Anna Woltz: “Hundert Stunden Nacht”

Anna Woltz: “Hundert Stunden Nacht”

Anna Woltz Roman “Gips” hat mich sehr begeistert. Daher habe ich beschlossen weitere Werke der niederländischen Autorin zu lesen, zu “Hundert Stunden Nacht” gegriffen und war erneut beeindruckt davon, mit welch leichter Hand es ihr gelingt, Ernst und Humor zu kombinieren.

Emilias Mitschüler denken sicherlich, dass sie heulend im Bett liegt. Dazu hätte sie auch allen Grund, denn seit die Geschichte mit Emilias Vater im Internet aufgetaucht ist, nehmen die Kommentare auf Facebook und Twitter kein Ende. Fiese Kommentare. Kommentare, in denen fremde Menschen Emilia und ihrer Familie die Pest an den Hals wünschen.

Emilia möchte nur noch eins: Weg von hier! Weit weg, an einen Ort, an dem niemand weiß, was geschehen ist. Ihr erster Gedanke ist: New York.
Sie nimmt die Kreditkarte ihres Vaters, recherchiert, was ein allein fliegender Teenager braucht, um in die USA einreisen zu dürfen und bucht einen Flug, sowie eine Ferienwohnung.
Alles funktioniert. Die Einreise ist kein Problem, zumal sie sich vorbereitet und die benötigten Unterschriften gefälscht hat. Doch vor Ort muss sie feststellen, dass die gebuchte Ferienwohnung nicht existiert. Da erst wird Emilia bewußt, dass sie ganz alleine ist. Was nun…?

Als ich überlegte, welches Buch ich nach “Gips” lesen sollte, erinnerte mich daran, dass ein Mädchen vor einiger Zeit sehr begeistert im Deutschlandfunk von “Hundert Stunden Nacht” erzählte.
Zunächst jedoch war ich skeptisch. Ein minderjähriges Mädchen reist alleine nach New York – das fand ich etwas weit hergeholt und unrealistisch.
Doch Anna Woltz gelingt es, dieses Szenario glaubhaft zu gestalten, zumal Emilias Mutter ihrer Tochter schon immer von dieser Stadt vorgeschwärmt hatte.

Aber was hilft einem eine tolle Stadt, wenn man keine Unterkunft hat und feststellen muss, dass es Minderjährigen in New York nicht gestattet ist, sich alleine ein Hotelzimmer zu nehmen?
Daher bleibt Emilia zunächst ratlos vor der vermeintlichen Ferienwohnung stehen und begegnet Seth und seiner kleinen Schwester Abby. Das Geschwisterpaar lebt derzeit alleine in besagter Wohnung, da die Mutter ein paar Tage nicht in der Stadt ist.
Zunächst wimmelt Seth Emilia ab, da er keine Lust auf fremde Menschen hat. Als jedoch bekannt wird, dass Hurrikan Sandy aufzieht, wird aus der Wohnung eine Art “Hurrikan-Wohngemeinschaft”.
Widerwillig lässt Seth zu, dass Emilia und Jim, der in der Nachbarschaft haust, während des Sturms in der Wohnung unterkommen.

Die treibende Kraft bei dieser Aktion ist die neunjährige Abby, die eine typische Woltz-Figur ist. Schon in “Gips” hat die Autorin eine Person kreiert, die unfreiwillig komisch, charmant und warmherzig ist und Dinge von sich gibt, bei welchen der Leser denkt: Ja genau! Warum habe ich das bisher so nicht gesehen?!
Genau solch eine Figur ist Abby. Einfach hinreissend. Allein schon ihretwegen ist dieser Roman lesenswert.

Des Weiteren ist der Titel des Romans Programm, denn durch den Hurrikan wird deutlich, was wir alles als selbstverständlich ansehen: Elektrisches Licht, fließendes Wasser und das Internet. All das gibt es aufgrund des Hurrikans plötzlich nicht mehr, wenn auch nur für ein paar Tage.
Zunächst scheint es einfach ein großes Abenteuer zu werden, doch dann wird die Situation unbequem. Da das Wasser mittels einer elektrischen Pumpe in die Wohnung gelangt, müssen die vier damit haushalten, was besonders für Emilia nicht schön ist, da die große Angst vor Bakterien und Keimen hat.
Aber auch im zwischenmenschlichen Bereicht wird es schwierig,

Dies alles ist allerdings nur ein Bruchteil dessen, was Anna Woltz in diesen Roman zu packen weiß. Es geht nicht alleine um Freundschaft und Zusammenhalt, sondern auch um Fehltritte und darum, dass man in einen Menschen nicht hineinsehen kann – auch wenn man ihn sein Leben lang kennt.
Aber vor allem geht es darum, dass es wichtig ist, beide Seiten einer Geschichte zu kennen, bevor man ein Urteil über eine Person fällt.

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Ab 14 Jahren.

Neben “Gips” und “Hundert Stunden Nacht” ist noch ein weiteres Buch von Anna Woltz ins Deutsche übersetzt worden: “Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess”.
Ich freue mich sehr auf diese Lektüre.


ISBN: 978-3-551-58348-2
Verlag: Carlsen
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Andrea Kluitmann
Seiten: 256
Preis: 15,99 €


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