Sylvie Schenk: “Schnell, dein Leben”

Sylvie Schenk: “Schnell, dein Leben”

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich “Schnell, dein Leben” ausgelesen und stimme in den Chor der begeisterten Leser ein, denn dieses Buch ist ein Kleinod. Es ist mir ein Rätsel, weshalb es nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises im letzten Jahr aufgetaucht ist.

Louise wächst in den 50er Jahren in den französischen Alpen auf und muß schnell feststellen, dass man als Junge mehr wert zu sein scheint und sich Jungen sowieso viel mehr herausnehmen dürfen. Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für Männer, wie zum Beispiel ihren Vater, der die Suppe schlürft.

“Frauen geben viel seltener an. Was sie leisten, ist für sie selbstverständlich”. (Bei diesem Zitat kommt mir gerade in den Sinn, dass Tim Mälzer genau dies sagte, als es einmal darum ging, weshalb es viel mehr Spitzenköche, als Spitzenköchinnen gebe. Es sei eine Frage der großen Klappe. Aber ich schweife ab….)
Schon früh stellt sich Louise die Frage, weshalb es ausschließlich Dienstmädchen gibt und kein einziger Junge diesen Beruf ausübt. Doch sie lernt die herrschenden Zustände zu akzeptieren und dass die Welt, auch in der Literatur, gerne in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß unterteilt wird.

Schließlich geht Louise nach Lyon und “spielt Studentin”, während sie bei der “bösen Großmutter” lebt, die ihre Post kontrolliert und frustriert ist, als sich herausstellt, dass Louise für die Oper nichts übrig hat. Ihre Kultivierungsversuche fruchten nicht.

Louise entdeckt hingegen den Jazz, findet Anschluss und fühlt sich jedoch noch immer fremd in dieser neuen Welt. Daran ändern auch die Bekanntschaften zweier männlicher Studenten nichts, die beide etwas für Louise übrig zu haben scheinen.
Der eine ist düster und beschäftigt sich sehr stark mit dem zweiten Weltkrieg, der andere hingegen ist ein Deutscher, der perfekt Französisch spricht und aus einer kultivierten Familie kommt.
Einen wird Louise heiraten und feststellen, dass er nicht der ist, für den sie ihn gehalten hat.

Das Besondere an diesem Werk ist Sylvie Schenks Art und Weise, den Leser direkt anzusprechen, indem sie in der zweiten Person singular schreibt. Im “Du”.
Diese Form ist nicht sehr oft in der Literatur anzutreffen und wenn ich jetzt einmal kurz nachdenke, so fällt mir spontan nur Paul Austers grandioses Werk “Winterjournal” ein. Aber es gibt sicherlich noch viel mehr.

Vom ersten Satz an zog es mich in “Schnell, Dein Leben” hinein, in welchem so viel zwischen den Zeilen steht.
Ganze Romane könnte man aus einzelnen Sätzen Schenks stricken, doch die Autorin bleibt reduziert und beschränkt sich auf Andeutungen, bei welchen der aufmerksame Leser einen Moment innehält, um sich bewußt zu werden, was er da gerade gelesen hat.

Zum Beispiel ist da eine Mutter im Roman, die mit ihrer Familie am Esstisch sitzt und den Namen ihres ehemaligen Liebhabers flüstert. Alle haben dies gehört, doch alle am Tisch ignorieren es. Bloß nichts aufwühlen. Das scheint das gelebte Mantra in dieser Familie zu sein.
Holen wir nun einmal Luft und überlegen uns, wie es in dieser Frau aussehen muß, dass sie ihre Sehnsucht ausspricht, anstatt diese nur in Gedanken zu verfolgen. Wie unglücklich muß sie doch sein.

Dieser Roman hat viele Themen, so geht es es zum Beispiel ums bedingungslose Gehorchen, um die Frage, ob es denn wirklich sein kann, dass man sich in ein Leben fügt, von dem man weiß, dass es kein Glückliches sein wird und um das Verhältnis von Deutschen und Franzosen in der Nachkriegszeit.

Der kulturelle Austausch zwischen Deutschen und Franzosen ist etwas, dem sich Sylvie Schenk, die übrigens selbst Französin ist, aber seit 1992 in deutscher Sprache schreibt, verschrieben hat.
Zwischen ihrem Leben und dem ihrer Protagonistin Louise gibt es erstaunlich viele Parallelen: Beide kommen aus dem Alpen, lieben das Wandern, studieren in Lyon und verlieben sich in einen Deutschen, der perfekt Französisch spricht.

Was jedoch Realität und was Fiktion in diesem brillanten Roman ist, das weiß nur die Autorin selbst.
Wir können uns jedenfalls glücklich schätzen, dass sie dieses Buch geschrieben hat.

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ISBN: 978-3-446-25331-5
Verlag: Hanser
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: 16,00 €


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3 thoughts on “Sylvie Schenk: “Schnell, dein Leben”
Petra

Ein ganz wunderbares Buch! Es ist mir auch ein Rätsel, warum es so ziemlich unbemerkt geblieben ist (außer hier in den Bloggerkreisen, wo es doch recht häufig besprochen wurde). Aber so geht es manchmal. Deshalb um so besser, immer wieder mal auf es aufmerksam zu machen. Viele Grüße, Petra

    Friederike

    Liebe Petra,

    ich bemühe mich es auch im Laden an den Mann zu bringen und bin mir sicher, sobald es als Taschenbuch erschienen ist (im Januar 2018) wird das kein Problem mehr sein :).

    Viele Grüße,
    Friederike

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