Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 13.Oktober 2017 – Ein Kommentar

Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 13.Oktober 2017 – Ein Kommentar

Diese Sendung wurde nicht im Berliner Ensemble aufgezeichnet, sondern kam direkt von der Buchmesse in Frankfurt. Gast war der “Erfinder” des Literarischen Quartetts Johannes Willms, den ich allerdings als zu bemüht empfunden habe.

Doch nun zum Wesentlichen. Zu den Büchern:

Annie Ernaux: “Die Jahre”

Der frankophile Johannes Wills stellt dieses Buch vor, das er als Soziographie bezeichnet. Ernaux schildert anhand von Zeitgeschichte die Emanzipation einer jungen Frau, die aus der Normandie nach Paris geht und dort Karriere macht.
Wills sagt, dies sei eine spannende Lektüre.

Christine Westermann hat dieses Buch ebenfalls sehr gerne gelesen und fügt hinzu: Wenn diese Frau sich emanzipiert hat, dann habe sie selbst sich auch emanzipiert.
Die Lektüre dieses wunderbaren Buches sei ihr vorgekommen, wie eine Zeitreise durch ihr eigenes Leben. Des Weiteren lobt sie die hervorragende Übersetzung.

Volker Weidermann empfand den Anfang des Werks zunächst irritierend, doch schließlich eröffnete sich ihm das Konzept der doppelten Optik. Da machte es Klick. Es sei ein politisches Werk, das mit dem Erreichen des Jahres 1989 kippe.
Besonders gefallen haben ihm die Szenen der Familienessen in verschiedenen Jahren: Zunächst erzählen die handelnden Figuren sich, was sie selbst am Tag erlebt haben, doch von Jahr zu Jahr erweitert sich der Themenkreis. Damit komme es zur Entfremdung der Familienmitglieder.

Thea Dorn ist mit diesem Werk nicht warm geworden, zumal sie sich an der Erzählform stört. Annie Ernaux schreibt nicht in der ersten Person Singular, im “ich”, sondern im “man” – Modus.
Für Dorn ist Literatur ein Ort, an welchem Subjektivität sich feiern darf. Der quasisoziologische Gestus dieses Erzählens habe sie immens gestört. Wenn nicht ein kleines Mädchen aus der französischen Provinz subjektiv sein darf, wer darf es dann?
Johannes Willms entgegnet, dass Ernaux sich ins “man” flüchte, weil die Zeit sie am Ich-Sein gehindert habe.

Zum Abschluss dieser Buchvorstellung erwähnt Volker Weidermann, dass Macron auf der Messe groß auftrete, wie ein Heiliger verehrt werde, aber in Frankreich gegenteilig agiere und zum Beispiel Sozialleistungen kürze.
Den Zusammenhang zum Buch kann ich leider nicht mehr herstellen.

Die Süddeutsche Zeitung hat dieses Buch bereits besprochen.

Ich für mich stelle fest, dass ich froh bin einmal von Annie Ernaux Existenz erfahren zu haben, glaube aber, dass ich “Die Jahre” nicht unbedingt lesen muss.

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Daniel Kehlmann: “Tyll”

Da in der vergangenen Woche ein sehr ausführlichen Artikel im Spiegel über “Tyll” von Volker Weidermann abgedruckt war, lag es auf der Hand, dass er es ist, der dieses Buch zur Besprechung im Quartett ausgesucht hat.

Daniel Kehlmann hat einen historischen Roman geschrieben, so Weidermann, in welchem er eine Till Eulenspiegel-Figur nimmt und sie in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs versetzt.
Der Auslöser für diesen Krieg war übrigens eine Kleinigkeit: Der Winterkönig, Friedrich V. hatte die böhmische Königskrone angenommen, doch dies war eine Fehlentscheidung.
Die Illusion sei ein großes Thema dieses Romans, denn Friedrich V. simuliere einen Königshof, den es gar nicht gebe.
Weidermann haben die Figuren, besonders die Liebesgeschichte zwischen Tyll und Nele, sehr berührt.

Christine Westermann empfindet großen Respekt für die Rechercheleistung Kehlmanns und erwähnt, dass zum Beispiel die Szenen, in welchen der Westfälische Friede verhandelt wird, genauso gut in der heutigen Zeit spielen könnten. Sie fand “Tyll” wirklich toll, doch nachdrücklich empfehlen kann sie es nicht. Es sei einfach nicht ihre Zeit.
Das kann ich nachvollziehen. Auch ich tue mich mit diesem Thema schwer.

Wesentlich drastischer formuliert es Thea Dorn, denn sie sagt, dass dieses Buch eine kolossal vertane Chance sei. Man solle doch lieber Grimmelshausens Simplicissimus lesen.
Die Eröffnung des Buches fand sie beeindruckend und dachte, wenn der Autor hier die Till Eulenspiegel – Figur nimmt, um zu zeigen, dass in der heutigen Zeit eine “Joker-Figur” reicht, um die Gesellschaft zum Überkochen zu bringen, dann ist das richtig gut.
Dann jedoch fange Kehlmann an zu schreiben, dass Tyll es nie leicht gehabt hätte. Und außerdem hatte er eine ganz schwierige Kindheit. Das sei doch Mist!
Warum verbiedermeiert er das Ganze und kippt verbales Blattgold über die Figuren?!

Weiterhin hat sie sich die Frage gestellt, was diese volkspädagogische Phrase soll, dass die Geschichte schon “verdammt lang her” sei. Es handele sich hier um einen großartigen literarischen Stoff, den man methodisch für den Leser aufschließen könne, bzw. gekonnt hätte. Doch dies sei eben nicht geschehen.

Daraufhin meint Volker Weidermann, dass der Roman eben nichts vergegenwärtigen wolle. Er habe während der Lektüre sehr viel gelernt und die Figuren haben ihn so gerührt, wie lange nichts mehr.
Bei solchen Aussagen werde ich immer sehr vorsichtig. Mir ist im Laufe der Sendungen aufgefallen, dass Weidermann, wenn er argumentativ nicht weiter kommt und sich in die Ecke gedrängt fühlt, entweder rechthaberisch wird, oder seine Gefühle für die Figuren ins Spiel bringt. Dagegen kann dann niemand etwas sagen. Aber gut. Lassen wir das.
Dass der Drache am Ende stirbt, hat ihn übrigens “sehr, sehr traurig” gemacht. Soviel dazu.

Johannes Willms gibt zu, dass er “Tyll” zunächst mit Misstrauen begegnet ist, das Werk jedoch dann großartig gefunden habe. Es warte mit den besten Schlachtenbeschreibungen auf, die er je lesen durfte.
Durch den von Thea Dorn verehrten Simplicissimus hingegen habe er sich sehr gequält. Wobei selbige anmerkt, dass es inzwischen eine sehr gute zeitgemäße Übertragung gäbe.
“Tyll” sei für ihn eine Figur, die die einzelnen Tableaus des Buches zusammenhalte. Dies sei übrigens keine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, zumal Frankreichs Rolle darin ja gar nicht zum Tragen komme.
Man müsse die Handlung aus dem Zeitrahmen lösen und sehen, dass unsere Zivilisation nur dünner Firnis sei. Wie schnell kann es doch in friedlichen Zeiten dazu kommen, dass alles auseinander fällt.
Er jedenfalls, habe dieses Buch sehr gerne gelesen.

Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieser Roman auch nach dieser Debatte sowie der Lektüre der Leseprobe, nicht wirklich anmacht. Es ist schlichtweg nicht mein Thema.
Das heißt aber nicht, dass ich historische Themen generell ablehne. Ein Roman, der mich gleich auf den ersten Seiten überzeugt hat, war zum Beispiel “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet” von David Mitchell.
Zunächst dachte ich auch “Was interessiert mich Japan um 1799?”. Doch dann war ich begeistert und habe begonnen zum Thema der Abriegelung Japans und der Geschichte der Insel Dejima zu recherchieren.
Wenn einem Buch dies gelingt, so ist das ein sehr gutes Zeichen.

Der Spiegel, Die Zeit und die NZZ haben dieses Buch bereits besprochen.

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Sonja Heiss: “Rimini”

Wie erwartet, stellt Christine Westermann dieses Buch vor, in dem es um die Familie Arnim geht. Da ist zum Beispiel Mascha, deren innere Uhr nicht tickt, sondern dröhnt. Sie möchte dringend eine Familie gründen, doch nicht mit ihrem eigenen Mann.

Wie Sonja Heiss beschreibe, dass Missverständnisse die Regel zwischen Mann und Frau seien (was ja gar nicht schlimm ist), sei richtig gut gemacht, so Westermann. Heiss seziere die fünf Figuren sehr fein. Das Ganze sei eine Art Mischung aus Loriot, Woody Allen und “Der Gott des Gemetzels”. Westermann mag dieses Buch sehr gerne.

Auch Thea Dorn hatte mit den “verkorksten” Figuren immens viel Spaß. Des Weiteren warte “Rimini” mit erstaunlich guten Dialogen auf. Man merke dem Buch an, dass die Autorin aus dem filmischen Bereich komme.
Es handele sich hier um das verdammt gute Portrait des deutschen Mittelstands und um eine völlig normale, kaputte Familie. Sie fühle sich an den Film Toni Erdmann erinnert.
Die Personen im Buch seien furchtbar – furchtbar präzise!

Johannes Willms ist ebenfalls von den präzisen Dialogen fasziniert, hat jedoch eine Aversion gegen das Thema der Midlife-Crises. Die Frau im Roman ist als Schauspielerin gescheitert und möchte nun ein Kind. Willms mag soetwas nicht mehr lesen.
Ich finde, das hätte man anders formulieren können. Dass “Rimini” seinen Geschmack nicht trifft, war von vorne herein klar. Aber es war nunmal für das Quartett ausgewählt, da musste er durch. Dass er sich fest vorgenommen hat zu provozieren und/oder durch Witz in dieser Sendung zu bestechen ist offensichtlich.

Volker Weidermann formuliert seine Kritik anders: Dieses Buch sei wie das Leben, das interessierte ihn nicht. Er habe während des Lesen das Gefühl gehabt, ständig gegen eine Leinwand zu laufe. Es habe sich ihm keine Tür geöffnet, der Roman habe keine Tiefe.

Hier wird deutlich welch verschiedene Ansprüche Weidermann und Westermann an die Literatur haben. Während Weidermann Bücher die das Leben abbilden nicht interessieren, ist es genau das, was Christine Westermann am Lesen reizt.
Während sie “Rimini” las, habe sie gelacht, sich auch mal fremd geschämt und manchmal gedacht: Oh, so einen Satz hätte ich auch raushauen können.

Ich persönlich denke, es ist egal, was man liest. Hauptsache, man hat Spaß daran.
Außerdem stelle ich gerade fest, dass ich sehr viel Lust auf “Rimini” bekommen habe.

Die taz, BücherKaffee und Fantasie und Träumerei haben dieses Buch bereits besprochen.

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Salman Rushdie: “Golden House”

Thea Dorn hat dieses Buch ausgewählt und erwähnt, dass Salman Rushdie, Dank seiner guten Security, gerade 70 Jahre alt geworden sei.
Den Inhalt seines neuesten Romans “Golden House” zu erzählen, sei jedoch aussichtslos.
Daher erwähnt Dorn nur, dass es um einen jungen Filmregisseur geht, dem der Stoff für einen Film fehlt. Jedoch wird er fündig, als er beginnt, seinen Nachbarn und dessen Familie zu beobachten – Nero Golden.

Dieser Roman beginne mit Obamas Amtseinführung und ende mit einem Präsidenten, der grüne Haare habe und eher an eine Comicfigur erinnere.
Erzählerisch ziehe Rushdie alle Register, denn in diesem Buch stecken sehr verschiedene Textgattungen – angefangen vom Märchen bis hin zum politischen Pamphlet.
Dabei sei die zentrale Frage, ob man sich in einem neuen Land wirklich neu erfinden könne, oder ob man immer von der Vergangenheit eingeholt werde.
Dies sei, so Dorn, vielleicht nicht der allerbeste Roman Rushdies, aber auf jeden Fall ein ganz großer.

Johannes Willms meint, dass dieses Buch orientalisch überbordend sei und quasi nach einer Verfilmung schreie. Allerdings würde er dringend empfehlen, die Trump-Figur am Ende wegzulassen, zumal die Hauptfigur Nero Golden selbst eigentlich schon eine solche Figur sei.
“Golden House” sei ein wunderbarer Schmöker, aber keine hohe Literatur.
Volker Weidermann ergänzt, dass es in diesem Werk darum ginge, zu zeigen, dass es nicht eine Wahrheit gäbe, sondern unendlich viele Wahrheiten.

Christine Westermann stellt fest, dass der erste Satz des Buches 21 Zeilen hat. Das habe ich auch gemerkt, als ich die Leseprobe gelesen habe. Allerdings bin ich nicht, wie Johannes Willms, darauf gekommen, dass der erste Satz von “Der große Gatsby” (Fitzgerald) eine ähnliche Länge aufweist. Und nicht im Entferntesten wäre ich auf die Idee gekommen, diesen Satz (auf Englisch!) zu zitieren!
Johannes Willms allerdings schon, was sehr peinlich ist. Seine anschließende Bemerkung, man könne das ja rausschneiden, macht die Sache eher noch schlimmer.
Man kann sagen, er hat alles versucht: Witzig zu sein, zu provozieren und seine Bildung heraushängen zu lassen. Wobei ich über seine Bemerkung zu “Golden House”, die im Widerspruch zu eigenen Aktionen steht, lachen musste. Er meinte nämlich, dass ihm die Bildungsprahlerei Rushdies auf die Nerven gegangen wäre.
Kein Kommentar.

Volker Weidermann bemerkt abschließend, dass es ein Wunder sei, dass Salman Rushdie noch lebt und schreibt. Dieser Mann sei der Beweis für die Macht der Worte, die Macht der Literatur.
(Anmerkung: 1988 ist Salman Rushdie aufgrund seines Romans “Die satanischen Verse” durch eine Fatwa zum Tode verurteilt worden. Inzwischen beträgt das Kopfgeld vier Millionen Dollar.)

Der Spiegel und die FAZ haben dieses Buch bereits besprochen.

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Wie immer wird das “Ergebnis” der Sendung in Büchern festgehalten:

Annie Ernaux: “Die Jahre” – 3:1
Daniel Kehlmann: “Tyll” – 2:2
Sonja Heiss: “Rimini” – 2:2
Salman Rushdie: “Golden House” – 3:1

Insgesamt kann ich sagen, dass die aktuelle Sendung für mich in Ordnung war. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Vorherige Ausgaben haben mich allerdings mehr mitgerissen, was vielleicht auch am jeweiligen Gast gelegen haben könnte.
Auf einen der vorgestellten Romane bin ich jedenfalls neugierig geworden und zwar zu meiner eigenen Überraschung auf “Rimini”. Besonders auf die Dialoge, die Thea Dorn und Christine Westermann hervorgehoben haben, freue ich mich sehr.

Die nächste Sendung wird am 8. Oktober 2017 ausgestrahlt werden und der Gast heißt zu meiner Verblüffung Thomas Gottschalk.
Ich bin mir sicher, dass wir einige Anekdoten aus seinem Leben zu hören bekommen. Vielleicht wird er erzählen, dass Marcel Reich-Ranicki sein Telefonjoker bei “Wer wird Millionär” gewesen ist….wir werden es sehen.

Auf das Buch, das er vorstellen wird, bin ich jedenfalls sehr gespannt und gehe im Geiste schon mal die Neuerscheinungen des Dezembers durch. Doch ich muss sagen, dass ich keine Ahnung habe, welche Art von Literatur die Seinige sein könnte. Ich kann nur spekulieren…


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4 thoughts on “Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 13.Oktober 2017 – Ein Kommentar
Olaf

Tolle Kommentare Friederike! Jetzt bin ich etwas unsicher, weil ich mir „Tyll“ eigentlich kaufen wollte, Kehlmann ist immer für eine Überraschung gut. :):D Liebe Grüsse, Olaf

    Friederike

    Vielen Dank!
    Bitte lasse Dich nicht vom Kauf abhalten! Es ist lediglich das Thema, das mich nicht reizt. Sonst würde ich einen neuen Kehlmann natürlich lesen.

    Viele Grüße,
    Friederike

Bookster HRO

Moin Friederike! Du hast die Sendung mal wieder super zusammengefasst. Ernaux klingt interessant; Rushdie hat mich schon immer beeindruckt; für Heiss gehöre ich wohl eher nicht zur Zielgruppe und um Kehlmann mache ich stets ein großen Bogen.
Beste Grüße aus Rostock! Bookster HRO

    Friederike

    Ciao Stefan,

    vielen Dank.
    Mit Deiner Einschätzung liegst Du glaube ich wirklich richtig – „Rimini“ ist wahrscheinlich wirklich nichts für Dich ;).

    Viele Grüße,
    Friederike

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