Éric Vuillard: “Die Tagesordnung”

Éric Vuillard: “Die Tagesordnung”

Für dieses Werk wurde Éric Vuillard mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet – dem Prix Goncourt. Vollkommen zu Recht. “Die Tagesordnung” ist schlichtweg großartig und eines meiner Highlights des Jahres 2018.

Vierundzwanzig Herren treffen am 20. Februar 1933 in einem Palais am Spreeufer ein. Wichtige Herren. Unter ihnen sind Gustav Krupp, Wilhelm von Opel und Ernst Tengelmann. Man könnte meinen, es handele sich um x-beliebige Verhandlung, doch mitnichten.
Hermann Göring betritt die Runde, heißt alle Willkommen und kommt sogleich auf die bevorstehenden Wahlen zu sprechen, die “falls die Nazipartei die Mehrheit erringe […] die letzten für die nächsten zehn Jahre” seien. Vielleicht sogar für die nächsten hundert.
Um jedoch den Wahlkampf zu führen, brauche man Geld….

Nach wenigen Sätzen ist klar, Éric Vuillard hat hier etwas ganz Großes geschaffen. Der Leser taucht ohne Vorgeplänkel in dieses Treffen, bei welchem auch Hitler sprechen wird, ein – und ist sofort mittendrin.
Rund drei Millionen Reichsmark spendeten die Wirtschaftsbosse der NSDAP, Mittel, ohne die Hitler vielleicht nicht an die Macht gekommen wäre (siehe Der Spiegel 6/1965). Doch das ist reine Spekulation.

Éric Vuillard spekuliert in seinem Werk, das eine Art Aneinanderreihung verschiedener Szenen des Vorabends des Zweiten Weltkriegs ist, natürlich auch. Viele Kleinigkeiten und Regungen entspringen der Phantasie des Autor, die Fakten jedoch stimmen. Das stellte ich unter anderem fest, als ich zur Person Kurt Schuschniggs recherchierte, mit welchem ich mich bisher noch nicht befasst hatte.
Schuschnigg war von 1934-38 Bundeskanzler des Bundesstaates Österreichs und regierte diesen diktatorisch. Zuvor war er als Justizminister und Unterrichtsminister unter anderem dafür verantwortlich, dass die 1920 abgeschaffte Todesstrafe 1933 wieder eingeführt wurde.

Das Treffen zwischen Hitler und Schuschnigg auf Hitlers Landsitz, dem Berghof (Obersalzberg), auf welchem auch John Boynes Roman “Der Junge auf dem Berg” spielt, ist eine weitere Szene, an der uns Éric Vuillard teilhaben läßt.
Doch im Gegensatz zu John Boyne, der die fiktive Geschichte eines Jungen erzählt, der den Sommer bei seiner Tante verbringt und unter den Einfluss des charismatischen Adolf Hitler gerät, erfindet Vuillard keine Personen hinzu.

Bei besagtem Treffen, zwang Hitler, der die Beteiligung von NSDAP Mitgliedern an Regierungsämtern forderte, Kurt Schuschnigg dazu, Arthur Seyß-Inquart zum Innenminister zu machen.
Für die (sehr kurze) Zeit vom 11. bis 13. März (dem Tag des “Anschlusses Österreichs” ) war Seyß-Inquart schließlich Bundeskanzler.
All dies war mir vor der Lektüre dieses Buches nicht bewußt. Éric Vuillard hat mich dazu gebracht zu recherchieren, mehr wissen zu wollen, tiefer in die Materie einzudringen. Wenn einem Buch dies gelingt, dann ist es Literatur – Literatur, die bleibt.

Éric Vuillard verfolgt das gleiche Ziel, wie der von mir sehr geschätzte Historiker Oliver Hilmes, der mit “Berlin 1936” eines meiner Lieblingsbücher des Jahres 2016 geschrieben hat. Beide Schriftsteller möchten Geschichte erlebbar machen und beiden gelingt dies vollkommen.
Während Hilmes aber plaudernd von (wie ich finde hochinteressanten) Nebensächlichkeiten berichtet, wie zum Beispiel davon, dass Goebbels Frau Magda eine Affäre hatte, wendet sich Vuillard dem Kern des politischen Geschehen der NS-Zeit zu.

Dabei ist es beileibe nicht so, dass der nur reine Fakten runterbetet. Nein, er kreiert eine regelrecht dringliche, faszinierende Atmosphäre, die vor Spannung flirrt. Zum Beispiel, als viele Menschen in Österreich auf den Einmarsch der sagenumwobenen “fabelhaften Kriegsmaschinerie” Deutschlands warten – und keiner kommt.
Die Panzer bleiben vor der Grenze im Straßengraben liegen. “Mann ist völlig aufgeschmissen. […] Stau statt Schwung”.
Vuillard kommentiert diese Situation so trocken, dass man gar nicht anders kann, als die Mundwinkel beim Lesen nach oben zu verziehen und sich an den Kopf zu fassen. Es ist ja auch wirklich absurd.

Ein weiteres Highlight ist für mich die Szene, in der Vuillard beschreibt, wie der NSDAP-Politiker und frisch ernannte Außenminister Joachim von Ribbentrop mit seiner Frau zum Abschiedslunch des britischen Premierministers Neville Chamberlain geladen ist.
Vuillard treibt hier seine feine Ironie meisterlich auf die Spitze.
Schon alleine für diese Szene hat er, meiner Meinung nach, den Prix Goncourt verdient.

Hut ab!

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Am 20. April wird „Die Tagesordnung“ im Literarischen Quartett besprochen. Auf die Meinung der vier Kritiker bin ich sehr gespannt und werde berichten.


ISBN:  978-3-95757-576-0
Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung:  Nicola Denis
Seiten: 128
Preis: 18,00 €


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