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Emily Ruskovich: “Idaho”

Dieses Buch war ganz anders als erwartet, denn es handelt sich hier keineswegs um einen Spannungsroman, der um die Aufklärung eines folgenschweren Nachmittags kreist.
“Idaho” ist vielmehr ein starkes, kraftvolles und lyrisches Debüt, das uns zeigt, wie fragil das Leben doch ist.

In letzter Zeit benimmt Wade sich seltsam. Er wirft Anns frisch gebackenes Brot den Hühnern hin und beschwert sich bei Kunden, dass sie ihre Rechnungen nicht bezahlt hätten, obwohl Ann ihm die Kontoauszüge gezeigt hat und alle ausstehenden Zahlungen beglichen worden sind.
Und dann sind da noch seine Aussetzer. Seine gewalttätigen Aussetzer.

Ann und Wade sind seit acht Jahren verheiratet und Ann hat ihren Mann als liebenden Menschen kennengelernt, dem nichts ferner liegt, als handgreiflich zu werden.
Doch sie verzeiht ihm seine Ausbrüche jedes Mal, denn Wade kann nichts für sein Handeln. Er leidet, wie auch schon sein Vater, an Frühdemenz.
Dass diese mit Gewalt einhergeht, könnte auch mit seiner Vergangenheit zu tun haben und zwar damit, dass er das Geschehene noch immer nicht verarbeitet hat – wie sollte er auch.

Wade war schonmal verheiratet. Mit Jenny. Die beiden hatten zwei Kinder und waren eines nachmittags gemeinsam im Wald unterwegs, um Holz zu schlagen. Seit diesem Nachmittag ist die ältere Tochter spurlos verschwunden. Das jüngere Mädchen ist tot.
Was genau geschehen ist, hat Wade nie erzählt und Ann weiß, dass sie ihren Mann in absehbarer Zeit darauf ansprechen muss, denn bald wird es zu spät sein. Wade wird sich an nichts mehr erinnern können.

Wer jetzt einen Krimi erwartet, der wird enttäuscht sein, denn ein Krimi ist “Idaho” nicht. Hier geht es nicht darum, wo die verschwundene Tochter ist, oder weshalb das andere Mädchen nicht mehr lebt.
Es geht vielmehr darum, zu zeigen was Menschen miteinander verbindet, wie Beziehungen sich ändern und wie das Vergangene die Gegenwart beeinflusst.
Und ums Verzeihen. Darum geht es auch.

Ein weiteres Thema dieses Debüts ist die Einsamkeit bzw. das Leben in Abgeschiedenheit.
Jenny und Wade haben damals ein Grundstück auf einem Berg gekauft und man hat ihnen versichert, dass im Winter die Straßen geräumt werde, zumal der Fahrer des Schulbusses auch auf dem Berg lebe und schließlich auch zur Arbeit fahren müsse.
Doch das war gelogen. Kein Busfahrer, keine geräumten Straßen, nur Schnee, wohin man auch schaut. Dass Jenny schwanger ist, macht die Sache nicht einfacher.

In diesen Beschreibungen der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit, als auch der inneren Einsamkeit der Protagonisten, ist Emily Ruskovich besonders stark.
Im Gegensatz zu Wade, kann Jenny sich nicht die Zeit vertreiben, indem sie raus geht und Holz schlägt, das erlaubt ihr Zustand nicht. Sie sitzt im Haus und weiß nicht was sie tun soll. Ihrer Mutter erzählt sie am Telefon, dass sie in der Stadt shoppen war, obwohl sie seit Wochen das Haus nicht mehr verlassen hat. Auch zur Arbeit können beide wegen des Schnees nicht gehen und sitzen somit fest. Sie müssen einsehen, dass der Kauf dieses Grundstückes ein großer Fehler gewesen ist.

Schließlich kommen die beiden Mädchen auf die Welt und man könnte meinen, dass sich Jennys Situation nun bessert. Doch als ihre Tochter June älter wird, fühlt Jenny zusätzlich eine diffuse Angst davor, ausgeschlossen zu sein. Zum Beispiel, als June sich weigert mit ihrer Schwester zu spielen und ganz für sich allein im Zimmer sitzt und die Dialoge der Puppen nur noch in ihrem Kopf stattfinden. Sie möchte niemanden mehr an ihrem Spiel teilhaben lassen. Das macht ihrer Mutter Angst und auch ihre jüngere Schwester May verstört Junes Wunsch allein zu sein.

Ist June vielleicht deshalb an diesem folgenschweren Nachmittag verschwunden? Weil sie alleine sein wollte?
Man weiß es nicht, denn Emily Ruskovich deutet viele Episoden und Gedankengänge nur an. Sie ist keine allwissende Erzählerin, sondern eine Chronistin des Lebens in all seinen Ungereimtheiten und genau das macht diesen Text so stark.
“Idaho” ist ein sehr gelungenes Debüt, das durch seinen melancholisch-lyrischen Ton besticht und mich beeindruckt hat.
Mehr davon!

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ISBN: 978-3-446-25853-2
Verlag: Hanser
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: Stefanie Jacobs
Seiten: 384
Preis: 24,00 €


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