hatte und davon, dass viele Dinge im Dorf totgeschwiegen wurden.
Denn Schweigen kann nicht nur Marret…

Ich hatte wirklich Bedenken dieses Buch zu lesen, zumal mir “Altes Land” sehr gut gefallen hat. Bedenken, eine Enttäuschung zu erleben. Doch dies ist nicht geschehen.
“Mittagsstunde” ist ein tiefer Roman über das Leben und darüber, dass wir den Lauf der Zeit nicht aufhalten können. Und darüber, dass es vielleicht Zeit für etwas Neues ist.

Es ist ein Roman mit einer Fülle an fein gezeichneten, knorrigen Charakteren, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind. Zum Beispiel Gönke, die so anders ist, als ihre Schwestern.
Die von Anfang an schreit und brüllt und eine ungeheure Wut in sich zu tragen schien. Aber niemand weiß, worauf. Man hat sogar Mitleid mit den Eltern, die sich manchmal nicht anders zu helfen wissen, als das Kind in den alten Hundezwinger zu sperren, damit es sich beruhigt. Man muss ja schließlich arbeiten…

Die große Kunst dieses Romans besteht darin, dass Dörte Hansen von Familienverhältnissen, Erziehungsmethoden und lange gehüteten Geheimnissen ganz nebenbei erzählt. Man liest so leicht vor sich hin und merkt dann, was da eigentlich geschrieben steht.
Dörte Hansen erzählt uns von diesen Wahrheiten sehr leise und eher zwischen den Zeilen.
Die Österreichische Autorin Petra Piuk hingegen, die ebenfalls eine Art “Dorfroman” geschrieben hat, treibt dies in ihrem Roman “Toni & Moni” auf die Spitze.
Auch sie erzählt uns von totgeschwiegenen Begebenheiten innerhalb der Dorfgrenzen, doch geschieht dies bei ihr mit viel Sarkasmus und Ironie. Das muss man mögen. (Ich mag es sehr, ist “Toni & Moni” doch mein absolutes Highlight des Jahres 2018.)

“Dorfromane” scheinen sowieso derzeit in Mode zu sein, so schreibt auch Wolfgang Höbel im Literatur-Spiegel und führt als Beispiele “Das Feld” von Robert Seethaler und “Unterleuten” von Juli Zeh an. Es handelt sich hierbei um eine Gattung die “die Magie, die Not und die Traurigkeit eines überschaubaren Orts und seiner Bewohner” einzufangen versucht.
Dörte Hansen ist dies vollauf gelungen. Sie nimmt uns mit auf eine Zeitreise, ohne jemals die Gegenwart aus den Augen zu verlieren.
Das macht dieses Buch so besonders.

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ISBN:  978-3-328-60003-9
Verlag: Penguin
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 320
Preis: 22,00 €


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6 thoughts on “Dörte Hansen: „Mittagsstunde“
https://leselustbuecher.blogspot.com/

Hach, das klingt so gut! Ich habe gerade „Altes Land“ gelesen und es geliebt. Nun freue ich mich sehr auf den neuen Roman, habe aber auch sehr große Erwartungen und damit einhergehend auch etwas Angst, dass ich enttäuscht werden könnte. Aber wenn ich deine Rezension so lese, scheint meine Angst ja unbegründet zu sein.
Dann kann ich dem Buch jetzt ja voller Vorfreude entgegenblicken. 🙂
Liebe Grüße, Julia (Vom Leselust Bücherblog)

    Friederike

    Liebe Julia,

    ja, vollkommen unbegründet! 🙂
    Viel Spaß beim Lesen wünscht

    Friederike

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Gudrun

Auch ich war – nach ‚Altes Land‘ – skeptisch, ob Mittagsstunde auch so gut sein kann.
Ist es, beim letzten Satz ist man traurig, dass es schon zu Ende ist.
Ich finde das ist das beste Kompliment für ein Buch.
Gudrun

    Friederike

    Das sehe ich ganz genauso.

    Viele Grüße,
    Friederike

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