Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land“

Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land“

Als ich dieses Buch gelesen habe, war mir klar: Dieses Buch gehört auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2019. Genau da ist es auch gelandet. Super!

Als Ruth erfährt, dass ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, bleibt sie “einen endlosen Vormittag lang […] still im Schlafgewand liegen und wechselt zwischen Seit-, Bauch- und Rückenlage hin und her.” Alle Zahnräder in ihr warten darauf, zur Trauerpflicht aufgerufen zu werden. Aber nichts geschieht. Dann kommt der erlösende Gedanke: Sie muss eine Beerdigung organisieren!
Jetzt ist ihr das möglich, was ihr in der letzten Zeit verwehrt geblieben ist. Das Handeln.

Mechanisch wirft sie eine Xanor ein, das Telefonat mit der Sekretärin (sie muss ihre Lehrveranstaltungen absagen und ein Treffen bezüglich ihrer Habilitationsschrift verschieben) ist anstrengend und weinen muss sie jetzt auch. Endlich.
Anscheinend hat sie ihre Cousine und ihre Tante hineingelassen, erinnern kann sie sich daran nur sehr vage.
Als ihre Tante erzählt, dass Verunglückten in ihrem Heimatort “Groß-Einland” begraben werden wollten, ist sie verwundert. Denn diesen Ort haben die beiden nie erwähnt. Ruth kennt auch niemanden, der aus Groß-Einland kommt.
Das muss sich ändern. Sie muss aufbrechen. Sie muss nach Groß-Einland. Doch wen Ruth auch fragt: Niemand kennt diesen Ort, an welchem man mit einer Leiter in die Erde steigen kann.

Trotzdem bricht Ruth (im Handgepäck befinden sich neben einem mp3-Player, Phenobarbital und Oxycodon auch 10 Bücher (Wittgenstein, Max Brod, sechs physikalische Standardwerke..)) auf…
Was dann folgt ist fantastisch, abgefahren und alleine schon rein sprachlich betrachtet absolut außergewöhnlich.
Kaum hat Ruth sich ihres Handys entledigt (was sie sogleich bereut, zumal sie ja jetzt auch kein Navi mehr besitzt), kommt sie auf die Fährte Groß-Einlands.
Kurz vor dem Ziel macht zwar ihr Auto schlapp, doch dann ist sie plötzlich da. In einem Städtchen das nunja etwas sonderbar ist. Da sich ihr Auto so schnell anscheinend nicht reparieren läßt, ist sie gezwungen länger zu bleiben und so stellt sie schnell fest, dass hier die Uhren anders ticken.

So gibt es zum Beispiel kein Internet, keine gängigen Supermärkte und ein sehr spezielles Kredit- bzw. Leihsystem.
Wenn man Geld braucht, leiht man sich etwas bzw. “lässt anschreiben und sagt jemandem, der einem noch etwas schuldet, er solle dort bezahlen. […] Man bezahlt mit den eigenen Schuldnern. So verlässt das Kapital niemals die Stadt, alles bleibt in der Gemeinde.”
Auf die Frage, in welchen Raten sie denn das Geld zurückzahlen solle, bekommt Ruth die Antwort: “Oh, gar nicht, Sie stellen anderen Leuten Schuldscheine aus, die sich dann wieder auf mich (Anm: Herrn Schlaf) beziehen können”.
Von solchen Absurditäten wimmelt es in “Das flüssige Land” und alleine schon dafür liebe ich dieses Buch.

Ich kam mir beim Lesen ein bisschen so vor, als würde ich eine Art Alice verfolgen, die das Wunderland erkundet. Vielleicht hat sich mir der Vergleich auch aufgedrängt, weil ich bei der Figur der Gräfin, der Groß-Einland quasi gehört, ständig die Schauspielerin Helena Bonham-Carter vor Augen hatte, die in der Verfilmung von “Alice im Wunderland” die Rolle der Herzkönigin spielt.

Das wäre jetzt eine schöne verrückte, herrlich absurde Traumwelt, wenn da nicht eins wäre: Das Loch, das sich unter der Stadt befindet und verantwortlich dafür ist, dass die Stadt immer mehr einsinkt. Manche Plätze sind schon nicht mehr begehbar.
Aber die Groß-Einländer haben sich damit arrangiert. Wenn die Wahrzeichen der Stadt aufgrund der Erdbewegung in Schieflage geraten sind, gleicht man die Gehwege eben an die Schräge an. Ganz einfach.

Ich muss vorweg schicken, dass ich dieses Buch in einer Zeit gelesen habe, in der ich nur abends, oder auf dem Weg zur Arbeit lesen konnte.
Normalerweise, “zerfasert” mir die Lektüre dann, ich verliere den Anschluss und habe dann keine Lust mehr auf das Buch.
Mit dem “Flüssigen Land” war das anders. Trotz gefühlten tausend Unterbrechungen habe ich diesen Roman mit großem Vergnügen immer wieder zur Hand genommen, ohne den Faden zu verlieren.
Ich könnte mir vorstellen, dass dies an Raphaela Edelbauers grandiosen Einfällen, liegt, die sich mir so sehr ins Gedächtnis eingegraben haben, dass ich mich auf jeden weiteren Satz/Einfall gefreut habe.

Diese Unterbrechungen sind es vielleicht aber auch, die mich erst nach dem Beenden der Lektüre haben merken lassen: Moment, da geht es um etwas ganz anderes.
Einerseits kann man sagen, dass die Bewohner Groß-Einlands höchst kreativ darin sind, mit den Auswirkungen des Lochs bzw. mit dem Einsinken der Stadt umzugehen und sich so ein positives Lebensgefühl bewahren.
Aber man kann auch sagen, dass die Einwohner einfach die Augen vor den Tatsachen verschließen – und vor der Vergangenheit.

Schon der Beginn des Romans greift diese Thematik auf, denn alle, die Ruth nach Groß-Einland fragt, sagen, dass es Groß-Einland nicht gibt.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wissen sie wirklich nichts von diesem Ort, oder leugnen sie einfach dessen Existenz?
Die Bewohner selbst jedenfalls sind groß darin die Existenz des Lochs bzw. seine Entstehungsgeschichte zu ignorieren. Sie selbst wissen zwar, was es damit auf sich hat, doch niemand spricht darüber.
Zum Beispiel darüber, dass 2000 Häftlinge des Nebenlagers III / Mauthausen / Gau-Groß-Wien in eben jenem Loch Flugzeugteile zusammenschrauben mussten. Wie in verschiedenen anderen Außenlagern des KZ-Mauthausens, u.a. im Arbeitslager Schwechat-Heidfeld und KZ Gusen I.

Als man sie 1945 aus dem Berg holte, wusste man jedoch nicht, wie man Herr dieser Menschenmassen werden sollte und schickte 1200 Häftlinge kurzerhand auf einen Todesmarsch ins Burgenland.
800 Häftlinge waren für die Groß-Einländer da schon überschaubarer. In Gruppen zu je 40 Personen konnte man sie besser abfertigen bzw. per Benzininjektion töten…

“Das flüssige Land” ist ein Roman über das kollektive Verdrängen der Geschichte und darüber, ob darüber die Vergangenheit jemals nichts mit uns und unserem Leben in der heutigen Zeit zu tun haben kann, wie Raphaela Edelbauer es selbst formuliert.

Mit einem Auszug aus “Das flüssige Land” las die Autorin Raphaela Edelbauer (die übrigens Sprachkunst studierte, was diesem Werk anzumerken ist) beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2018 und gewann den den Publikumspreis.
Ich hoffe sehr, dass am 14. Oktober 2019 der Deutsche Buchpreis hinzukommen wird.
Verdient hätte Raphaela Edelbauer ihn meiner Ansicht nach auf jeden Fall. „Das flüssige Land“ hat mich auf allen Ebenen begeistert.
Großartig!

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ISBN: 978-3-608-96436-3
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 2019
Seiten: 350
Preis: 22,00 €


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4 thoughts on “Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land“
Mikka

Hallo,

gelesen habe ich es noch nicht, aber es wartet dank Netgalley schon auf meinem Reader! 🙂

Dass Ruth mit 10 Büchern reist, klingt schon mal so, als würde ich sie als Protagonistin mögen. ‚Sprachlich außergewöhnlich‘ klingt auch vielversprechend! Ach, überhaupt, deine Rezension macht mir richtig Lust auf das Buch. Wenn ich Rezensionsexemplare nicht in der Reihenfolge lesen würde, in der ich sie bekommen habe, würde ich jetzt direkt damit anfangen.

LG,
Mikka

    Friederike

    Das ist aber lieb. Vielen Dank!
    Ich bin wirklich begeistert von Raphaela Edelbauers Roman und drücke ihr die Daumen für den Gewinn des Preises.

    Viel Spaß beim Lesen wünscht Dir
    Friederike

Zsuzsanna

Hallo,
bin selber Buchhändlerin, und ich habe eine Buchempfehlung für sie:
„Alte Sorten“ vom Ewald Arenz. Ich bin fast sicher, dass sie es auch lieben werden…
LG Zsuzsanna

    Friederike

    Hallo Zsuzsanna,

    eine meiner Kolleginnen war auch sehr angetan von „Alte Sorten“.
    Vielen Dank für den Tipp!

    Viele Grüße,
    Friederike

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