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Castle Freeman: “Auf die sanfte Tour”

Castle Freemans Roman “Männer mit Erfahrung” ist im letzten Jahr in deutscher Übersetzung erschienen und viele waren sehr angetan von diesem Werk, wie zum Beispiel Wolfgang Höbel vom Literatur-Spiegel, der Kaffeehaussitzer und Gérard von Sounds & Books.

Nun ist Freemans zweiter Roman übersetzt worden und nach der Lektüre von “Auf die sanfte Tour” verstehe ich, weshalb man diesem Schriftsteller regelrecht verfallen kann.

Lucian Wing ist Sheriff und hat die Arbeitsweise seines Vorgängers und Mentors übernommen: Erstmal abwarten, den Dingen ihren Lauf lassen und vor allem keine Waffe bei sich zu haben, denn “Sheriffsein ist ungefähr so, als wäre man Rausschmeißer beim Wohltätigkeitsball: Wenn alles normal läuft, hat man nicht viel zu tun.”
Für diese Einstellung bzw. Arbeitsweise hat sein ambitionierter Deputy so gar kein Verständnis. Für ihn ist das Posen, das Tragen der Uniform nebst Waffe unabdingbar.

Als in der Stadt ein nackter, gefesselter und sehr übel zugerichteter Russe gefunden wird und sich herausstellt, dass in einer luxuriösen Villa etwas von der Stadt entfernt eingebrochen worden ist, hat Lucian Wing zwar einen Verdacht, doch hält er seine Handlungen im Zaum, was auf großes Unverständnis stößt.
Doch Wing ist ein erfahrener Mann, war früher bei der Navy und weiß zum Beispiel, dass man man mit einem Betrunkenen alles machen kann, wenn man ihn an der Nase packt und sie dreht.

Es sind diese Details, die Freemans Roman so gut machen. Die Details und der knochentrockene Humor. Die Story an sich ist dabei eigentlich gar nicht so wichtig. Ich hatte das Gefühl in einem Film der Coen-Brüder zu sitzen und mich dabei bestens unterhalten.
Christina von Nagel & Kimche hat Freemans Stil mit dem des Kultfilms Fargo verglichen und ich kann ihr da vollkommen zustimmen. Die Dialoge sind pointiert, lakonisch und einfach richtig gut.

Auch die Art und Weise, wie Wing mit Menschen umgeht und sie betrachtet ist sehr bemerkenswert. Ich denke da zum Beispiel an Errol, der neu als Nachtfunker eingestellt worden ist.
Kein Mensch sonst möchte diesen zugegebenermaßen todlangweiligen Job übernehmen, da man eigentlich einfach nur nachts neben dem Funkgerät sitzt und wartet dass etwas passiert, was sehr selten der Fall ist. Wing arbeitet ihn ein und erzählt uns: “Wie man das Funkgerät ein- und ausschaltet, hatte er kapiert – am Rest arbeiten wir noch”.

Für solche Sätze liebe ich Castle Freeman und werde die Lektüre von “Männer mit Erfahrung” demnächst nachholen – das Buch liegt schon parat.

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ISBN: 978-3-312-01014-1
Verlag: Nagel & Kimche
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
Preis: 19,00 €


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