Marisha Pessl: “Niemalswelt”

Marisha Pessl: “Niemalswelt”

Ein Jahr ist es jetzt her, dass Bees Freund Jim gestorben ist. Die Todesursache ist nach wie vor ungeklärt.
War es ein Unfall, Selbstmord oder hat ihn vielleicht jemand absichtlich getötet?
Bee weiß es nicht – und diese Ungewissheit ist das Schlimmste.

Seit einem Jahr hat Bee auch keinen Kontakt mehr zu ihrer bzw. Jims alter Clique, um die sie in der Schule alle beneidet haben. Ihre Eltern sind froh darüber, denn Bee ist nach wie vor nicht in bester Verfassung.
Doch dann bekommt Bee per SMS eine Einladung von Whitley. Eine Einladung nach Wincroft.
Als Bee ihren Eltern sagt, dass sie hinfahren wird, sind diese nicht glücklich darüber. Sie machen sich große Sorgen um ihre Tochter.
Für Bee ist dieses Zusammentreffen aller Cliquenmitglieder jedoch die letzte Möglichkeit, herauszufinden, was mit Jim wirklich passiert ist…

In vielen Büchern würde jetzt die Schilderung des Aufeinandertreffens der fünf Freunde folgen, bei dem sie sich gegenseitig ausquetschen und jeder seine Geschichte bzw. seine Sicht der Dinge erzählen würde. Wobei einer darunter wäre, der nicht die Wahrheit sagt.
Bei Marisha Pessl kommt es anders, denn sie fügt der Story ein spezielles Element hinzu: Die Niemalswelt.

Als Bee in Wincroft ankommt, stellt sie fest, dass alle anderen sich sehr verändert haben. Nur sie scheint die Gleiche geblieben zu sein.
Anstatt, wie Bee es angenommen hat, sich einfach ins Wohnzimmer zu setzen und sich zu unterhalten, stellt sie fest, dass die Gruppe sich gerade für eine Party fertig macht und demnächst aufbrechen wird.
Sie hat keine andere Wahl, als mitzukommen, obwohl ihr definitiv nicht nach einer Party zumute ist.
Später auf dem Heimweg regnet es sehr stark und da das Verdeck des Autos nicht mehr funktioniert, werden alle klatschnass.
Als Whitley einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweicht, kommt der Wagen von der Straße ab und landet in einem Graben. Daher ist die Gruppe gezwungen, zu Fuß durch den Regen nach Hause zu laufen.
Als sie sich in Wincroft abtrocknen, klopft es. Vor der Tür steht ein Mann, den niemand von ihnen kennt. Ein Mann der eine Nachricht für sie hat: “Ihr seid alle tot”.

Bzw. beinahe tot, denn die Fünf sind in einer Welt, die sich zwischen Leben und Tod befindet, gefangen. In der Niemalswelt.
Nur einer von ihnen kann aus der Niemalswelt in die Welt der Lebenden zurückkehren. Die anderen vier werden sterben.
Die Entscheidung, wer überleben wird, liegt in ihrer eigenen Hand. Sie alle müssen darüber abstimmen und sich auf eine Person einigen. Solange die Abstimmung nicht einstimmig ist, werden sie alle in der Niemalswelt bleiben und so einen bestimmten Zeitabschnitt (der mit jeder Abstimmung ein bisschen kürzer wird) immer und immer wieder durchleben.

Natürlich halten die Fünf das Ganze für einen Scherz. Doch nachdem sie nach einer gewissen Zeit immer wieder am Ort des Unfalls im Regen aufwachen, wird ihnen klar, dass der Mann die Wahrheit gesagt hat.
Und dass das Ganze irgendwie mit Jim zu tun haben muss, über den nach wie vor niemand spricht…..

Marisha Pessl Roman “Die alltägliche Physik des Unglücks” war in Amerika ein großer Erfolg und ich erinnere mich daran, dass wir ihn während meiner Ausbildung gut verkauft haben. Gelesen habe ich ihn leider noch nicht, aber in meinem Regal steht er seit langer Zeit.
Ihren zweiten Roman “Die amerikanische Nacht” hingegen habe ich gelesen, zumal mich rein schon die Aufmachung des Titels sehr neugierig gemacht hat.
Wie in “Niemalswelt” geht um einen jungen Menschen, dessen Todesumstände nicht geklärt sind. In diesem Fall ist es eine junge Frau, deren Tod wohl etwas mit dem Werk ihres Vaters (einem besessenen Filmemacher) zu tun haben.
So spannend das klingt, überzeugt hat mich dieses Buch nicht. Ich erinnere mich an einige Ungereimtheiten und dass ich manchmal richtig genervt gewesen bin. Vielleicht lag es aber nicht am Buch, sondern an mir. Das gibt es ja manchmal.
Jedenfalls war ich, was “Niemalswelt” anbelangt, etwas skeptisch.

Wie sich jedoch herausstellte, zu Unrecht, denn “Niemalswelt” liest sich weg, wie nichts.
Wie Bee zum Beispiel die Theorie entwickelt, dass Martha (eines der Mädchen aus der Clique) daran arbeitet, die anderen zu manipulieren, um diese dazu zu bekommen, für sie als Überlebende zu stimmen, ist toll gemacht.

Auch hat das Buch so manchen “Inception”-Moment. Im Film “Inception” geht es ja grob gesagt um das Beeinflussen des Bewusstseins durch gemeinsames Träumen.
In „Niemalswelt“ geht es auch darum, andere zu beeinflussen. In einer Welt, die abzubröckeln beginnt, im wahrsten Sinne des Wortes. Einer Welt, die vielleicht auch durch das Denken der Protagonisten bestimmt wird.
Oder vielleicht durch Jim…wer weiß?!

Marisha Pessl hat meiner Ansicht nach hier alles richtig gemacht und im Vergleich zu “Die Amerikanische Nacht” mit einem weitaus weniger komplexen und komplizierten Themenkreis gearbeitet.
Das tut dem Buch sehr gut und macht es einfach nur eines: Richtig spannend!

Ab 14 Jahren.

» zur Leseprobe
/ » bei Thalia bestellen
(Affiliate Link)

» zur Verlagsseite


ISBN: 978-3-551-58400-7
Verlag: Carlsen
Erscheinungsjahr: 2019
Übersetzung: Claudia Feldmann
Seiten: 384
Preis: 18,00 €


Das könnte Dir auch gefallen:

2 thoughts on “Marisha Pessl: “Niemalswelt”
Karin

Diesen Titel habe ich auch gelesen. Und auch verschlungen, obwohl ich am Anfang nicht so ganz von der Story überzeugt war. Gruß Karin

    Friederike

    Ich war auch anfangs etwas skeptisch – und konnte das Buch dann einfach nicht mehr zur Seite legen :).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archive