Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“

Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“

Anke Stellings hat mich mit ihrem Roman “Bodentiefe Fenster”, der 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, begeistert. “Erna” ist ihr erstes Kinderbuch und auch hier hat sie mich vollkommen überzeugt.

Erna ist elf Jahre alt und nicht gerade glücklich mit ihrem Namen. Zwar sind gerade “Großmutternamen” total im Trend, doch “Erna” hört sich auch heute genauso bescheuert an, wie vor elf Jahren. Kein Wunder, dass sie die Einzige ist, die diesen Namen trägt und es zum Beispiel gleich drei Emmas in der Kindergruppe gibt. Emma klingt nämlich schön!
Annette, Ernas Mutter, die aber immer beim Vornamen genannt werden möchte, quittiert diese Aussage immer mit einem Lächeln, denn sie ist sich sicher, dass Erna die Besonderheit ihres Namens später erkennen wird. Erna sieht das anders.

Wie so einiges im Haus. Erna lebt mit Christoph, Annette und ihrem kleinen Bruder Tom in einem Gemeinschaftswohnprojekt in Berlin. Das Besondere ist, dass alle Türen im Haus offen sind und es normal ist, dass die Kinder abends einfach zu anderen Essen gehen. Man ist locker, eine große Familie sozusagen.
Dass diese Lockerheit aber manchmal ganz schön aufgesetzt ist, merkt Erna nach und nach.
Annette war zum Beispiel früher mit Katrin, die mit ihrem Mann Tillmann und Tochter Rosalie einen Stock höher wohnt, gut befreundet. Das ist nun nicht mehr der Fall. Annette meckert beim Abendessen oft darüber, dass die drei viel mehr Geld hätten, als Ernas Familie, dies aber nicht zugeben wollten – und das ärgert Annette.

Zum Beispiel ging es einmal darum, dass die Erwachsenen im Haus sich nicht einigen konnten, ob im Garten mehr Rasen, oder mehr Büsche angepflanzt werden sollten (man entscheidet hier alles basisdemokratisch im Plenum). Karin war eigentlich auf Annettes Seite, doch dann haben sie und Tillmann sich einfach einen Garten mit Datsche außerhalb der Stadt gekauft. Das macht Annette neidisch, aber zugeben möchte sie das nicht.

Genauso schlimm, wenn nicht sogar schlimmer, findet Annette es, wenn eine der beiden Großmütter auf Rosalie aufpasst. Denn bei Annette kommen nie Verwandte um zu helfen und so fallen ihr quasi alle anderen Verwandten in den Rücken, die auf andere Kinder aufpassen. Wenn bei allen alles gleich wäre, dann wäre das prima, dann gäbe es keinen Neid. Den gibt es aber, auch in einem Gemeinschaftswohnprojekt, und so spricht sie einfach nicht mehr mit Karin.Von wegen große Gemeinschaft, große Familie.

Auch schicken Tillmann und Katrin ihre Tochter Rosalie nicht auf die Gemeinschaftsschule, die Erna besucht, sondern aufs Gymnasium.
Ganz ehrlich: Da wäre Erna auch gerne, denn dort gibt es Regeln. Klare Regeln.

In der Gemeinschaftsschule gehört es zum Schulkonzept, dass drei Klassenstufen gemeinsam lernen und dass nie ein Schüler aussortiert wird. Jeder soll so lernen, wie er kann. Da es keinen Frontalunterricht gibt, stehen Gruppenarbeiten häufig auf dem Programm. Erna hasst Gruppenarbeiten und versteht so manches an diesem ganzen Schulkonzept nicht. Natürlich werden alle Lehrer geduzt, es gibt keine Noten und keiner wird zu etwas gedrängt. Doch dann ist nach einer Schulfeier die Toilette so übel zugerichtet, dass ein Schaden von 3.000 Euro entstanden ist.

Die Folge ist, dass ab sofort eine Klo-Liste geführt wird, in der steht, wer genau wann den Unterricht verlassen hat und auf die Toilette gegangen ist. Jetzt plötzlich wird die ach so wichtige “Freiheit” eingeschränkt. Das ist doch ungerecht!Die Sache ist, dass Erna weiß, wer es war, einerseits aber keine Petzliese sein möchte, andererseits aber auch sauer ist, dass alle dafür büßen müssen…

Anke Stelling hat es hier geschafft, das Thema ihres Romans “Bodentiefe Fenster” ins Kinderbuch zu transportieren, denn auch dieser handelt vom Leben in einem Gemeinschaftswohnprojekt in Berlin und von einer Mutter, die an diesem ach-so-lockeren Lebensstil zu zerbrechen droht.
Anke Stelling leistet hier Großes und spricht, so denke ich, vielen aus der Seele. Das ist mutig, aber das ist vielleicht auch nötig.
Vor allem ist dieses Buch eines: Richtig gut. Man merkt einfach, dass hier eine versierte und ausdrucksstarke Autorin die Feder führt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie spricht Dinge an, die sonst eher nur gedacht, aber nicht gesagt werden. Dazu braucht es manchmal die unverblümte Art eines Kindes wie Erna, denn auch sie ist es leid: Immer diese Rücksichtnahme, immer soll man Verständnis für andere haben und Kompromisse eingehen.

Zum Beispiel bekommen in der Lerngruppe “doofe” Kinder keinen Ärger mit den Lehrern/Erziehern, sondern einen Paten aus der Lerngruppe, der ihnen hilft. Und da darf man nichts sagen, denn dann wäre man ja gemein. So ist man dann selbst der Doofe, weil die wirklichen Doofen einem alles verderben.
Das ist doch beschissen!

Auch diese ganze Gleichberechtigung zwischen Lehrern und Schülern, dass man wie Kollegen zueinander spricht, das ist doch alles vorgetäuscht. Warum gibt es keinen klaren Regeln? Warum sorgen die Lehrer nicht für Ordnung, warum wird das auf die Schüler abgeladen?
Erna wäre es so viel lieber und auch, wenn man nicht immer alles miteinander “besprechen” müsste, wie zum Beispiel, dass sie etwas finden soll, für was sie “wirklich brennt”, damit sie sich in der Schule diesem Thema widmen kann.
Sie hat aber nichts, wofür sie “brennt”, woher soll eine Elfjährige das denn auch so genau wissen, jedenfalls wird sie richtig sauer, dass sie quasi das Messer auf die Brust gesetzt bekommt.

Erna schafft hier etwas, was Sandra, die Protagonistin aus “Bodentiefe Fenster” nie gelungen ist: Sie gesteht sich selbst ein, dass sie etwas anderes möchte. Dass sie kein Schaf ist, das allen alles recht machen will und daran zugrunde geht. Sie möchte Klarheit und ist auch bereit anzuecken. Dafür bewundere ich sie sehr und auch Sandra würde sie bewundern.

Ob sie es wirklich schaffen wird, sich gegen ihre Eltern durchzusetzen und vielleicht die Schule wechselt, das sei jetzt einmal so dahingestellt. Aber darum geht es auch hier gar nicht. Viel wichtiger ist, dass Erna einen eigenen Weg finden wird – und den wird sie finden, da bin ich mir sicher.

Ab 11 Jahren.

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ISBN: 978-3-570-16458-7
Verlag: cbj
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 12,99


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