Sarah Schmidt: “Seht, was ich getan habe”

Sarah Schmidt: “Seht, was ich getan habe”

Dieses Buch basiert auf einem wahren Fall – und das macht die Sache noch spannender.

Lizzie Borden lebt im Jahr 1892 mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter Abby und dem Dienstmädchen Bridget in Fall River in den USA. Sie betritt eines Mittags das Wohnzimmer und zunächst denkt sie, dass ihr Vater schläft, doch beim Anblick des zerfetzten Gesichts ist klar, nein Mr. Andrew Borden lebt nicht mehr.
Jemand hat ihren Vater beim Mittagsschlaf getötet.

Da die Stiefmutter, die Lizzie nicht “Mutter”, sondern konsequent “Mrs. Borden” nennt, einen Krankenbesuch außer Haus macht, schickt Lizzie das Dienstmädchen Bridget los, um Hilfe zu holen. Sie selbst bleibt beim toten Vater alleine zurück.
Bald darauf ist allerdings klar, dass sich Mrs. Borden doch noch im Hause befindet. Allerdings nicht lebend. Auch sie wurde, wohl mit einem axtähnlichen Gegenstand, im Obergeschoss ermordet.
Hat sich ein Fremder Zugang zum Haus verschafft, oder war vielleicht Lizzie die Täterin?
Letztere verhält sich sehr seltsam und nach und nach erfahren wir, dass die Familienverhältnisse der Bordens nicht sehr rosig sind.

Was Sarah Schmidt aus diesem Fall macht, ist großes Kino. Abwechselnd versetzt sie sich in Lizzie, Bridget, Lizzies Schwester Emma und einen Mann namens Benjamin hinein und erzählt die jeweilige Version der Geschichte.

Emma zum Beispiel, ist zum Tatzeitpunkt nicht vor Ort, sondern lebt bei einer Freundin in Fairhaven, um privaten Kunstunterricht zu nehmen. Das ist ihre erste Rebellion gegen das Elternhaus. Immer hat sie alles gegeben, zumal sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprochen hatte, sich gut um Lizzie zu kümmern.
Sie hat sich zurückgenommen und versucht nicht zu zeigen, wie wütend sie ist, als der wohlhabende, aber extrem sparsame Vater die sehr eigene und undankbare jüngere Lizzie auf eine Grand-Tour nach Europa schickt – und nicht Emma, die Älteste.
Sie ist heilfroh, nicht mehr Zuhause zu leben, denn die Zustände sind wirklich furchtbar.
“Du machst einen schrecklichen Fehler, wenn Du weggehst.” hat Lizzie gesagt, als Emma das Haus verlassen hat – und sich damit verhalten, wie immer. Erpresserisch und stets auf den eigenen Vorteil bedacht.

Was die beiden jedoch eint, ist der Hass auf die Stiefmutter Abby. Die einem vielleicht Leid tun könnte, doch wenn wir lesen, was Bridget uns zu erzählen hat, so löst sich alles Mitleid in Null komma Nichts auf. Was für eine hinterhältige Person!

Bridget ist vor Jahren aus Irland gekommen, um Arbeit als Dienstmädchen zu finden und an den Haushalt der Bordens vermittelt worden.
Seit der ersten Woche plant sie fort zu gehen. Zum einen, weil der Lohn sehr mickrig ist (wir erinnern uns, Mr. Borden ist sparsam), zum anderen, weil sie nur schikaniert wird.
Doch sobald sie sagt, dass sie beabsichtigt zu gehen, wird Mrs. Borden urplötzlich krank, appelliert wortlos an Bridgets Pflichtgefühl und ist plötzlich zuckersüß. Das geht jetzt schon sieben lange Jahre so. Nun aber hat Bridget genug Geld gespart, um wirklich fort zu gehen.
Doch plötzlich sind ihre Ersparnisse unauffindbar.

Wenn Sarah Schmidt aber Lizzie sprechen läßt, läuft sie zu ganz großer Form auf.
Sie versetzt sich in die inzwischen 32-jährige Frau, die äußerst impulsiv ist und deren Gedanken sehr drastisch und nun ja ungewöhnlich sind, so intensiv hinein, dass man das Gefühl hat, direkt in ihrem Kopf zu sitzen. “Mrs. Borden schlürfte sie [die Hammelbrühe] von ihrem Löffel, was für ein Schwein, und ich sah, wie ihre Zunge grau und dick über die Lippen fuhr. Ich stellte mir ihre Zunge im Mund meines Vaters vor. Wie sie wohl schmeckte.”

Und sowieso, diese Hammelbrühe! Sarah Schmidt gelingt es, den Geruch der nunmehr seit einer Woche servierten Hammelbrühe förmlich durch die Seiten dringen zu lassen.
Schon alleine dafür hat sie ihren Platz auf der Krimibestenliste vollkommen verdient.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Fall der Lizzie Borden, der nie vollständig aufgeklärt worden ist, literarisch bzw. cineastisch aufgegriffen wird.
Es gibt zum Beispiel zwei Simpsons-Folgen, in welchen Lizzie eine Rolle spielt und einen Film mit Kristen Stewart und Chloë Sevigny, der im Januar beim Sundance Film Festival lief und für den Grand Jury Prize nominiert gewesen ist. Meiner Recherche nach lief dieser Film jedoch noch nicht in Deutschland.

Die Tatsache, dass es sich um einen wahren Fall handelt, erhöht hier den Nervenkitzel, doch ich rate definitiv davon ab, sich vor der Lektüre von “Seht, was ich getan habe” über Lizzie Borden zu informieren und verlinke daher auch keinen Artikel zu ihrem Leben. Das nähme dem Ganzen die Spannung, zumal Sarah Schmidt sich an die Fakten hält.

Ich jedenfalls bin wieder im Krimi-Fieber und habe mit diesem Buch einen außergewöhnlichen und wie ich finde brillant geschriebenen Roman gefunden, der auch Nicht-Krimi-Leser begeistern wird.
Tiptop.

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P.S.: Die Übersetzerin dieses Buches ist übrigens Pociao, die auch Werke meines heißgeliebten Evelyn Waugh genial ins Deutsche übertragen hat.


ISBN:  978-3-86612-435-6
Verlag: Pendo
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: pociao
Seiten: 384
Preis: 20,00 €


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5 thoughts on “Sarah Schmidt: “Seht, was ich getan habe”
Katharina

Bestellt!

    Friederike

    Viel Spaß beim Lesen :)!

Jemima | Hochhorst

War bisher nicht sicher, ob das Buch was für mich ist. Tolle Rezension, die List auf das Buch macht!

Viele Grüße

Jemima

    Friederike

    Prima. Vielen Dank!
    Hatte es auch sehr lange auf dem eReader, bevor ich es gelesen habe :).

    Viele Grüße,
    Friederike

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