Marijke Schermer: „Unwetter“

Marijke Schermer: „Unwetter“

Ein unglaublich feinfühliger, intensiver und überraschender Roman über Verdrängung, mangelndes Vertrauen und die Frage, wie viel Schweigen eine Beziehung aushalten kann.

Emilia und Bruch sind verheiratet, haben zwei kleine Söhne und leben inzwischen nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem Land.
Bruch ist Arzt bzw. Psychologe und Emilia arbeitet in einer Firma namens “SOS – Systematische Offenlegungen von Statistiken”, die die sie gemeinsam mit drei Freunden aufgebaut hat.
Die meiste Zeit arbeitet sie von zu Hause aus.

Vor zwölf Jahren haben sich die beiden kennengelernt und damals hatte Emilia ganz andere Pläne. Reisen wollte sie und irgendwann einmal vielleicht ein vollkommen anonymes Leben in New York führen. Doch es ist anders gekommen.

Bruch und sie kannten sich erst kurz und hatten sich noch nicht in der jeweiligen Wohnung des anderen getroffen. Stattdessen spazierten sie durch die Stadt und unterhielten sich blendend. Alles war gut.
Bis zu dem Tag, an dem Emilia plötzlich nichts mehr von sich hören ließ.
Niemand konnte sich ihr Verhalten erklären, am wenigsten Bruch selbst. Zwischen ihm und Emilia war nichts vorgefallen.

Als Emilia sich drei Monate später wieder bei Bruch meldete, erwähnte sie den Grund für die Funkstille nicht mit einem Wort. Sie wollte nicht daran denken, dass sie eines abends einen Mann, der vor ihrem Haus stand, mit hinein gelassen hatte, weil sie dachte, dass er auch dort wohnen würde.
Was nicht der Fall war.
Er schlug sie zusammen und vergewaltigte sie.

Erzählt hat sie es niemandem. Die letzten zwölf Jahre hat sie geschwiegen, denn sie möchte diesen Abend hinter sich lassen und ihn einfach vergessen.
So tun, als sei nichts geschehen. Einfach weiterleben.
Aber ist dies überhaupt möglich?

Marijke Schermer erzählt uns von einer Frau, die seit zwölf Jahren mit allen Mitteln versucht, das Erlebte zu verdrängen und so unbeschwert zu sein, wie früher.
Doch es funktioniert nicht.

Damals, so denkt Emilia, hätte sie Bruch von der Nacht erzählen können.
Aber jetzt? Ist es nicht zu spät nach dieser langen Zeit? Würde er nicht fragen, warum sie es so lange vor ihm geheim gehalten hat?
Würde er in ihr dann nicht nur das Opfer sehen und Mitleid empfinden, anstatt Liebe?

Immer wieder ringt sie mit sich, es doch zu erzählen. “Wenn er mir Erdbeeren und Tee ans Bett bringt, dann erzähle ich es ihm.”, sagt sie sich zum Beispiel. Doch Bruch bringt zwar Tee, aber keine Erdbeeren.
Also sagt sie nichts.

Aber nicht nur über diesen Abend schweigt sie. In den letzten Jahren ist es ihr zur Gewohnheit geworden, Dinge einfach nicht zu erzählen. Die Begegnung mit Bruchs Freund Frank zum Beispiel, als sie und Bruch im Theater waren. Die Begegnung war “eigenartig und peinlich” und eben schwer nachzuerzählen.
Daher hat sie es eben gelassen.
Außerdem hat sie Angst, dass Bruch denken könnte, dass sie ein Verhältnis mit einem anderen Mann hat.
Deshalb erzählt sie Bruch auch nicht, dass sie einen Bekannten beim Einkaufen getroffen hat. Das macht die Sache für sie einfacher.
Doch ist das wirklich so?

Wenn sie vollkommen ehrlich wäre, so müsste sie sich eingestehen, dass das gemeinsame Leben in Wahrheit immer schwieriger wird. Ihr Alltag ist voller Tücken.
Als sie zum Beispiel gerade Valium eingenommen hat, um die kreisenden Gedanken ausblenden zu können, fällt ihr ein, dass sie ja die Kinder mit dem Auto abholen muss.
Da Bruch nichts von der Einnahme der Tablette erfahren soll (wie sollte sie das mit dem Valium denn erklären?) überlegt sie, dass sie vielleicht jetzt sofort zu den Jungs fahren könnte, denn zumindest auf dem Hinweg sollte die Tablette doch noch nicht so wirklich wirken. Aber wie soll sie dann die beiden Jungs zurückfahren…?!
Soll sie das Fahrrad nehmen? Und wenn ja, wie soll sie wiederum das erklären?
Wir sehen, Emilias Alltag besteht aus vielen Fallen, aus Erklärungsnöten aus Grübelei und aus Angst.

Doch nicht nur von Emilia schreibt Marijke Schermer in glasklarem Stil. Sie analysiert zum Beispiel auch, wie Menschen über andere Menschen denken bzw. wie es kommt, dass Menschen sich schnell ein Urteil über das Leben anderer bilden, ohne die betreffenden Personen wirklich zu kennen.
Wie es Marijke Schermer mit einer einzigen Passage gelingt, dieses Denken zu entlarven, finde ich sehr stark.

Es sind kleine Dinge bzw. Sätze, Erkenntnisse, die sich dem Leser einbrennen.
Wie zum Beispiel, dass, wenn wir fragen, wie sich ein Paar kennengelernt hat, eigentlich auf nichts anderes brennen, als dass uns die gleiche Frage gestellt wird.
Situationen wie diese auf den Punkt zu bringen und so den Leser quasi zur Introspektion zu zwingen, ist eine große Stärke der niederländischen Schriftstellerin.
Man denke da zum Beispiel an Schermers Satz: “Der Erfolg einer Ehe besteht darin, dass man die Haushaltsführung des anderen erträgt.”

Das Hauptaugenmerk liegt jedoch ganz klar auf der Beschreibung einer Frau die sich geschworen hat, das schlimmste Erlebnis in ihrem Leben für sich zu behalten.
Einer Frau, der das Wasser bis zum Hals steht.

In diesem Fall ist diese Redewendung nicht nur sinnbildlich, sondern auch wortwörtlich gemeint, denn das Haus auf dem Land ist von einer Überschwemmung bedroht.
Es regnet ununterbrochen und hört einfach nicht auf. Bruch und Emilia starten viele Versuche, dem Wasser Einhalt zu gebieten, aber was kann schon eine Pumpe gegen diese Wassermassen tun.

Vielleicht werden sie alles verlieren. Darüber kann man verzweifeln. Oder neu anfangen. Vielleicht auswandern, vielleicht aber auch nicht.
Wer weiß….

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ISBN: 978-3-311-15007-7
Verlag: Kampa Pocket
Erscheinungsjahr: 2020
Übersetzung: Hanni Ehlers
Seiten: 192
Preis: 12,00 €

Die gebundene Ausgabe ist 2019 ebenfalls bei Kampa erschienen.


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