Joyce Carol Oates: “Cardiff am Meer”

Joyce Carol Oates: “Cardiff am Meer”

Joyce Carol Oates “Sieben Reisen in den Abgrund” war mein Lieblingsbuch des Jahres 2020. Mit “Cardiff am Meer” hat die kanadische Schriftstellerin bei mir erneut ins Schwarze getroffen. Das Jahr ist zwar erst zur Hälfte herum, doch auf meiner Liste der Anwärter zum “Highlight des Jahres 2021” steht dieses Buch jetzt schon ganz oben.

Als der Anwalt am anderen Ende der Leitung Clare mitteilt, dass sie etwas geerbt hat, ist sie sehr erstaunt. Sie kennt keine Maude Donegal und der Ort Cardiff (Maine) sagt ihr ebenfalls überhaupt nichts. Das muss eine Verwechslung sein.

“Maude Donegal – die Mutter ihres Vaters. […] Donegal – das ist doch ihr Geburtsname. Wussten Sie das nicht?[…] Ich hoffe, ich habe sie nicht beunruhigt, Miss Seidel.”
Oh doch…

Clare hat niemandem erzählt, dass sie adoptiert worden ist. Die Seidels hatten lange versucht ein Kind zu bekommen, doch es wollte einfach nicht klappen. Als dann ihr geliebter Hund das Zeitliche segnete, adoptierten sie schließlich Clare.
Das Ungewöhnliche daran: Clare war zu diesem Zeitpunkt kein Baby mehr, sondern schon zwei Jahre und neun Monate alt.
Nach ihren leiblichen Eltern hat sie sich nie zu fragen getraut, denn die Beziehung zu den Seidels stand von Anfang an auf einem eher wackeligen Fundament. Die Gespräche mit den beiden waren immer von einem leichten Unbehagen begleitet.

So ist es auch jetzt, denn Clare beschließt Hannah anzurufen und sie zu fragen, was sie über ihre leiblichen Eltern weiß – und ob diese noch leben.
Vielleicht sollte sie lieber den Begriff “leibliche Eltern” vermeiden…ja, “biologische Eltern” klingt neutraler. Doch Hannah ist trotzdem gekränkt.
Naja, das war wohl nicht zu vermeiden.
Die Geburtsurkunde? Ja, die kann sie Clare schicken…

Clare weiß zwar, dass sie sich keine Hoffnungen machen sollte, aber ihre Gedanken kreisen darum, dass dies vielleicht ein Wendepunkt in ihrem Leben sein wird.
Sie wird Verwandte haben, die sie bedingungslos lieben. Bei denen sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen muss. Sie wird nach Cardiff fahren und vielleicht dort leben, denn ihr ist ein Haus und ein Grundstück vererbt worden.
Vielleicht wird sie es schön renovieren und von dort aus ihre Arbeit als Postdoktorandin an der Uni erledigen.Vielleicht werden sie und der Anwalt, der sie von der Erbschaft in Kenntnis gesetzt hat Freunde, oder sogar ein Paar.

Nicht dass sie bisher unzufrieden gewesen wäre…aber vielleicht geht ihr Leben jetzt so richtig los. Denn tief in ihrem inneren hat sie immer der Gedanke daran belastet, dass man ein Adoptivkind immer zurückschicken kann…
Also macht sie sich auf nach Cardiff. Cardiff am Meer.
Hätte sie das lieber mal gelassen…

Hier zeigt Joyce Carol Oates erneut, dass es ihr ein Leichtes ist, ihre Leser ans Buch zu fesseln.
Sie kreiert nicht nur eine Atmosphäre der Spannung und des leichten Unbehagens, sondern dringt tief in ihr Personal ein.
Stereotypen sind ihr fremd. Auch die (scheinbar) unwichtigste Nebenfigur hat Charakter.

Besonders grandios finde ich die beiden Großtanten in Cardiff, bei welchen Clare zunächst wohnen wird. Schon beim Lesen ihrer Dialoge (eigentlich sind es eher Monologe, bei denen sich die die beiden über 80 jährigen Damen ständig ins Wort fallen) dachte ich: Mein Gott, sind die beiden nervig!
Die Gesellschaft von Elspeth und Morag Donegal (die aus einer Erzählung des britischen Schriftstellers und Satirikers Saki entsprungen sein könnten, dessen Geschichten leider auf Deutsch nicht mehr lieferbar sind) würde ich keine Stunde lang aushalten!

Sie erzählen zwar viel, aber über Clares Vater und Mutter machen die beiden stets einen großen Bogen. Nichts ist aus ihnen herauszubekommen.
Das muss Clare schon alleine rausfinden…

Joyce Carol Oates Roman “Pik-Bube” ( in dem es um einen Schriftsteller geht, der zwar sehr erfolgreich ist, aber eben nicht so erfolgreich wie Stephen King) war mein erstes Buch der Autorin und hat mich sehr begeistert.
“Sieben Reisen in den Abgrund” (sieben Erzählungen, die allerdings wie sieben Romane wirken) habe ich letztes Jahr gelesen und war hin und weg. Genauso ist es bei “Cardiff am Meer”.
Auch hier handelt es sich um vier Geschichten die eine Klasse für sich sind.

Ich habe abends im Bett keine neue Geschichte mehr angefangen, denn ich wusste, dass ich das Licht nicht ausmachen würde, bis ich sie beendet hätte.
Sowohl “Miao Dao”, “Wie ein Geist:1972”, als auch “Das Kind, das überlebte” sind glänzend geschrieben – und superspannend.
Daumen hoch!

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ISBN: 978-3-95510-242-5
Verlag: Osburg
Erscheinungsjahr: 2021
Übersetzung: Ilka Schlüchtermann
Seiten: 380
Preis: 24,00 €


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