Joyce Carol Oates: “Sieben Reisen in den Abgrund”

Joyce Carol Oates: “Sieben Reisen in den Abgrund”

Was für ein Buch!
“Sieben Reisen in den Abgrund” ist definitiv eines meiner Highlights des Jahres 2020.

Der Plan ist, sie nicht merken zu lassen, was hier gespielt wird. Denn eine Maisjungfer muss vollkommen ahnungslos sein. Was nur logisch ist, da sie ja sonst keine Maisjungfer, sondern ein Opferlamm voller Angst wäre.
Jude spielt ihre Rolle jedenfalls gut. Die Maisjungfer (die in einem früheren Leben Marissa hieß) ist voller Vertrauen. Sie lechzt geradezu nach Liebe und Zuneigung – und läuft so direkt in ihr Verderben….

Zur gleichen Zeit merkt Leah, dass etwas nicht stimmt.
Sie ist etwas später, (aber wirklich nur ETWAS später als sonst) von der Arbeit nach Hause gekommen und hat erwartet (wie immer) Licht im Fenster der Wohnung zu sehen.
Denn wenn Marissa alleine Zuhause ist, lässt sie stets das Licht brennen. Alleine im Dunkeln zu sitzen macht ihr ein bisschen Angst.

Leah hat ja auch ein schlechtes Gewissen, dass sie ihr Kind alleine lässt. Aber was soll sie denn machen?! Sie ist alleinerziehend und Marissas Vater zahlt keine Alimente.
Ihr wäre es auch lieber gewesen, wenn ihre elfjährige Tochter kein Schlüsselkind wäre. Aber es hilft ja nichts. Außerdem handelt es sich ja nur um zwei Abenden pro Woche, wenn Leah in der Praxis den Spätdienst übernehmen muss.
Sie hat keine andere Lösung gesehen, doch als sie jetzt in die dunkle Wohnung blickt, wird ihr klar, dass sie eine Betreuung hätte organisieren müssen.
Eine gute Mutter macht sowas.

Aber Leah ist doch eine gute Mutter. Sie liebt ihr Kind und ist immer für Marissa da. Sie hat dafür gesorgt, dass das Mädchen auf eine Schule für betreuungsintensive Kinder kommt und ist extra in deren Nähe gezogen, damit der Schulweg nicht so weit ist.
Alles nur für Marissa – und jetzt ist das Kind, dieses absolut zuverlässige, brave Kind, das leider an der neuen Schule keine Freunde gefunden hatte, weg….

Im vergangenen Jahr habe ich Joyce Carol Oates “Pik-Bube” gelesen und war total begeistert. Wie sich die amerikanische Autorin in den Kopf eines langsam verrückt werdenden Schriftsteller hineinversetzt, ist wirklich großartig – und wahnsinnig spannend.
Verständlich, dass Joyce Carol Oates seit Jahren als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis gilt.

Warum ich seit “Pik-Bube” nicht mehr Oates- Romane gelesen habe, ist mir rätselhaft, denn schon nach der ersten Seite von “Sieben Reisen in den Abgrund” war ich vollkommen gefangen.
Denn diese Seite beginnt mit den Worten

“IHR ARSCHLÖCHER!”.

Zunächst kann man vielleicht nicht verstehen, wer da spricht und was diese Person vorhat. Und auch, was eine “Maisjungfer” ist, mag einem zunächst verborgen bleiben. Doch nach und nach wird klar, was hier eigentlich los ist.
Spätestens, als Leah merkt, dass Marissa nicht Zuhause ist, ist man mitten im Geschehen.
Denn Joyce Carol Oates versetzt sich so tief in diese Figur hinein, dass man Leahs aufkeimende Verzweiflung wirklich spürt und atemlos weiterliest.
Sehr geschickt laviert sich die Autorin durch Leahs unterschiedliche Gedankenstadien, die von “Das kann doch nicht sein..” über “Vielleicht hat sie sich versteckt….” zu “Oh Gott, was mache ich jetzt…?!” reichen.
Alleine die Übergänge von einer Emotion zur nächsten sind sehr bemerkenswert.

Das Tolle ist, dass man nicht nur bei Leahs das Gefühl hat, in deren Kopf zu sitzen. Joyce Carol Oates gelingt dies bei jeder Figur, die sie erschafft.
Sie läßt uns die Gedanken der verzweifelten Mutter (die zunächst perfekt erscheint und denkt, dass nur Hysterikerinnen gleich den Notruf wählen und erst einmal ein Bier zur Beruhigung trinkt – und einen Moment später bemerkt, dass ihr dies zum Verhängnis werden könnte) genauso intensiv spüren, wie die der dreizehnjährigen Jude, die einen ganz eigenen Plan hat.
Oder die des Hilfslehrers, der einem wirklich leid tun kann…

Man sollte jedoch nicht zart besaitet sein, wenn man zu “Sieben Reisen in den Abgrund” greift. Denn alle vorliegenden Erzählungen sind sehr intensiv und gehen an die Substanz.
Dabei geht es nicht primär um körperliche Gewalt und Grausamkeit, sondern um die Abgründe unserer Seele.
Um unsere verborgenen Sehnsüchte und Wünsche. Um Dinge, die wir vielleicht denken, aber nie sagen würden.

Wie zum Beispiel in Jessicas Fall, denn sie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass das Baby wieder verschwindet.
Alle sagen immer, dass sie doch bestimmt froh ist, jetzt eine große Schwester zu sein.
Da Jessica weiß, dass sie die Erwachsenen nicht merken lassen darf, dass sie überhaupt nicht froh ist, lächelt sie und nickt.
Tja, und dann….

Dass es sich hier um ein Buch mit Geschichten handelt, ist meines Erachtens nach, vollkommen sekundär. Meinetwegen hätte man auch nur die erste, sehr lange, Geschichte (”Die Maisjungfer”) als Buch drucken können. Ich wäre vollkommen zufrieden gewesen.
Die anderen (nicht weniger genialen) Erzählungen sehe ich als Bonus.
Allerdings als sehr spannenden Bonus, man denke da nur zum Beispiel an die letzte Geschichte, in der ein Schönheitschirurg um eine nun ja, etwas ungewöhnliche Optimierung gebeten wird…

Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, mehr von Joyce Carol Oates zu lesen.
Genug geschrieben hat sie ja….zum Glück!

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ISBN: 978-3-426-28198-7
Verlag: Droemer
Erscheinungsjahr: 2019
Übersetzung: Silvia Visintini
Seiten: 384
Preis: 22,99 €


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