Samuel Selvon: “Die Taugenichtse”

Samuel Selvon: “Die Taugenichtse”

Dieses bereits 1956 erschienene Werk hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt, denn es thematisiert die Migration und das Dasein in einer fremden Kultur.

Moses hat sich wieder überreden lassen. Ein ihm vollkommen Fremder kommt aus der alten Heimat, aus der Karibik, an der Waterloo-Station in London an und hofft auf ein besseres Leben. Und Arbeit.
Moses selbst lebt schon einige Jahre in London und hat für seine Landsleute (die in England als “Mokkas” bezeichnet werden) eine Art Sozialarbeiterfunktion angenommen.
Er hat eben ein weiches Herz.

Der “Frischling”, den Moses abholt ist Henry, der fortan den Spitznamen Galahad tragen wird und der mit vollkommen leeren Taschen und ohne Gepäck angekommen ist. Nicht einmal eine Flasche Rum hat er dabei, obwohl es doch erlaubt ist, zwei Flaschen auszuführen und Rum in London fast unerschwinglich ist.
Geld hat er auch nur sehr wenig bei sich, zumal er der Ansicht ist, dass er in London schnell etwas verdienen würde.

Doch das ist schwieriger als gedacht, denn die Einheimischen mögen einfach keine Menschen mit schwarzer Haut. Das würden sie natürlich nie sagen, dafür sind die Briten viel zu diplomatisch, aber die Männer aus der Karibik merken schnell, dass sie nicht erwünscht sind.
Auf dem Arbeitsamt gibt es inzwischen schon Vermerke, wenn der Arbeitgeber nur Weiße einstellen möchte. Taucht man trotzdem auf, wird einem höflich gesagt, dass die Stelle bereits besetzt sei, obwohl dies offensichtlich nicht der Fall ist.
Auch Cap hat solche Erfahrungen gemacht. Er wurde mit der Aussicht auf einen warmen Bürojob zu einer Firma geschickt, die ihm zwar dann auch Arbeit anbot, aber auf der Baustelle und zu einem viel niedrigeren Gehalt.

Doch Moses und die anderen Männer geben nicht auf und versuchen das Beste aus der Situation zu machen.
Cap zum Beispiel ist nie ohne weibliche Begleitung zu sehen – derzeit ist es eine Österreicherin. Mit seinem Charme schafft er es, alle um den Finger zu wickeln, leiht sich Geld von ihnen und macht ihnen zum Beispiel weis, dass er in der ersten Arbeitswoche keinen Lohn erhalte. Obwohl er nicht einmal eine Anstellung hat.
Er kommt immer irgendwie durch, wobei es eine große Hilfe ist, dass die Männer zusammenhalten. Sie treffen sich zum Beispiel immer sonntags bei Moses, um über die Heimat zu reden und Neues aus der alten und der neuen Welt zu verbreiten.

Die Londoner Geschäfte jedenfalls haben sich schon auf die Einwanderer und ihre Bedürfnisse eingestellt und verkaufen zum Beispiel inzwischen Stockfisch. Doch viele können sich, aufgrund mangelnder finanziellen Möglichkeiten nicht einmal das leisten und greifen in der Not zu drastischen Maßnahmen.
So fangen sie zum Beispiel Tauben im Park, wobei sie feststellen müssen, dass viele Briten ein größeres Herz für Tiere, als für Menschen haben.

Von Episoden wie diesen schreibt Samuel Selvon mit Leichtigkeit und Witz, sodass man schnell vergisst, wie ernst die Situation für den Einzelnen doch ist – und genau das macht den Charme des Textes aus. Diese Balance zwischen ungetrübter Lebensfreude und der Frage, von was man sich denn heute ernähren soll.  

Keiner außer Moses jedoch scheint sich Gedanken darüber zu machen, wie es in Zukunft weitergehen soll.
Er selbst lebt mehr oder weniger von der Hand in den Mund, ohne Aussicht auf Besserung. Auch ist ihm klar, dass er in London niemals richtig integriert sein wird. Die Tatsache, in einem Land zu leben, in dem der Tod eines allein lebenden Menschen wochenlang nicht bemerkt wird, bereitet im Unwohlsein.
Soll er bleiben, soll er gehen? Eine schwere Entscheidung.

Samuel Selvon wurde 1923 auf Trinidad geboren und arbeitete als Reporter beim Trinidad Guardian, bevor er 1950 nach London auswanderte. Dort begann er kritisch über das Leben der Immigranten, er selbst lebte in einem Immigrantenheim und später in einer Kellerwohnung, zu schreiben. Er verfasste diverse Romane, wobei “Die Taugenichtse”( “The Lonely Londoners”) am erfolgreichsten war.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass Selvon im kreolischen Dialekt schreibt, was seinen Figuren sehr lebendig werden läßt und von Miriam Mandelkow wunderbar ins Deutsche übertragen worden ist. Man bounced bzw. federt durch dieses Buch und spürt die angebliche Leichtigkeit und die ungetrübte Hoffnung der Protagonisten.
Sie alle versuchen das Leben leicht zu nehmen, sich keine Gedanken zu machen und nie weiter als zum nächsten Tag zu denken.
Dass sie täglich dem Rassismus der Weißen ausgeliefert sind, erfährt der Leser eher nebenbei. Nur sehr wenige Menschen sind ihnen wohlgesinnt und so geben sie sich untereinander Halt bzw. versuchen diese Tatsache auszublenden. Sie lachen, machen Witze, aber eigentlich ist die Situation zum Heulen, da sie in diesem Land nur geduldet sind.

Durch Samuel Selvon bekamen die ersten Einwanderer Englands eine literarische Stimme, die dem Leser ein Gefühl dafür vermittelt, wie es ist, fernab der Heimat zu leben und entwurzelt zu sein. Ein Thema, das heute so aktuell ist, wie nie zuvor.

» zur Leseprobe

» zum Interview mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow


ISBN: 978-3-423-28117-1
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Miriam Mandelkow
Seiten: 176
Originaltitel: The Lonely Londoners
Preis: 18,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)

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