Mirna Funk: “Zwischen Du und Ich”

Mirna Funk: “Zwischen Du und Ich”

Mirna Funks neuer Roman ist eine der Neuerscheinungen, auf die ich mich im Frühjahr 2021 am meisten gefreut habe.
Vollkommen zu Recht!

Nike hat einmal gelesen, dass es sieben Jahre dauert, bis sich alle Zellen im menschlichen Körper erneuert haben. Seit sie achtzehn ist, hat sie sich also schon zweimal gehäutet.
Warum hat es die Natur denn nicht eingerichtet, dass sich auch die Seele bzw. die Erinnerungen häuten? Dass man von schlechten Erinnerungen auf natürliche Art und Weise befreit wird.

Denn dann würde Nike jetzt nicht heulend im Auto vor dem Retzbacher Weg Nr. 47 sitzen und an die Zeit zurückdenken, als sie mit Sascha in diesem Haus gewohnt hat….

Nike lebt in Berlin, ist 35 Jahre alt, hat Judaistik studiert und arbeitet beim DAAD (Deutschen Akademischen Austauschdienst) als Referentin. Momentan organisiert sie eine mehrtägige Konferenz in Tel Aviv zur Thematik “Juden in Deutschland nach 1945”.
Als eine Mitarbeiterin des DAADs im Büro in Tel Aviv ausfällt, beschließt Nike spontan (was eigentlich eher gegen ihr Naturell ist), für sie einzuspringen.

Da sie Jüdin ist, kann sie “Alija machen”, sich also einbürgern lassen. Das wäre für die sehr praktisch: “Ich mache den Job für ein Jahr. Genauso lange dauert die Alija. Ich kriege einen Sprachkurs bezahlt, lerne Hebräisch,bekomme monatlich extra Geld, um anzukommen, und kann die Konferenz organisieren. Also das machen, was ich sowieso machen will.”
Vielleicht ist das die Veränderung, die sie braucht.

Noam lebt in Tel Aviv und schreibt seit fünf Jahren eine sehr erfolgreiche Zeitungskolumne zur Thematik der politischen Lage Israels.
Er glaubt fest daran, dass jeder Moment seines Lebens das Potenzial hat, “sein altes Leben zu beenden und ein neues einzuläuten. Es müsste nur die richtige Person auftauchen, und plötzlich wäre alles anders.”
Tamar scheint das nicht zu sein, denn nachdem er mit ihr im Bett war und (wie so oft) einen Orgasmus vorgetäuscht hat, schleicht er sich unbemerkt aus ihrer Wohnung.
Als er in der Stadt sieht, wie Nike aus einem Sherut steigt, ist er plötzlich davon überzeugt, dass sie diese Person ist, die sein Leben verändern wird.

Wer Mirna Funks Roman “Winternähe” gelesen hat, der weiß, dass es sich bei Nike und Noam mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht um eine rosarote Liebesgeschichte handeln wird. Das wäre ja auch langweilig.

Die Autorin hat hier zwei brüchige Figuren geschaffen, die sich vielleicht unbewusst beide nach Beständigkeit und Glück sehnen, aber nicht wissen, was sie tun sollen, um dies zu erreichen.
Ach was, Glück…Beständigkeit…mit der Vergangenheit abzuschließen, bzw. diese zu verarbeiten oder sich Hilfe zu holen, mit jemandem darüber zu sprechen, das wäre ein ganz großer Schritt. Ein großes Glück, vielleicht eine große Erleichterung.
Aber manchmal ist man einfach noch nicht soweit.

Mirna Funk reißt In diesem Roman viele Themen an, die einen zum Nachdenken bringen.
Zum Beispiel das Thema der häuslichen Gewalt.
Sehr intensiv und lebensnah schreibt sie von der Angst davor, dass einem niemand glaubt, wenn man erzählen würde, was ein anderem Mensch einem angetan hat.
Von der Angst, dass einem niemand hilft und von der Angst, dass der Täter zwar verurteilt, aber danach auch wieder freigelassen wird – und sich rächt.
Und von der Scham. Der Scham, dass man jemand ist, dem Gewalt von einer Person angetan wird, die man kennt und liebt. Dass man es zugelassen hat.

Das Besondere hierbei ist, dass Mirna Funk von all dem so unaufgeregt einfühlsam, ohne Pathos und sehr direkt erzählt.
Es ist die Geschichte zweier Menschen, die Ähnliches erlebt haben und beide nicht offen darüber sprechen.
Der Unterschied ist, dass Nike und Noam sich in verschiedenen Stadien der Verarbeitung befinden. Einer von beiden fühlt so langsam, dass das, was geschehen ist, ungerecht ist und dass der der Betreffende zur Verantwortung gezogen werden muss. Und dass man sich dafür weder rechtfertigen, noch schämen muss.
Der andere hingegen ist noch dabei alles zu verleugnen. Wenn er nicht darüber spricht, ist es auch nicht passiert.
Das zu verfolgen ist emotional aufwühlend und gleichzeitig hochinteressant.

Mirna Funk streift in diesem Buch viele weitere Themen mit denen ich mich bisher nicht befasst hatte, die mich aber sehr interessieren und über die ich im Nachhinein ein bisschen etwas nachgelesen habe.
Zum Beispiel die Thematik des Judentums in der DDR , den Völkermord in Ruanda, oder die Vererbung eines Traumas. Ein Thema, bei dem mir gleich das Buch “Kriegsenkel” von Sabine Bode in den Sinn gekommen ist, das eine meiner Kolleginnen so spannend fand.

Ich finde es immer toll, wenn mich Romane dazu anregen, mehr über andere Themen wissen zu wollen. Nicht nur das ist Mirna Funk mit diesem Buch gelungen.
Sie hat hier eine sehr intensive Geschichte darüber geschrieben, wie es ist, wenn man anders sein bzw. sich anders verhalten möchte.
Wenn man weiß, dass man sich dringend von Bestehendem lösen und Verhaltensmuster ändern müsste, es aber nicht kann.

Ein eindringliches, intensives Buch.
Toll!

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ISBN: 978-3-423-28267-3
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2021
Seiten: 304
Preis: 22,00 €


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