Michaela Kastel: “Worüber wir schweigen”

Michaela Kastel: “Worüber wir schweigen”

Zwölf Jahre sind vergangen, seitdem Nina die Tür hinter sich zugezogen und sich geschworen hat, niemals zurückzukehren.

Alles an ihrem Heimatort erinnert sie an Dominik. An sein Lächeln, dem niemand widerstehen konnte und an die Tatsache, dass sie ihn niemals wiedersehen wird.
Dominik ist tot. Er wurde vom Zug überrollt. Selbstmord. Verstehen kann das niemand.
Dominik war lebensfroh, abenteuerlustig und beliebt. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass er sein Leben beenden wollte.

Aber es gibt etwas, worüber Nina, ihre damalige beste Freundin Mel und Dominiks Bruder Tobias nicht miteinander gesprochen haben. Aus diesem Grund ist Nina wieder da.
Eine Unterhaltung ist überfällig, vielleicht aber auch mehr als eine Unterhaltung…

Mit ihrem Debüt “So dunkel der Wald” hat mich Michaela Kastel im vergangenen Jahr sehr begeistert.
Ein spannendes, aber auch grausames Kammerspiel, in welchem körperliche Gewalt oft nur angedeutet wird. Allerdings so raffiniert, dass man als Leser nicht um ein Weiterspinnen herumkommt. Zart besaitet sollte man hier nicht sein.
Im Vergleich dazu, mag Michaela Kastels zweiter Romanplot harmloser erscheinen, minder spannend ist er jedoch nicht.

Nina und Mel sind seit Kindertagen beste Freundinnen, gehen zusammen zur Schule und sind so oft wie es geht zusammen. Ein Grund dafür mag vielleicht sein, dass Nina es Zuhause nicht einfach hat.
Die Beziehung zu ihrer Mutter ist, gelinde gesagt, schwierig.
Aber zum Glück gibt es ja Mel.

Einfach ist diese Freundschaft jedoch nicht. Nina sieht gut aus, ist locker drauf, weiß, dass sie bei Jungs gut ankommt und hat immer wieder einen Neuen an der Angel.
Mel hingegen ist sehr zurückhaltend, schüchtern und hatte noch nie einen Freund. Sie wartet auf die große Liebe, was Nina belächelt. Wie soll Mel denn jemals “die Große Liebe” beeindrucken (sollte es sie überhaupt geben), wenn sie vorher nie geübt hat?!
Die Rollen der beiden Mädchen sind klar verteilt: Nina hat das Sagen und Mel folgt ihr.

Dann zieht eine neue Familie mit zwei Söhnen in den Ort. Dominik ist der Ältere und von Anfang an der Star der Schule. Er ist charmant, wenn nicht gar hinreißend, abenteuerlustig und sieht sehr gut aus.
Sein jüngerer Bruder Tobias hat das Nachsehen. Denn sobald Dominik auf der Bildfläche erscheint, ist Tobias abgemeldet. So war das schon immer.

Nina und die beiden Brüder sind Nachbarn und schon bald beginnen Nina und Dominik eine Art Zettelkommunikation über die Straße.
Eigentlich ist Nina klar, dass sie und Dominik etwas miteinander haben werden, doch dann erzählt Mel ihr, dass sie sich verliebt hat. Ausgerechnet in Dominik.
Dass Mel sich wirklich aufrafft und Dominik anspricht, hätte Nina nie gedacht – und funkt dazwischen.
Dass Dominik sich dann aber für die in Ninas Augen langweiligere Mel entscheidet, hätte Nina niemals für möglich gehalten. Jemand hat sie abblitzen lassen! Für Nina ist das ungewohnt und trifft sie sehr.
Zugeben würde sie das jedoch nie….

“Worüber wir schweigen” ist ein toll komponierter, spannender Roman (als “Thriller” würde ich ihn nicht bezeichnen), in welchem es vordergründig um Dominiks Selbstmord geht.
Doch das Hauptthema dieses Buchs ist ein anderes: Es geht um Freundschaft, verletzte Gefühle und Enttäuschung.

Nina hat ihre ganz eigene Art, sich vor möglichen Enttäuschungen zu schützen. Sie sammelt (präventiv sozusagen) “[…] Eindrücke, Gefühle, Fehler, einfach alles, was das Leben hergibt. […] Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass der Sack voller wird. […] Man ist für alles gewappnet.
Mels Sack ist leer. Wenn der Sturm losbricht, wird er sie hinwegfegen.”

Dass sie nicht ganz unrecht hat, zeigt sich bei Ninas Rückkehr zwölf Jahre später, denn Mel hat Dominiks Tod nicht verkraftet.
Nina weiß, dass es schwierig wird, mit Mel darüber zu reden, was damals geschehen ist, aber sie muss es tun.
Denn in den letzten Jahren ist ihr klar geworden, das davonlaufen keine Option mehr ist…

“Worüber wir schweigen” erinnert mich von der Dramaturgie her an die Romane von Judith W. Taschler, eine Autorin die ich sehr schätze.
Sowohl sie, als auch Michaela Kastel arbeiten mit vielen Perspektivwechseln und Rückblenden – und diese Techniken sind es, die die jeweiligen Geschichten so spannend und raffiniert machen.
“Worüber wir schweigen” ist definitiv anders, als Kastels “So dunkel der Wald”, jedoch haben beide Titel etwas gemeinsam: Ich konnte sie nicht mehr aus der Hand legen.

P.S. Im Herbst erscheint übrigens ein neues Buch von Michaela Kastel. Es trägt den Titel: “Ich bin der Sturm” und ich freue mich sehr darauf.

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ISBN: 978-3-7408-0643-9
Verlag: Emons
Erscheinungsjahr: 2019
Seiten: 320
Preis: 20,00 €


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