Katharina Höftmann Ciobotaru: “Alef”

Katharina Höftmann Ciobotaru: “Alef”

Dieser Roman ist eine der Neuerscheinungen auf die ich mich in diesem Frühjahr am meisten gefreut habe. Zu Recht!

Majas Eltern könnten unterschiedlicher nicht sein. Astrid, die junge, anpackende Frau mit Igel-Haarschnitt und Wolf, der ruhige, eher ängstliche Mann, der sich immer nur eins gewünscht hat: Ein Kind.
Genau dieses ist in Astrids Lebensplanung nicht vorgesehen bzw. vorgesehen gewesen.

Jetzt liegt sie im Kreißsaal, brüllt sich die Seele aus dem Leib und weiß eins: In wenigen Minuten wird sie nie wieder alleine sein.
Und eigentlich ist es doch genau das, was Astrid sich ihr Leben lang gewünscht hat: Alleine zu sein. Sich um niemanden zu kümmern. Nicht um ihre Eltern (zu denen die Beziehung nicht einfach ist) und nicht um ihre Schwester, die ständig Aufmerksamkeit verlangt. (..und die am Tag von Majas Geburt alles hinter sich lässt und nach Westdeutschland flieht.)
Tja. Das mit dem Alleinsein kann Astrid jetzt wohl vergessen…

Wolf hingegen geht in seiner Vaterrolle vollkommen auf. Er liebt Maja, so wie sie ist, während Astrid ihre Tochter unglaublich anstrengend findet.
Aber Maja wird älter und möchte lieber etwas mit ihren Freunden unternehmen. Ohne ihren Vater.
Für Wolf brechen harte Zeiten an.

Dann kommt der 9.11.1989. Die Mauer fällt. Astrid ist geradezu euphorisch, während Wolfs Leben noch mehr zu bröckeln beginnt….

“Sieben Jahre, drei Monate und sieben Tage” bevor Maja geboren wird, kommt in Israel ein Kind namens Mordechai auf die Welt.
Zumindest ist dies der Name der auf seiner Geburtsurkunde steht. Ausgesprochen wird er nicht. Denn er ist nach dem liebsten Bruder seiner Mutter benannt, der vor vier Jahren an der ägyptischen Grenze in einem Panzer verbrannt ist.
Der Junge bekommt so viele Kosenamen, dass er, als man ihn im Kindergarten fragt, wie er heißt, nicht weiß, was er antworten soll.
Als er später Soldat wird, beschließt er seinen Vornamen offiziell ändern zu lassen und nennt sich “Eitan”.

Jahre später nutzt Eitan die Zeit zwischen der Armee und dem Beginn des Studiums, um auf große Reise zu gehen. Der Weg führt in nach Indien.
Dort trifft er Maja, die sich ebenfalls ins Abenteuer Indien gestürzt hat. Eitan und Maja verlieben sich und zum ersten Mal fühlt sich Maja so akzeptiert, wie sie ist.

Aber jeder Urlaub endet. Doch beide sind sich einig, dass sie zusammenbleiben möchten.
Zwei Menschen, die aus so verschiedenen Welten kommen und nicht nur ihre eigene Vergangenheit mitbringen, sondern auch die ihrer Länder.
Kann das gut gehen…?!

Im ersten Teil des Romans erzählt uns Katharina Höftmann Ciobotaru abwechselnd aus dem Leben Majas und Eitans, bevor die beiden sich kennenlernen.
Sie erzählt uns von der DDR und zum Beispiel davon, wie es Majas Eltern gelingt, eine Vier-Zimmer-Wohnung zu bekommen, obwohl das zu dieser Zeit so gut wie unmöglich ist.
Sie erzählt von den Folgen der Wiedervereinigung und von der Ernüchterung darüber, dass das Geld im Westen auch nicht auf der Straße liegt.
Von Majas neuen Freunden, die teilweise Ansichten haben, die sie nicht teilt.

Durch kleine, alltägliche Szenen, gelingt es der Autorin, Geschichte erlebbar zu machen – und zeitgleich den Leser so gut zu unterhalten, dass man “Alef” gar nicht mehr weglegen möchte. So ging es mir zumindest .
Dieser Roman hat wirklich Tiefe – und überzeugt gleichzeitig durch eine wunderbare Leichtigkeit.

Ich habe bei dieser Lektüre unglaublich viel gelernt. Zum Beispiel wusste ich bisher nicht, dass vor dem arabisch-israelischen Krieg 120.000 Juden im Irak lebten.
Durch Pogrome und Verfolgung flüchteten sie 1948 – zumeist nach Israel.
So auch Eitans Großeltern, die den aufkommenden Hass lange nicht wahrhaben wollen – und schließlich mit 140 Dollar fliehen müssen. Eine Thematik, über die ich so einiges nachgelesen habe.
Ebenso über den Jom-Kippur-Krieg, in welchem Eitans Onkel Mordechai stirbt und welchen Katharina Höftmann Ciobotaru so bildreich und zutiefst menschlich beschreibt, dass man gar nicht anders kann, als mehr darüber wissen zu wollen.

Aber das ist ja noch längst nicht alles.
Im zweiten Teil des Buchs erzählt uns die Autorin von der Beziehung zwischen Maja und Eitan.
Von vornherein ist klar, dass diese komplizierter werden wird, als die anderer Liebender.
Klar, natürlich auch weil es sich zunächst um eine Fernbeziehung handelt. Aber vor allem, weil beide gezwungen sind, sich mit der Geschichte ihres jeweiligen Landes auseinanderzusetzen. Und zwar nicht auf einer neutralen Interessensebene, sondern auf einer sehr persönlichen.

Wie es ist, wenn man plötzlich mehr darauf achtet, welche Begrifflichkeiten im eigenen Umfeld verwendet werden. Wenn man feststellt, dass Begriffe bzw. Äußerungen, die früher ganz alltäglich waren, eine ganz andere Tragweite besitzen.
Irgendwann stellt Maja nüchtern fest, dass sie ihr eigenes Land nicht mehr mag…
Kann eine Liebe das aushalten?!

Je nun, das lest ihr am besten selbst. Ich jedenfalls bin sehr begeistert von diesem Buch – und keine Angst, ich habe hier nicht zu viel vorweggenommen.

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ISBN: 978-3-7530-0000-8
Verlag: Ecco
Erscheinungsjahr: 2021
Seiten: 432
Preis: 22,00 €


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