Sarah Crossan: “Wer ist Edward Moon?”

Sarah Crossan: “Wer ist Edward Moon?”

Dass mir beim Lesen die Tränen kommen, weil mich eine Geschichte so bewegt, ist sehr selten.
Bei “Wer ist Edward Moon?” ist genau dies geschehen.
Großartig!

Joe ist kein Kind, das mit Liebe überschüttet wird.
Seine Mutter hat eher mit sich selbst zu tun.
Aber zum Glück ist er nicht alleine, sondern hat Angela, seine Schwester und Ed, seinen großen Bruder.
Gut situiert ist die Familie nicht, aber sie kommen schon klar.
Bis zu Eds Anruf.
Er sitzt auf dem Polizeirevier und hat gerade sein Geständnis unterschrieben, in welchem steht, dass er einen Polizisten erschossen hat.
Nach diesem Anruf ist nichts mehr, wie früher.

Wer will denn etwas mit einer Familie zu tun haben, der einen Mann erschossen hat bzw. haben soll?
Wer kommt auf die Idee, dass eine Familie, deren Sohn in der Todeszelle in Texas sitzt, Hilfe braucht und mit jemandem reden muss?
Ja, genau richtig: Niemand.

Joes Mutter sich inzwischen auch vom Acker gemacht hat.
Weg, sie war eines Tages einfach weg.
Nicht dass es jemanden gewundert hätte.
Obwohl….
Erst ging sie nicht mehr raus und auch nicht mehr zur Arbeit.
“Aber als sie sich schließlich wieder rausgetraut hat, ist sie nicht mehr zurückgekommen.”

Joes Tante Karen ist bei Joe und Angela eingezogen, obwohl die beiden das nicht wollten.
Aber Karen hat sie nicht nach ihrer Meinung gefragt.
Sie macht Ed für alles verantwortlich und möchte, dass Angela und Joe nicht so enden, wie ihr Bruder.
Daher wird jetzt in die Kirche gegangen und die Bibel gelesen.
Und Ed, Ed wird nie wieder erwähnt.

Bisher gab es keinen Termin für die Hinrichtung. Bis zu dem Brief, den Joe jetzt in den Händen hält. Den Brief, in dem ein Datum steht.
Es ist der 18. August.
Aber wen interessiert es?
Wen interessiert es, dass Ed nicht alleine stirbt, sondern seine Geschwister bei ihm sind, die kein Geld haben, um einen Anwalt zu bezahlen und nach Texas zu kommen?
Richtig: Niemanden.

Schließlich kratzt Joe alles, was er hat zusammen und fährt nach Texas. Zu seinem Bruder, den er nicht kennt, bzw. nicht mehr kennt.
Wenn er an Es denkt, hat er nur noch das Fahndungsfoto aus dem Fernsehen vor Augen.
Auf diesem Bild sieht Ed richtig fies aus.
Die Medien lieben es, Verbrecher wie Verbrecher aussehen zu lassen und die Opfer strahlend schön darzustellen.
Deshalb traut sich Joe auch gar nicht wirklich zum Gefängnis, denn er weiß die Antwort nicht.
Die Antwort auf die Frage: “Wer ist Edward Moon?”…

Bevor ich dieses Buch angefangen habe, habe ich viele Bücher begonnen und wieder abgebrochen. Es gibt solche Phasen. Da passt einfach keine Lektüre. Alles erscheint einem banal oder bedeutungslos.
Dann kam “Edward Moon” und mit ihm das Gefühl, etwas Wahrhaftes, Tiefes entdeckt zu haben.
Ein Buch, das ich sowohl in der Erwachsenenabteilung als auch im Jugendbuch sehe.

Dass Sarah Crossan imstande ist, Emotionen hervorzurufen, ohne gefühlsduselig zu werden, wusste ich seit der Lektüre ihres mehrfach ausgezeichneten Romans “Eins”, in welchem es um siamesische Zwillinge geht.
Ein großartiges Buch, doch “Edward Moon” hat mich ehrlich gesagt noch mehr bewegt.
Vielleicht, weil es um etwas geht, das theoretisch jedem passieren könnte. Stellen wir uns mal vor, wir wären in einem Staat, in dem es die Todesstrafe gibt, sind zur falschen Zeit am falschen Ort und haben dann einfach Pech.
Wie Ed.

Was diese Situation mit Ed, aber besonders mit seiner Familie macht, das vergegenwärtigt uns Sarah Crossan so, dass wir gar nicht umhin kommen, uns in Joe hineinzufühlen und mitzuleiden.
Sie hat eine besondere Art ihre Texte anzuordnen, denn die Sätze gehen nicht einfach, wie in jedem Roman, Zeile für Zeile von links nach rechts, sondern sind wie ein Gedicht gesetzt.
Erst mutet das seltsam an, doch dieses besondere Thema erfordert eine besondere Form. Das merkt man schon nach drei Seiten und ist froh darum, keinen normal gesetzten Text vor sich zu haben.
Anders würden die Sätze, die die Autorin uns um die Ohren schmeißt auch gar nicht so wirken.
So intensiv.
So berührend.
Großartig!

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ISBN: 978-3-95854-140-5
Verlag: Mixtvision
Übersetzung: Cordula Setsman
Seiten: 400
Preis: 17,00 €


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