Jill Ciment: “Anatomie eines Prozesses”

Jill Ciment: “Anatomie eines Prozesses”

F-17 und C-2 lernen sich vor Gericht kennen. F-12 ist Professor an der medizinischen Fakultät, C-2 ist Fotojournalistin. Beide wurden als Geschworene geladen. Um was es im Prozess geht, wissen sie nicht.

C-2s Mann ist 86, sie selbst 52 Jahre alt, deshalb hätte sie schon einen Grund, die Hand zu heben, als die Richterin die Frage stellt, ob sich einer der Geschworenen nicht in der Lage dazu sieht, seine Pflicht auszuüben. Der Prozess könne einige Wochen dauern und vielleicht wird die Jury sogar isoliert.

Kann sie ihren Mann alleine lassen? Einen Mann, der mit dem Pulitzer-Prize ausgezeichnet worden ist und der ein unglaubliches Wissen hat. Einen Mann, dessen Verstand hellwach ist, der aber beginnt, alltägliche Dinge zu verlieren. Wörter, Schlüssel, das Gefühl für Distanzen.
Doch C-2 hebt die Hand nicht. Sie wird ihre Pflicht als Geschworene tun.
In einem Mordprozess.

Man könnte jetzt zu dem Schluss kommen, dass der Fall, der verhandelt wird, der Mittelpunkt des Romans ist. Doch dem ist nicht so.

Klar hätte man aus diesem Stoff auch ein Buch machen können, denn es um ein junges, autistisches Mädchen, das ihren 18 Monate alten Bruder verbrannt haben soll.
Jill Ciment hat sich jedoch für eine andere, vielleicht weniger offensichtliche Geschichte entschieden.
Genau das gefällt mir so an diesem Roman, der mich auch stilistisch vollkommen überzeugt hat.

Im Zentrum des Geschehens steht C-2, deren Ehemann fest davon ausgegangen ist, dass sie einen Grund finden würde, von ihren Jurypflichten entbunden zu werden.
Dass er Bedenken hat, alleine zu sein, möchte er jedoch nicht zugeben. Seinen Augen sieht sie an, dass er am liebsten “Ja” sagen würde, als sie ihn fragt, ob sie sich von der Jury freistellen lassen soll.
Doch er spielt den harten Mann. Auf keinen Fall will er, dass die Richterin oder sonst jemand erfährt, dass er nicht alleine gelassen werden kann. Dann müsste er ja vor sich selbst zugeben, dass er nicht mehr jung ist.
deshalb lässt er C-2 fahren.

Die Jury wird schnell isoliert und lebt in einem Hotel. Immer ist ein Aufpasser dabei und die Zimmer können nicht abgeschlossen werden.
Raucherpausen, zum Beispiel nach dem Essen, sind für die Jurymitglieder die wenigen Momente in welchen sie ungestört miteinander reden können. Sie werden zwar beobachtet, aber was gesagt wird, erfährt der Aufpasser nicht.
Gesagt, oder geflirtet.
C-2 ist Nichtraucherin.
Genauso wie C-17.
C-17 hat eine ganze Stange Zigaretten dabei.
Sie werden sie gut gebrauchen können…

Bisher hatte ich mich mit dem Thema der Geschworenen in den USA nicht wirklich beschäftigt. Klar kenne ich John Grishams Romane “Das Urteil” und “Die Jury”, aber dass ich diese gelesen (bzw. den Film gesehen) habe, ist wirklich schon ewig her.
Daher habe ich versucht mir etwas zu dieser Thematik anzulesen, aber dann doch nur an der Oberfläche herumgekratzt.

Was ich aber herausgefunden habe, ist, dass es sich zwar um eine Pflicht des amerikanischen Bürgers handelt, doch dass diese nicht ganz so beliebt zu sein scheint.
Ein Grund dafür könnte die Tatsache sein, dass der Arbeitgeber eines Jury-Mitglieds diesem zwar nicht kündigen, jedoch durchaus die Lohnfortzahlung einstellen kann.
Da ja niemand im vorhinein weiß, wie lange ein Prozess dauern wird, ist das wirklich ein Problem. Für Selbständige ja sowieso, zumal die Aufwandsentschädigung für die Arbeit als Geschworener sehr gering ist.

Des weiteren ist der psychische Druck, Teil einer Jury zu sein, nicht zu unterschätzen.
Man muss sich nur einmal vorstellen, dass man vielleicht vollkommen abgeschirmt wird und keinen Zugang zum Internet, oder zu Zeitungen hat, weil man von der Berichterstattung beeinflusst werden könnte. Das stelle ich mir schwierig vor.
Schwierig ist wohl auch die Auswahl der Jury, denn es gilt eine gewisse Anzahl an Personen zu finden, die keine Vorkenntnisse über den Fall haben und somit unvoreingenommen sind.
Da heute fast jeder ein Smartphone und damit Internet besitzt, dürfte das schwer sein. Besonders in Fällen, die etwas größer sind. Über zum Beispiel Harvey Weinstein hat ja jeder schonmal irgendwas irgendwo gelesen.

Außerdem gilt es zu bedenken, dass es in einigen US-Staaten die Todesstrafe gibt.
Die potenziellen Geschworenen müssen einen sehr umfangreichen Fragenkatalog beantworten, anhand dessen darüber entschieden wird, ob sie für den Prozess infrage kommen, oder nicht.
Anscheinend ist eine der Fragen die, ob man gegen, oder für die Todesstrafe ist.
Kreuzt die Person dann an, dass die dagegen ist, wird sie abgelehnt.
(Ein, wie ich finde, großartiges Buch, das sich mit der Thematik der Todesstrafe befasst ist “Wer ist Edward Moon?” von Sarah Crossan. Aber das nur am Rande.)

Wie schon gesagt, das ist jetzt alles vollkommen laienhaftes Internetwissen, das ich hier wiedergebe. Ich weiß nicht, ob alles wirklich so stimmt und freue mich, wenn ich korrigiert werde.
Doch zurück zum Buch: Für C-2 scheint das mit der Unvoreingenommenheit kein Problem darzustellen. Auch die Tatsache, dass sie mit ihrem Mann nicht über den Fall sprechen darf, ist für sie kein Problem.
Gut, sie wird ja dann sehr schnell isoliert, dann hat sich das eh erledigt.
Ein Problem ist jedoch der nicht gerade sympathische Ersatzkandidat, der ebenfalls mit im Hotel isoliert ist.
Er scheint er das Talent zu haben, gut beobachten zu können. Oder zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Vielleicht eher Letzteres…

Jill Clement beobachtet ihre Figuren genau und hat es so geschafft, einen Roman zu , schreiben, der ohne Sensationslüstern auskommt und bei dem der eigentliche kriminalistische Aspekt vollkommen nebensächlich wird.
Mir war es auch gar nicht wichtig, zu erfahren, ob das Mädchen jetzt wirklich ihren Bruder umgebracht hat, oder, ob es die Schwester, oder deren Freund gewesen ist.
Darum geht es in diesem Roman auch meines Erachtens gar nicht.

Denn in diesem Buch geht es eigentlich geht es um das Alter, um die Frage danach, was richtig und was falsch ist und woher wir das wissen sollen.
Und um die Liebe. Um die Liebe geht es auch.

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ISBN: 978-3-7472-0192-3
Verlag: ars vivendi
Erscheinungsjahr: 2020
Übersetzung: Max Stadler
Seiten: 200
Preis: 20,00 €


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