Jenny Offill: “Amt für Mutmaßungen”

Jenny Offill: “Amt für Mutmaßungen”

Gleich eine Sache vorweg: Dieses Buch braucht Zeit. Es ist äußerlich nicht umfangreich, hat aber innerlich ein um so größeres Ausmaß.

Es geht um das Leben einer Schriftstellerin in New York. “Ja und…? “ höre ich jetzt die Kommentare und vielleicht auch: “Schon tausend Mal gehört!” – ja vielleicht. Aber nicht so. Denn hier steckt in jedem Satz viel mehr, als auf dem Papier steht.

“Amt für Mutmaßungen” ist kein zusammenhängender Text, sondern mehr ein Zusammengefügter. Eine Ansammlung von in sich schlüssigen Fragmenten, die in einem zeitlichen Überbau einen erzählerischen Rahmen finden.
Es beginnt mit der Schriftstellerin als junge Frau, die niemals heiraten, sondern “Kunstegomane” werden möchte – etwas, was Frauen nur sehr selten werden, zumal sich Kunstegomanen nicht mit Alltagsdingen beschäftigen, sondern nur mit der Kunst.
Sie bekommt dann doch ein Kind, heiratet und erlebt eine Ehekrise –  aber davon erfahren wir nur in Ansätzen und angedeuteten Episoden. In Sätzen, die jeder für sich eine eigene Welt bedeuten:

Zu ihrer neuen Wohnung:
“Ein Zuhause hat man, damit man bestimmte Leute drinnen und alle anderen draußen halten kann.”

Über ihre Schwester:
“Ihr Mann ist Brite. Er würde all ihre Probleme gerne mit Internat und obligatorischem Backgammon lösen.”

Was sie recherchiert hat:
“Bis zum siebzehnten Jahrhundert wurde allgemein geglaubt, Magneten besäßen eine Seele. Wie sonst sollte ein Gegenstand anziehen oder abstoßen können?”

Und einfach so:
“Jetzt sitzt die Frau mit ihr auf der Veranda, und sie sehen zu den Bäumen hinaus. Bäume, wohin man sieht. Irgendwer muss vor langer Zeit geglaubt haben, dass man mit Bäumen alle Probleme lösen kann.”

Es wird nichts erklärt oder ausgeführt. Diese Sätze stehen für sich und man denkt automatisch weiter. Mehr Worte braucht es nicht.
Ist das nicht Kunst? Ist das nicht wunderbar?
Ich jedenfalls bin ganz begeistert von diesem reduzierten Roman, bei welchem die Phantasie des Lesers bemüht wird: Eine Art fordernd-melancholische und sehr klare Literatur, die einzigartig ist.

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ISBN: 978-3-328-10082-9
Verlag: Penguin
Übersetzung: Melanie Walz
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 9,00 €

Die gebundene Ausgabe dieses Titels ist 2014 bei DVA erschienen.


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