Anne Tyler: „Der leuchtend blaue Faden“

Anne Tyler: „Der leuchtend blaue Faden“

Anne Tyler hat  im Jahre 1988 für ihren Roman “Atemübungen”, der leider vergriffen ist, den Pulitzer Prize bekommen. Schon damals war eines klar: Was sie kann, wie keine Zweite, ist Normalitäten beschreiben. Man weiß, es wird keine riesengroßen Schockmomente oder unerwartete, alles verändernde Ereignisse geben, aber darauf kommt es auch gar nicht an.
Der Alltag, die zwischenmenschlichen Beziehungen, das Seelenleben der Figuren sind ihr Thema. Das Handeln steht nicht im Vordergrund, sondern das Fühlen.

Red und seine Frau Abby leben in den USA und zwar in einem Haus, das Reds Vater selbst gebaut hat. Eigentlich gar nicht für sich selbst, sondern für die Brills, seine Auftraggeber. Allerdings hat er es verstanden, ihnen seinen Geschmack und seinen Stil aufzudrücken, sodass es letztendlich doch “sein Haus” geworden ist – mit dem einzigen großen Manko, dass er selbst nicht drin wohnen durfte.
Wie es dann doch dazu gekommen ist, dass er einziehen durfte, das ist eine der beliebtesten Familiengeschichten der Whitshanks.

Abby (eine Sozialarbeiterin) und Red (ihm gehört inzwischen der Baubetrieb seines Vaters) selbst haben vier Kinder, die alle schon lange nicht mehr zu Hause wohnen und bereits eigene Kinder haben. Alles ist soweit in Ordnung – wenn Sorgenkind Denny nicht wäre, der ein sehr nun ja “unstetes” Leben führt.
Er wohnt mal dort, mal da, hat keine feste Adresse, kein Mobiltelefon und scheint auch dann und wann Arbeit zu haben, nur erzählt er seinen Eltern nichts über sein Leben.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Abby einen Hang dazu hat, Menschen mit ihrer Fürsorglichkeit eher abzuschrecken, als sie für sich einzunehmen. Sie lädt auch gerne dann und wann Menschen, die sie im Supermarkt trifft und von denen sie weiß, dass sie keine Familie haben einfach nach Hause zum Abendessen ein – mögen diese Menschen noch so seltsam sein. “Findelkinder” heißen sie im Familienjargon und inzwischen hat man gelernt diese Eingenart Abbys zu akzeptieren – aber anstrengend ist es mit ihr trotzdem.
Es wird nicht einfacher, als die Kinder feststellen müssen, dass ihre Mutter beginnt Dinge zu vergessen und im Nachthemd Spaziergänge unternimmt. Sie beschließen, dass es keinen Sinn mehr macht, die Eltern alleine leben zu lassen und so kommt es, dass Sohn Stem mit seiner Frau Nora und den drei Enkelkindern bei Red und Abby einziehen.
Da beginnen die Probleme, denn nun ist es Abby, die sich von der Schwiegertochter bevormundet fühlt und als schließlich noch Denny auftaucht und erklärt auch im Elternhaus leben zu wollen, sind Unstimmigkeiten vorprogrammiert.

Die heimliche Hauptrolle in diesem Buch hat keine menschliche Figur. Es ist das Haus der Whitshanks, das im Mittelpunkt steht, denn es ist Dreh- und Angelpunkt der Familie.
Wir erfahren, wie Reds Vater es gebaut hat, wie er und seine Frau dort lebten, wie Red es übernommen hat, selbst Kinder bekam und wie sich nun die Frage stellt, ob seine Kinder es, wie es die Familientradition vorsieht, übernehmen werden. Das Haus an sich ist ein großes Projekt und jede Generation werkelt daran und bessert aus oder versucht es zu verbessern. Es ist ein Erbstück –  und wie die Enkelgeneration damit umgehen ist eines der Themen in diesem wunderbar ruhigen Buch.

Wenn Anne Tyler beginnt, sich Gedanken über ein neues Buch zu machen, legt sie sich Karteikarten an, schreibt Teile von Dialogen und überlegt, was die jeweilige Figur wohl in ihrem Kleiderschrank hat und was sie am liebsten trägt. Sie lernt ihre Figuren erst genau kennen, bevor sie loslegt und das merkt man auch an der ausgefeilten Intensität ihrer Charaktere.

Was in ihren Büchern auch immer wichtig ist, ist die Familie, die als Ort der Sicherheit, aber auch als einengendes Gefängnis beschreibt. Als Gewinn, aber auch als Last, mit der man sich arrangieren muss.
Abby, die Mutter in “Der leuchtend blaue Faden”, zum Beispiel, ist einerseits froh, dass sie ihre Söhne und Töchter hat, aber durch den Einzug der Familie des Sohnes fühlt sie sich bedrängt und entmündigt, andererseits ist sie auch glücklich. Mit diesem Zwiespalt muss sie nun zurechtkommen.

Den Pulitzer-Prize hat sie übrigens nicht selbst in Empfang genommen, denn sie scheut die Öffentlichkeit. So gibt sie zum Beispiel sehr selten Interviews und hält auch keine Lesungen. Sie selbst begründet das so:  „Immer wenn ich übers Schreiben spreche, kann ich eine Weile nicht mehr schreiben. Also lasse ich es lieber.“
Rezensionen liest sie prinzipiell nicht, denn wenn der Rezensent schreibt, er liebe ihre Dialoge, würde sie denken, dass sie mehr Dialoge einbauen sollte und ihr Schreiben wäre beeinflusst – und das möchte sie nicht, was ich sehr gut nachvollziehen kann.
Sie selbst sagt von sich, dass sie gerne ein abenteuerlustiger Mensch wäre, der ein aufregendes Leben habe. Das sei sie allerdings nicht, sie liebe Routine und verlasse nicht so gerne das Haus. Daher habe es für sie nur einen Ausweg gegeben: Mit dem Schreiben anzufangen und so ein Stück weit das Leben anderer zu leben.
Für uns Leser ist das ein Glück.

» Zum vollständigen Interview mit Anne Tyler in der „Zeit“
» zur Leseprobe


ISBN: 978-3-0369-5939-9
Verlag: Kein & Aber
Preis: 13,00 €


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3 thoughts on “Anne Tyler: „Der leuchtend blaue Faden“
Laura

Wow, klingt nach einem wunderschönen Buch und auch nach einer echt fähigen Autorin! Ich finde es immer interessant, zu erfahren, wie Autoren ihre Bücher schreiben. Vorallem, weil ich in letzter Zeit häufiger gehört habe, dass Autoren meist viel mehr über ihre Charaktere wissen (und akribisch dokumentieren), als dann am Ende im Buch landet. Eigentlich ja offensichtlich – aber ich hatte mir da bis jetzt noch nie Gedanken drüber gemacht. Wie auch immer – schöne Rezension, ich werd mir das Buch mal aufschreiben 😉

Friederike

Hallo Laura,

danke, es freut mich, dass ich Dich neugierig machen konnte.
Ich fand es auch hochspannend, wie Anne Tyler ihre Romane angeht und habe zuvor auch nicht gewußt, dass sie sich so konsequent der Öffentlichkeit verweigert. Dass sie sich allerdings von Kommentaren der Leser beeinflussen lassen würde, kann ich aber sehr gut nachvollziehen…ich glaube, mir ginge es da genauso.

Ich wünsche Dir einen schönen Abend – viele Grüße,
Friederike

Pingback: Anne Tyler. A Spool of Blue Thread (2015) | LiteraturLese

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