Anne Freytag: „Das Gegenteil von Hasen“

Anne Freytag: „Das Gegenteil von Hasen“

Dieser Roman ist eine der Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, auf die ich mich am meisten gefreut habe – und das zu Recht!
Ich musste mich stark bremsen, um “Das Gegenteil von Hasen” nicht in einem Rutsch zu inhalieren. Definitiv eines meiner Highlights des Jahres.
Super!

Normalerweise hat Julia ihr Handy immer dabei. Doch ausgerechnet heute liegt es zu Hause auf ihrem Bett.
Deshalb kann sie sich auch überhaupt keinen Reim darauf machen, weshalb sie von allen so abwertend und ungläubig angestarrt wird.
Doch irgendwann geht ihr ein Licht auf…

Seit einiger Zeit führt Julia Tagebuch, denn was sie WIRKLICH denkt, kann sie niemandem anvertrauen.
Zunächst hat sie in ganz normale Blankobücher geschrieben, doch ihre kleinen Geschwister haben diese gefunden und sie als Malbücher benutzt.
Deshalb hat Julia sich einen WordPress-Account zugelegt und ein Online-Tagebuch geführt. Natürlich ohne ihren Namen zu erwähnen. Außerdem hat sie die Posts auf “privat” gestellt, sodass nur sie alleine diese lesen kann.
Dann hat sie einen einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler.

Aus Bequemlichkeit hat sie den Passwortschutz ihres Laptops deaktiviert, zumal sie ja sowieso die Einzige ist, die diesen benutzt. Ja, normalerweise.
Nun hat sie aber ihre Tasche, in der sich der Laptop befindet, im Bus liegen gelassen.
Irgendjemand hat den Laptop wohl gefunden – und Julias Beiträge veröffentlicht.
Jetzt wissen alle, was die coole, hübsche, beliebte und aber manchmal auch sehr fiese Julia Nolte wirklich denkt…
Scheiße…

Ich bin hin und weg! Was Anne Freytag da geschrieben hat ist sehr gut – und sehr wahr.
Dieses Buch als reine “Schulgeschichte” zu bezeichnen, wäre ein Fehler, denn hier geht es nicht nur um Themen, die Jugendliche beschäftigen, sondern um Themen, die uns ein ganzes Leben lang begleiten.
Es geht unter anderem darum, wie sehr Worte verletzen können und um die Frage, ob es nicht leichter wäre, wenn man einfach unverblümt zu sagen würde, was man denkt.
Wenn man sich keine Gedanken darüber machen würde, ob die Wahrheit unhöflich, oder für andere verletzend sein könnte.
Aber wäre das Leben wirklich einfacher? Oder wäre es sogar anstrengender?
Ist es vielleicht leichter, manche Gedanken für sich zu behalten und so Konflikte zu vermeiden?

Aus einer Studie zum Thema Ehrlichkeit geht hervor, dass 58% der Deutschen täglich schwindeln. Zum Beispiel weil sie jemanden aufmuntern wollen, oder um in Ruhe gelassen zu werden.
Oder um dazuzugehören.
Wie Julia.

Niemand würde je anzweifeln, dass Julia dazugehört. Sie ist eine der “Stars” an der Schule.
Genau da liegt das Problem, denn das ist alles nur Fassade. Julia spielt eine Rolle. Jeden Tag.
Das ist unglaublich anstrengend.
Eigentlich hatte sie gedacht, dass es befreiend wäre, wenn alle wüssten, was sie denkt und von den anderen hält. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Vor der Veröffentlichung der Beiträge ist Julia ist eine der beliebtesten Schülerinnen. Sie ist mit Leonard zusammen, DEM Mädchenschwarm schlechthin, dem Bruder ihrer besten Freundin Marlene.
Alles scheint perfekt zu sein. Zwei schöne Menschen lieben sich. Ein Traumpaar.
Allerdings leidet die Freundschaft zwischen Marlene und Julia unter der neuen Situation, auch wenn keine der beiden dies je ansprechen würde.
Marlene denkt, dass Julia nicht wirklich in Leonard verliebt ist, sondern ihn nur benutzt, um an Ansehen zu gewinnen. Das hat sie Leonard auch schon wissen lassen, aber dieser glaubt ihr nicht.

Jetzt aber hat Leonard es schwarz auf weiß, denn Julia schreibt, dass das mit Leonard und ihr wie eine Beförderung war. Dass ihr Wert quasi von einem auf den anderen Tag gestiegen ist – und dass sie sich Leonard schönredet.
Dass es ihm vollkommen egal ist, wer beim Sex unter ihm liegt und Julia eigentlich auch ein Kissen vor dem Gesicht haben könnte. Dass Leonard nicht auf Julia steht, sondern alleine auf ihre Brüste.
Und dass der Sex mit ihm richtig schlecht ist.
Das weiß jetzt auch jeder.

Edgar hat es auch gelesen. Edgar, den niemand, wirklich niemand, bisher in einem Atemzug mit Julia genannt hätte.
Doch seit einiger Zeit sitzen die beiden im Bus nebeneinander und in diesen Stunden fühlt sich Julia so viel echter, als in ihrem restlichen Leben.
Aber diese Freundschaft zwischen ihnen gibt es aber nur im Bus.
Außerhalb würde Julia nie zugeben, dass sie sich mit ihm so gut versteht, wie mit niemandem sonst. Nicht mit ihrer besten Freundin, mit der sie eigentlich nur befreundet ist, um sich selbst zu schützen. Um nicht zu ihrem Opfer zu werden. Denn Marlene kann richtig fies sein.

Edgar jedenfalls hat begonnen, sich Hoffnungen zu machen.
Eigentlich wollte er sich Julias Posts gar nicht durchlesen, aber als er einmal angefangen hat, kann er nicht mehr aufhören. Dann liest er was Julia über ihn denkt: Er sei “ [..] ein kleiner Junge, der seinen Penis nur braucht, um zu pinkeln.” Ein geschlechtsloser Typ.
Das sitzt.

Gesprochen haben sie darüber aber nicht. Weder Julia und Edgar, noch Julia und Leonard.
Doch genau dies wäre so wichtig, denn im Prinzip sind Julias Gedanken ja Momentaufnahmen und rein spekulativer Natur.
Sie hat nie mit Leonard darüber gesprochen, was er wirklich denkt und fühlt. Sie ist davon ausgegangen, dass er ein gutaussehender Typ ist, der dies weiß und für den Julia nur ein weiteres Mädchen ist, das er flachlegt.
Das hat sie seinen Handlungen und Gesten entnommen.
Sie vermutet es also. Sie weiß es nicht.
Hat sie den Recht? Ist Leonard wirklich so?
Oder ist alles eigentlich ganz anders…

Die Einfachste wäre es natürlich gewesen, wenn die beiden miteinander gesprochen hätten, anstatt das Verhalten des jeweils anderen zu deuten. Oder Dinge in eine WhatApp Nachricht hineinzuinterpretieren, die der andere vielleicht gar nicht gedacht hat.
Man kann nur lesen, was jemand schreibt. Nicht wie.
Der eine sendet vielleicht etwas, was der andere vollkommen falsch auffasst und zack, haben wir den Salat.

Allerdings sagt sich das “einfach” miteinander reden so leicht.
Niemand weiß, wie der andere reagiert, wenn er mit etwas Kritischem, oder Überraschendem konfrontiert wird.
Vielleicht findet es der andere ja gut, wenn er erfährt, dass er zum Beispiel jahrelang etwas zum Geburtstag verschenkt hat, das der andere gar nicht mag, aber sich nie getraut hat, dies zu sagen.
Gut, das ist jetzt eher ein vergleichsweise banales Beispiel.
Ich weiß nicht, wie Leonard reagiert hätte, wenn Julia ihm direkt gesagt hätte, dass ihr der Sex mit ihm keinen Spaß macht und dass sie glaubt, dass er nur mit ihr zusammen ist, weil sie große Brüste hat.

Vielleicht hätte Leonard direkt Schluss gemacht, wenn er in dieser Deutlichkeit konfrontiert worden wäre. Aber vielleicht hätte Julia es auch so nicht ausgedrückt, sondern viel vorsichtiger formuliert. Leonard hätte die Chance gehabt, zu reagieren.
Und er wäre der Einzige gewesen, der wissen würde, wie Julia ihn sieht.
Jetzt sind ihre harten Sätze öffentlich.

“Wenn man jemandem zum Reden hat, muss man nicht immer so viel aufschreiben.” sagt Linda, Edgars Ex-Freundin an einer Stelle.
Reden ist besser, natürlich, aber ist es auch gut für alle Beteiligten immer komplett ehrlich zu sein?
Wenn alle, alles wissen?
Wenn Momo zum Beispiel wissen würde, was Linda getan hat?
Klar, Lindas Gewissen wäre erleichtert, aber Momo würde es sehr schlecht gehen. Ist es das wirklich wert?
Das muss Linda entscheiden…

In diesem Buch steckt so viel und es geht bei Weitem nicht nur um die Jugendlichen, sondern auch um die Erwachsenen. Zum Beispiel um die Rektorin, die sich an ihre eigene Schulzeit erinnert fühlt und die nun mit allen Eltern sprechen muss. Eigentlich wollte sie Julias Beiträge gar nicht lesen, zumal sie der Meinung ist, dass sie diese intimen Gedanken einer Schülerin nichts angehen. Ein vernünftiger Vorsatz.
Dann ist die Neugier doch größer und sie beschließt kurz in den Blog hineinzuschauen.  Dann geht es ihr wie mir, mit diesem Buch: Sie kann einfach nicht mehr aufhören zu lesen.

Des weiteren geht es auch um Julias Mutter die alleinerziehend ist, drei Kinder und drei Jobs hat. Sie dachte immer, dass das Verhältnis zu ihrer Ältesten sehr gut sei, doch als sie Julias Texte liest, erfährt sie, dass dem anscheinend nicht so ist.
Sie kennt ihr Kind gar nicht und hätte Julia niemals zugetraut, dass sie zusammen mit Marlene andere Jugendliche mobbt.
Wie zum Beispiel Linda…

Anne Freytag hat hier ein großartiges Buch geschrieben, das süchtig macht und das ich allen “Tote Mädchen lügen nicht” – Lesern und Leserinnen dringend ans Herz lege.
Es steht sehr viel Wahres darin.
Hut ab!

Ab 14 – 99 Jahren.

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ISBN: 978-3-453-27280-4
Verlag: Heyne fliegt
Erscheinungsjahr: 2020
Seiten: 416
Preis: 17,00 €


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