Ursula Poznanski: “Cryptos”

Ursula Poznanski: “Cryptos”

Venedig ist schon längst untergegangen und auch die Fidschi-Inseln sind Geschichte.
Auch der Versuch diese Orte virtuell wieder aufleben zu lassen ist gescheitert, denn kaum jemand macht einen Transfer nach Venedig.
Wahrscheinlich weil niemand Sehnsucht nach diesem Ort hat. Wie soll man denn auch Sehnsucht nach etwas haben, das man gar nicht kennt…

Ursula Poznanski siedelt ihren neuen Roman zwar auf der Erde an, jedoch nicht in der Welt, wie wir sie heute kennen.

Denn “Cryptos” spielt in der Zukunft. Auf einer Erde die zum einen Teil durch die Hitze vollkommen vertrocknet und zum anderen durch die vielen Naturkatastrophen überflutet und zerstört worden ist.
Ein Leben, wie wir es kennen, ist auf diesem Planeten nicht mehr möglich.
Da es jedoch nach wie vor sehr viele Menschen gibt, wurde etwas erschaffen, was es bisher nicht gab: Die Flucht des Geistes in virtuelle Welten.

Damit ist nicht gemeint, dass die Menschen vor dem Computer sitzen und Spiele spielen, sondern etwas, das (wenn man einmal darüber nachdenkt und die Sache mit der überhitzen Erde einmal außer Acht lässt) sehr reizvoll ist:
Die Menschen leben nämlich nicht mehr in Häusern, sondern liegen in körpergroßen Kapseln, die überall auf der Welt in Bungalows stehen.
Im Geiste sind sie jedoch in anderen Welten und leben dort ihr richtiges Leben. In Welten, wie zum Beispiel dem irisch anmutenden Städtchen Kerrybrook, in dem es Schäfer gibt und zwei Pubs, in denen sich das Leben abspielt. Man kommt zusammen, man trinkt, man unterhält sich, man lässt es sich gut gehen. Wie früher auf der Erde.

Man muss aber dort nicht unbedingt bleiben, denn jeder Mensch hat Pässe für andere Welten, die er besuchen kann. Welten wie zum Beispiel “Macandor , eine Art Fantasywelt mit Dämonen, die sich perfekt für alle Abenteuerlustigen und Fantasyfans eignet. Oder wie zum Beispiel “Austen”, eine Welt, in der es zugeht, wie in den Romanen der Schriftstellerin Jane Austen. Alles dreht sich ums Heiraten, man picknickt und die Lords und Ladys vertreiben sich die Zeit bei einem Spaziergang.
Allerdings gibt es auch sogenannte Strafwelten wie “Trokar”, in welchen Gewalttäter und Verbrecher leben. Im Gegensatz zu anderen Menschen haben sie keinen Pass zu einer anderen Welt. Sie sind gefangen. Das ist der Sinn der Sache.

Jana Pasco ist eine Designerin, die diese Welten kreiert (Macandor und Kerrybrook hat sie sich ausgedacht) – und eine der wenigen Personen ist, die noch auf der “echten” Erde leben.
Sie ist sehr kreativ und deshalb wurde sie für diesen Job ausgewählt. Das Entwickeln macht ihr großen Spaß und das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Ewig zu recherchieren, welche Pflanzen und Tierarten man in zum Beispiel Kerrybrook ansiedeln kann und sich kleine Spiele für die Bewohner auszudenken, muss wirklich sehr viel Spaß machen.

Dann jedoch wird in Kerrybrook, diesem friedlichen Ort, jemand umgebracht.
Das wäre jetzt nicht weiter tragisch, denn wenn man in den Welten stirbt, stirbt man nur in dieser Welt und kann einfach wieder nach einem “Realitätsstopp” in der Kapsel auf der Erde in die Fantasiewelt zurückkehren.
In diesem Fall ist es aber so, dass die getötete Person in ihrer Kapsel einen Stromstoß bekommen hat und nun wirklich tot ist.
Ein für alle Mal.

Jana beschließt der Sache auf den Grund zu gehen…

Ganz ehrlich: Eigentlich hatte ich nicht vor, dieses Buch zu lesen. Das gefühlt x-te Buch zum Thema Zukunft der Erde und Klimawandel.
Dann wurde mir der Titel jedoch so angepriesen, dass ich dachte, es könne ja nicht schaden, die ersten Seiten zu lesen.
Nun, es hat mir definitiv nicht geschadet, denn was hätte ich da verpasst!
Bei “Cryptos” handelt es sich nämlich mitnichten um die x-te Dystopie, in der man das Gefühl hat, dass alles schonmal irgendwie dagewesen ist, wie bei so manch anderem Buch.
Nein, Ursula Poznanski kreiert hier etwas wirklich Neues.
Das gepaart mit der Tatsache, dass sie einfach unglaublich fesselnd schreibt, ist einer der Gründe, weshalb ich “Cryptos” so gut finde und es eines meiner Highlights des Jahres 2020 ist.

Normalerweise bin ich nämlich nicht so der Fantasy-Leser und kann Feen, Elfen und dergleichen mehr nicht wahnsinnig viel abgewinnen.
Aber als in “Cryptos” die Welt “Macandor” beschrieben wurde, wollte ich auch sofort dorthin.
Ich wollte auch eine Elfe sein und auf einem “überdimensionaler Nachtfalter mit pelzigem Kopf” durch die Lüfte fliegen.
Gut, von einem Dämonen wollte ich nicht angegriffen werden, aber sonst wäre ich sofort dabei.

Dieser Nachtfalter ist ein gutes Beispiel dafür weshalb ich dieses Buch so gut finde. Wie oft habe ich schon beim Lesen verschiedener Bücher gedacht: Ja, die Idee ist super, aber die Ausführung….
Ursula Poznanski aber hat nicht nur tolle (und manchmal auch sehr humorvolle) Ideen, sie gestaltet sie auch aus. Sie denkt sie bis ins Detail zu Ende und nimmt den Leser dabei mit – das ist etwas sehr Besonderes.

Ursula Poznanski hat hier eine absolut faszinierende, durchdachte und fesselnde Fantasy-Dystopie geschrieben, die ich sowohl in der Erwachsenen-Abteilung, als auch in der Jugendbuch-Abteilung sehe.
Ich lege “Cryptos” allen ans Herz, die beim Lesen in eine andere Welt abtauchen und alles um sich herum vergessen möchten.
Wie ich.

P.S.: Meine Lieblingswelt ist übrigens “Klondirwas”. Eine Welt mit lilafarbenen Wiesen und geklonten Wesen aller Art (Jana trifft zum Beispiel auf ein “kuhgroßes grünweißes Etwas, das quiekt und im Kreis tänzelt” und das einfach süß und anhänglich ist).
Ich stelle mir vor, wie ich auf der Wiese sitze und es einfach streichle. Dieser Gedanke alleine macht mich irgendwie sehr glücklich.
Danke Ursula.

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ISBN: 978-3-7432-0050-0
Verlag: Loewe
Erscheinungsjahr: 2020
Seiten: 448
Preis: 19,95 €


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3 thoughts on “Ursula Poznanski: “Cryptos”
Cris M.

Obwohl ich auch keine typische Science Fiction oder Fantasy Leserin bin, hat mich dieses Buch fasziniert und bis zum Ende gebannt! Meine Lieblingswelt ist Sokratia, Nachdenken in aller Ruhe, ohne Störungen.

    Friederike

    Ja, stimmt, Sokratia ist auch prima!

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