Amélie Nothomb: “So etwas wie ein Leben”

Amélie Nothomb: “So etwas wie ein Leben”

Nach wie vor grassiert bei mir das Amélie Nothomb-Fieber. Ihre Bücher bereiten mir unglaublich viel Vergnügen und ich verstehe im Nachhinein nicht, wie ihre Werke so lange unangetastet in meinem Regal stehen konnten.

Die belgische Autorin läßt gerne Biografisches in ihre Romane einfließen. Das war bei “Der japanische Verlobte ”und bei “Mit Staunen und Zittern” der Fall (in beiden Büchern geht es um Nothombs Aufenthalte in Japan) und so ist es auch bei “So etwas wie Leben”. Nur liegt der Fall hier anders, denn hier berichtet sie nicht über einen Aufenthalt in einer Stadt, in der sie als Kind eines Diplomaten gelebt hat.

In “So etwas wie ein Leben” erfahren wir, wie sie mit Post von Lesern umgeht. Also wahrscheinlich umgeht, denn hundertprozentig sicher kann man sich bei Amélie Nothomb nicht sein. Vielleicht hat sie ja doch alles erfunden, aber vielleicht auch nicht.

Die Autorin Amélie im Roman ist jedenfalls eine Autorin, die auf die Briefe ihrer Leser antwortet. Schriftlich, in Briefform.
Allerdings bekommt sie mitunter auch sehr merkwürdige und teilweise etwas zu fordernde Post. Wie zum Beispiel den Brief einer Lehrerin, die alle Hausaufgaben ihrer Klasse mitschickt und Amélie dazu auffordert ihr mit der Begründung “Meine Schüler haben Sie gelesen, Sie sind ihnen also zu Dank verpflichtet” beim Korrigieren zu helfen. Ahja.

Briefe spielen im Leben der Autorin eine wichtige Rolle, denn niemals hätte sie den Beruf der Schriftstellerin ergriffen, wenn sie zuvor nicht eine so emsige Briefeschreiberin gewesen wäre.
Als sie sechs Jahre alt war, wurde sie (und ihre Geschwister ebenfalls) von ihren Eltern regelrecht dazu gezwungen an einen älteren Herrn einen Brief pro Woche zu schreiben.  Amélie tat sich unglaublich schwer damit, bis ihre Mutter ihr den Tipp gab “Kommentiere einfach, was er Dir schreibt.” Und siehe da, es funktionierte.

Nun bekommt Amélie einen Brief des im Irak stationierten amerikanischen Soldaten Melvin, der ihre Romane gelesen hat und sich von der Autorin Verständnis erhofft. Er ist diesen “Scheiß-Krieg” leid. Seit geraumer Zeit verarbeitet er die Ereignisse in Bagdad auf eine ganz eigene Art und Weise: Er isst.
Und er ist nicht der Einzige, auch einige seiner Mitsoldaten haben sich ihm angeschlossen. Inzwischen sind sie alle sehr dick geworden und Melvin hat in den letzten Jahren 100 Kilo zugenommen, wobei ein Ende der Zunehmerei nicht in Sicht zu sein scheint. In den Panzer passt er jedenfalls nicht mehr.
Mit den Gemeinheiten seiner Kollegen hat sich Melvin arrangiert. Mit der Tatsache, dass er irgendwann zu seinen Eltern in die USA zurück muß allerdings nicht. Denn diese wissen nichts von seinem neuen Körperzustand.

Zwischen Amélie und dem Soldaten entspinnt sich ein sehr origineller Briefverkehr und Amélie harrt jeder Information, die der nächste Brief aus dem Irak mit sich bringen wird.
Ich harrte mit ihr, denn dieser Briefwechsel ist nicht nur sehr humorvoll, sondern auch spannend und tiefgründig. Eine perfekte Mischung, die Amélie Nothomb mit jedem Buch, das ich bisher gelesen habe, aufs Neue gelingt. Das und natürlich ihre ungewöhnlichen Ideen, zeichnen sie für mich besonders aus.

“So etwas wie Leben” ist eines ihrer nicht ganz so bekannten Werke und nach der Lektüre kann ich nur sagen: Das sollte sich ändern. Denn Amélie Nothomb schreibt so klug auf ganz engem Raum in einem lockeren und doch sehr privaten Ton über Einsamkeit und den Wunsch anders zu sein.
Für den unerwarteten Verlauf bekommt die Autorin übrigens von mir ein extra-Krönchen.
Ich jedenfalls bin Amélie Nothomb verfallen und werde mich weiter durch ihr Werk lesen.
“Biographie des Hungers” und “Blaubart” liegen schon parat.

» zur Leseprobe

P.S.: Dieses Buch ist ein Titel der Aktion #GoldenBacklist, in der es darum geht, das Augenmerk auf Titel zu lenken, deren Erscheinungsdatum schon länger zurück liegt.

» Hier geht es zu meinen GoldenBacklist-Romanen.


ISBN: 978-3-257-24288-1
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr: 2014
Übersetzer: Brigitte Große
Originaltitel: Une Forme de Vie
Seiten: 128
Preis: 8,90 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

2 thoughts on “Amélie Nothomb: “So etwas wie ein Leben”
M. Ri

Stimmt, Geständnisse hat mir auch sehr gut gefallen 😉

    Friederike

    Ja, das war prima und so schön böse :).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: