Pierre Lemaitre: “Drei Tage und ein Leben”

Pierre Lemaitre: “Drei Tage und ein Leben”

Seit dem Tag, an welchem ich bemerkt habe, dass ein neuer Roman von Pierre Lemaitre ins Deutsche übersetzt werden wird, freue ich darauf, diesen zu lesen.
Zu Recht, denn in “Drei Tage und ein Leben” zeigt der Autor, dass er nicht umsonst mit Prix Goncourt ausgezeichnet worden ist.


Alles ändert sich, als Kevin eine PlayStation zum Geburtstag bekommt.
Eigentlich wollten Antoine und die anderen Kinder in Saint-Eustache, einem Wald in der Nähe ihres Heimatortes Beauval, eine Hütte bauen. Doch seit es diese PlayStation gibt, verbringen die Klassenkameraden ihre Freizeit auf dem Sofa. Bis auf Antoine.

Seine Mutter ist sehr streng, sie ist alleinerziehend und hat ihre ganz eigene Art mit Problemen umzugehen. Daher kommt es, dass Antoine mittwochs und samstags fortan alleine ist, während die anderen bei Kevin sind. Seine Mutter möchte nicht, dass er vor der Glotze hängt.
Er hat zwar Émilie, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, aber mit einem Mädchen im Wald zu spielen ist eben nicht das Gleiche, wie mit den besten Freunden.
Antoine ist ein sensibler Junge und da kommt gerade einiges zusammen: Der Vater lebt nicht mehr vor Ort, die Mutter ist streng und seine Freunde reden jetzt immer über Dinge, bei welchen Antoine nicht mitreden kann.

Er ist frustriert und beginnt aus Trotz alleine eine Hütte im Wald zu bauen, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Er baut sogar einen Aufzug und testet ihn mit dem Hund der Nachbarn, der zu seinem besten Freund wird.
Doch der Hund läuft vor ein Auto und der Nachbar weiß nichts besseres, als ihn vor den Augen Antoines zu erschießen. Für diesen bricht eine Welt zusammen.

Als er in den Wald geht und seine Hütte zerstört, taucht Rémi, der 6-jährige Sohn des Nachbarn auf, dem man erzählt hat, dass der Hund nur weggelaufen sei. Er versteht Antoines Wut nicht und auch nicht Antoines Frage, weshalb Rémis Vater “dies” getan habe. Noch weniger versteht er, dass Antoine plötzlich mit einem Stock auf ihn losgeht und zuschlägt. Dann denkt Rémi nichts mehr.
Er ist tot.

Das sind nur die ersten Seiten dieses fein psychologisch austarierten Romans, den ich einmal angefangen, nicht mehr weglegen konnte.
Ganz leise und eindringlich zeigt uns Lemaitre hier, wie einem Menschen das Leben entgleitet. Einem 12-jährigen Kind, das fortan nur noch die Angst kennt, entdeckt zu werden und sich so sein eigenes Gefängnis schafft.
Lemaitre gelingt es, Antoines inneren Kampf sehr einfühlsam zu schildern: Ich habe mitgelitten und immer gedacht, dass es jetzt passiert, jetzt kommt es raus, jetzt wird die Mutter nachhaken – doch dies geschieht nicht.
Hier stellt sich die Frage nach der größeren Last: Die Wahrheit zu sagen oder in ständiger Angst zu leben, dass die Tat entdeckt werden wird.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass wir auch erfahren, wie es zwölf Jahre danach um Antoine steht. Hier zeigt sich, dass Lemaitre beides beherrscht: Tiefe Prosa zu verfassen und dabei die Spannung hoch zu halten.  

Vor drei Jahren las ich Pierre Lemaitres Roman “Wir sehen uns dort oben”, für welchen er den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs erhielt, den Prix Goncourt.
Dieses Buch spielt im Ersten Weltkrieg und mir war gar nicht bewußt, dass Lemaitre auch Krimis schreibt.
Als ich mir dann die Werke des Autors aufrief und das Cover seines Krimis “Der kalte Hauch der Angst” sah, kam es mir sehr bekannt vor und ich erinnerte mich, dass ich dieses Buch 2009 für die Krimi-Abteilung eingekauft hatte.

Damals hatte ich diesen Titel als Durchschnitts-Thriller abgetan – jetzt muss ich mir selbigen mit dem Wissen von heute noch einmal genauer anschauen.
Ach was, ich glaube ich muss ihn lesen.

An diesem Beispiel ist mir eins deutlich geworden: In Frankreich ist es möglich, dass ein Autor, der aus dem Krimifach kommt, was ja gerne als Genre minderer Qualität abgetan wird, mit dem höchsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet wird.
In Deutschland wäre dies, so sehe ich es, eher weniger denkbar. Hat hier ein Autor einen Stempel, so bekommt er in nur schwer wieder los.
Der wichtigste Literaturpreis Deutschlands, ist der Deutsche Buchpreis, dessen Longlist kürzlich veröffentlicht worden ist. Auf dieser Liste befinden Werke, die von einem eher kleinerem Kreis literarisch interessierter Menschen gelesen werden.
In Frankreich scheint dies anders zu sein, hier schließen sich die die Worte “Literatur” und “Unterhaltung” nicht aus, denn Pierre Lemaitres Roman “Wir sehen uns dort oben” war, sehr spannend, intensiv und vor allem eines: Unterhaltend.

2016 bekam Leila Slimani den Prix Goncourt für “Dann schlaf auch Du”, ein Buch, das in deutscher Sprache soeben erschienen ist. Es geht um ein Ehepaar mit Kindern, das sich eine Nanny nimmt, die zunächst perfekt erscheint.
Als ich diesen Text schrieb, las ich es gerade und muss sehr an mich reißen, weiter zu tippen, anstatt auf dem Sofa zu sitzen und zu lesen. Hier stelle ich erneut fest, dass preisgekrönte Literatur spannend und unkompliziert sein kann.
Aber ich schweife ab.

Zurück zu Lemaitre, der mich mit “Drei Tage und Ein Leben” sehr begeistert hat.
In diesem Buch gewährt uns der Autor einen tiefen Blick in die Seele eines Schuldigen, der in sich selbst gefangen ist und wartet mit einem Ende auf, mit dem ich nicht gerechnet hätte.

Wunderbar.

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ISBN: 978-3-608-98106-3
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Tobias Scheffel
Preis: 20,00 € – » bei Thalia bestellen (Affiliate Link)

Die abgebildete Ausgabe des Buches entspricht nicht der Originalausstattung.


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4 thoughts on “Pierre Lemaitre: “Drei Tage und ein Leben”
Constanze Matthes

Mir hat „Wir sehen uns dort oben“ ebenfalls sehr gefallen, so dass ich dieses neue Buch ebenfalls sehr gern lesen würde. Mich hat es auch gefreut, dass Du für das Krimi-Genre Partei ergreifst, ich denke auch, dass es da immer wieder Titel gibt, die große Literatur sind. Und das sehe im Übrigen auch im Fall der Science-Fiction-Literatur, die ebenfalls leider noch immer eine Nebenrolle spielt. Viele Grüße

Die Leserin

Das ist so eine Rezension, für die ich dankbar bin. 🙂
Ich hatte das Buch zuvor nämlich überhaupt nicht bemerkt. Der erste Eindruck ist bei mir immer der Titel, der zweite das Cover, der Verlag, der Autor, die Buchbeschreibung. Bis auf den Verlag hat mich nichts angesprochen. Bis eben. Als ich deine Rezension las, dachte ich, das muss ich mir vormerken. Wenn einem das Leben entgleitet, das manchmal schneller passieren kann, als man glaubt, finde ich ein interessantes und wichtiges Thema. Und deswegen ist jetzt auf meiner Vormerkliste gelandet. Danke!

Das, was du bezüglich Deutscher Buchpreis ansprichst, vermisse ich auch. Für mich gehört Literatur und Unterhaltung zusammen, wenn sie wirklich gut sein soll. Was bringt es mir, eine außergewöhnliche Sprache zu lesen, die mir nichts erzählt? Für mich ein No-Go.
Von der Longlist habe ich mir wirklich nur wenig vorgemerkt. Das Floß der Medusa vielleicht; Die Fassadendiebe fand ich schon von der Leseprobe her langweilig; bei Phantome weiß ich nicht, ob ich diesen gefühlten abgehackten Stil, der anfangs auftaucht, ein ganzes Buch durchhalten möchte :-). Aber ich bin ja froh, dass es Blogger gibt, die sich da durchkämpfen und mir dann die Auswahl erleichtern. 😉

    Friederike

    So ist es :).

Mia

Ich habe das Buch im Originaltext gelesen. Es hat mich sehr berührt! Der Autor versteht es meisterhaft, die Leser/innen in die Abgründe seines Protagonisten eintauchen zu lassen. Friederike hat eine treffende Rezension verfasst.
Schön, dass jetzt eine deutsche Ausgabe dieses Buches im Handel erscheint.

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