Henry James: “Daisy Miller”

Henry James: “Daisy Miller”

Vor 100 Jahren ist der amerikanische Autor Henry James verstorben. Aus diesem Anlaß hat dtv seine Werke in neuer Ausstattung herausgebracht und eine seiner Novellen neu übersetzen lassen: “Daisy Miller”.

Frederick Winterbourne ist Amerikaner und hält sich zur Zeit in Europa auf, genauer gesagt im idyllischen Vevey in der Schweiz. Er ist 27 Jahre alt und studiert mutmaßlich, wobei auch das Gerücht kursiert, er sei nur schon so lange in der Schweiz, weil ihm eine dort lebende ältere Dame sehr zugetan sei. Man kann dies nachvollziehen, denn Mr. Winterbourne ist ein reizender und sehr höflicher junger Mann.

Eines Tages macht er im Hotel die Bekanntschaft eines sehr lebhaften Jungen (ebenfalls ein Amerikaner), mit welchem sich ein sehr amüsanter Dialog entspinnt. Doch der Junge ist natürlich nicht alleine auf Europareise, das wäre auch zu seltsam. Er ist in Begleitung seiner Mutter und seiner älteren Schwester unterwegs, die noch unverheiratet ist und Daisy Miller heißt.
Frederick würde sich gerne mit ihr unterhalten, denn sie ist sehr ansehnlich, doch der Anstand und die Etikette verbieten es, eine unverheiratete Frau einfach so anzusprechen. Doch Daisy ist der Kommunikation überhaupt nicht abgeneigt und plaudert einfach so drauflos. Zum Beispiel erzählt sie ihm, daß sie wegen der Kleider gar nicht habe herkommen müssen. Sie sei inzwischen zu dem Schluß gekommen, man würde die schönsten in Europa produzierten Kleider nach Amerika schicken und die scheußlichsten Sachen in Europa behalten. Da sei sie schon etwas enttäuscht.
Auch stieße es ihr etwas auf, dass es hier keine Gesellschaft gäbe. In Amerika sei sie ständig von Gentlemen umgeben, doch hier sei das so überhaupt nicht der Fall. Dass dies an den örtlichen, eher zurückhaltenden Gepflogenheiten herrühren könne, darauf kommt Daisy in ihrer unbefangenen, etwas naiven Art (von der Frederick hingerissen ist) allerdings nicht.

Als Daisy verlauten läßt, dass sie gerne das Chateau des Ortes sehen möchte, bemerkt Frederick, dass die das doch bestimmt mit ihrer Mutter besichtigen wolle, doch ganz entgeistert ruft Daisy aus: Nein, sie wolle mit Frederick dorthin. Das geht Frederick allerdings doch etwas zu weit, denn er kann sich ja nicht so einfach mit einer fremden jungen Dame ohne Anstandsbegleitung sehen lassen. Doch Daisy möchte niemand sonst dabei haben, auch nicht ihren Reiseführer Eugenio, der übrigens von der Bekanntschaft mit Frederick so ganz und gar nicht begeistert ist.
Die Fahrt zum Schloß findet schließlich auch statt, aber Frederick muß feststellen, dass Daisy angesichts dieser unerhörten Zweisamkeit gar nicht so aufgeregt ist, wie es sich für eine junge Dame eigentlich gehört. Sie errötet nicht, kichert nicht und ist auch nicht so angespannt und Frederick merkt, dass ihn das sehr befremdet, wenn nicht sogar stört.
Als er erfährt, dass Daisy sich mit “drittklassigen Italienern” in aller Öffentlichkeit zeigt und sich damit ins Gerede bringt und ihr dies vollkommen egal zu sein scheint, ist er sogar verärgert.
Das Bild, welches er sich von Daisy gemacht hatte, stimmt wohl nicht mit der Wirklichkeit überein. Als Daisy weiterhin überhaupt nicht daran denkt, der hiesigen Etikette zu entsprechen spitzt sich die Situation immer weiter zu…

Das Thema, das Henry James immer wieder in seinen Romanen aufgreift, ist das des Amerikaners in der Fremde – in Europa. Hierbei geht es ihm darum zu verdeutlichen, wie naiv die “Neue Welt”, also Amerika, im Vergleich zum alten Europa mit seiner langen kulturellen Tradition doch ist.

Henry James selbst ist in den USA geboren worden. Seine Familie war sehr intellektuell und James las schon früh die Klassiker der europäischen und amerikanischen Literatur. Schon in jungen Jahren begann er in Welt herumzureisen, studierte zum Beispiel in Paris, Genf (hier spielt “Daisy Miller”) und Bonn.
1865 lebte er in London und wurde 1915 britischer Staatsbürger, was daher rührte, dass er damit gegen die Nichteinmischungspolitik bezüglich der USA und des Ersten Weltkrieges protestieren wollte.

Sehr genau scheint Henry James die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Amerikanern und Europäern beobachtet zu haben, sonst wäre es ihm sicher nicht möglich gewesen so fein und genau über die Unterschiedlichkeiten in den Verhaltensweisen der Menschen zu schreiben.
In seinen vielschichtigen und psychologisch herausragend ausgearbeiteten Charakteren zeigt sich Henry James meisterhaftes Talent.
Die Amerikaner in seinem Werk kommen dabei nicht wirklich gut weg, das war im Roman “Die Aspern-Schriften” so (in welchen James einen jungen gierigen Amerikaner beschreibt, der unbedingt an bestimmte Schriften herankommen möchte und sogar dazu bereit ist, einer jungen Frau Gefühle vorzuspielen, um an sein Ziel zu gelangen) und in “Daisy Miller” ist das nicht anders. James stellt Daisy als unkultiviert und oberflächlich dar, als rücksichtslos, etwas beschränkt und sehr naiv. Dies ist eine nicht gerade sehr schmeichelhaft für den Typus des Amerikaners.
Wer übrigens in die gleiche Kerbe schlägt ist Evelyn Waugh in seinem gerade neu übersetzten Werk: “Tod in Hollywood”. Auch hier komme die Amerikaner ihr Fett weg und das auf eine sehr amüsante Art und Weise.

Seit ich die “Aspern-Schriften” gelesen habe, bin ich ein absoluter Fan von Henry James, was auch daran liegt, dass seine handelnden Personen und Themen so modern und zugleich vollkommen zeitlos sind.
In seinem Werk geht um die Beziehungen und Gefühle der Menschen zueinander und darum, was geschieht, wenn Menschen nicht so reagieren, wie eigentlich gedacht. Im Falle der Daisy Miller ist es eine junge Frau, die sich nicht so verhält, wie es sich der junge Mann ausmalt und die entgegen seinen Wünschen weder geistreich, noch intellektuell, noch sittsam ist. Also nicht seinem Wunschbild (außer rein optisch gesehen) entspricht. Und trotzdem ist er eifersüchtig, als er sie mit anderen Männern sieht.
In den “Aspern-Schriften”, geht es um die Gier alles zu besitzen und dafür die Gefühle anderer zu missachten und in “Washington Square” um eine Tochter, die sich erstmals nicht so verhält, wie es vom Vater gewünscht wird.

Was Henry James außerdem auszeichnet, ist sein unglaubliches Talent seinen Geschichten Wendungen zu geben, mit denen man niemals gerechnet hätte. Am Ende ist man immer vollkommen perplex und überrascht und dafür liebe ich Henry James sehr.

Die ZEIT hat übrigens eine sehr lesenswerte Liebeserklärung an Henry James verfasst.

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ISBN:  978-3-423-28066-2
Verlag: dtv
Preis: 14,90 €


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2 thoughts on “Henry James: “Daisy Miller”
Constanze Matthes

Ich habe noch keinen Roman von James gelesen. Aber jetzt wird es langsam Zeit, und Dein Beitrag hat wohl meine Neugierde geweckt. Danke für den Lesehinweis. Viele Grüße

Friederike

Liebe Constanze,

Ohne meinen Kollegen Oskar hätte ich Henry James auch nie entdeckt…es freut mich, dass ich Dich neugierig machen konnte.

Viele Grüße,
Friederike

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