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Haruki Murakami: „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“

Als Haruki Murakami seinen ersten Romanversuche abends nach langen Arbeitstagen am Küchentisch schrieb, stellt er schnell fest, dass es für ihn keinen Sinn machte, in seiner Muttersprache, dem Japanischen, zu schreiben. Zu viele Worte schwirrten ihm im Kopf herum und was dabei herauskam, war für ihn einfach zu viel und zu japanisch.
Schließlich kam er auf die Idee, seinen Roman zunächst auf Englisch zu schreiben und ihn dann ins Japanische zu übersetzen – eine Methode, die auch schon von der Autorin Agota Kristof angewendet worden ist. Und siehe da, es funktionierte: Mittels der Begrenzung seines Wortschatzes war er geboren – der typische Murakami Sound, der vollkommen auf überflüssige Schnörkel verzichtet.

Mit seinem ersten Kurzroman: “Wenn der Wind singt” wurde er für einen literarischen Nachwuchspreis nominiert und dies war der Beginn seiner großen Karriere. Ohne diesen Preis hätte Murakami vielleicht gar nicht weiter geschrieben (man stelle sich das nur mal vor!). Was wäre uns da entgangen.
Lange wollte Murakami nicht, dass seine ersten beiden Romane außerhalb Japans veröffentlicht werden und das kann ich sogar ein Stück weit nachvollziehen, denn man merkt ihnen an, dass es frühe Werke sind. Nicht sprachlich, da ist er bereits vollkommen ausgereift. Was allerdings besonders bei “Wenn der Wind singt” auffällt ist die Story, die nicht so wirklich vorhanden ist.  Was aber eigentlich auch gar nichts macht, denn ich sehe dieses Buch eher als Text aus Romansplittern und dies ist sehr interessant.
Viele Personen und Motive, die einem in seinen späteren Romanen begegnen, tauchen hier bereits auf und haben bei mir zu so manchem Aha-Erlebnis geführt. Zum Beispiel gibt es eine Studentin auf, die sich selbst umbringt, ein Motiv, welches ja auch in “Naokos Lächeln” auftaucht. Auch “Ratte” ist schon entstanden, eine Person, die sowohl in “Pinball 1973”, als auch in “Wilde Schafsjagd” wieder vorkommen wird.

Zu den eigentlichen Geschichten selbst musste Murakami zunächst noch finden. Und genau diese Suche macht er unter anderem zum Thema in “Pinball 1973”: Es geht um einen jungen Mann, der die Geschichten anderer (zum Beispiel die einer gewissen Naoko) in sich aufsaugt. Murakami selbst weiß im diesen Zustand der Suche nach Geschichten und läßt dies in den Roman einfließen, in dem er einen Universitätsprofessor sagen läßt: “Sie schreiben gut. […] Ihre Argumentationen sind schlüssig, aber Sie haben kein Thema”.
Wobei das so bei “Pinball” auch nicht so ganz stimmt: Dieser Roman hat ein Thema, oder besser gesagt, seine Personen entwickeln sich im Laufe des Textes und bilden so eine Handlung. So erfahren wir zum Beispiel, dass die Hauptfigur mit (weiblichen) Zwillingen zusammenlebt, die jeweils nur einen Pullover mit einer Zahl darauf besitzen, den sie auch gerne mal untereinander tauschen, so dass der Protagonist eigentlich nie weiß, wer jetzt wer ist. Wir bekommen mit,  wie es sich in einer solch ungewöhnlichen Lebenssituation lebt und natürlich ist da auch die Suche nach einem verschwundenen Flipperautomaten, die sich als sehr schwierig herausstellt.
Murakami scheint das Thema des Schreiben-Könnens,aber keine Geschichte zu haben, umzutreiben, zumal er diesen Sachverhalt auch in 1Q84 (ein Werk, welches, wie ich finde, grandios ist) thematisiert. Es geht unter anderem um einen Agenten, der ein Mädchen mit einer unglaublichen Story hat, die sie aber nicht formulieren kann. Auf der anderen Seite kennt er einen Autoren, der brillant schreibt, aber noch nach einer Geschichte sucht. Der Agent bringt die beiden zusammen und heraus kommt: Ein Bestseller.

Mit seinem nachfolgenden Roman “Wilde Schafsjagd” gelang Haruki Murakami schließlich diese Symbiose zwischen Sprache und Geschichte und damit der Durchbruch – aber angefangen hat auch er an einem Tisch abends in der Küche mit einer ungewöhnlichen Übersetzungstechnik, ohne die niemals der typische Murakami – Sound entstanden wäre, der wirklich süchtig macht.


ISBN: 978-3-8321-9782-7
Verlag: Dumont
Preis: 19,99 €


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