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Adele Griffin: “Das unvollendete Leben der Addison Stone”

Bücher, die sich mit dem Thema Kunst befassen, ziehen mich ja immer an.
Wie auch im Falle dieser fiktiven Romanbiografie, wobei ich zugeben muß, dass ich gegoogelt habe, ob es die Künstlerin Addison Stone nicht doch gegeben hat.
Das allein zeigt, dass die Aufmachung dieses Buches sehr gelungen und täuschend echt inszeniert ist.

Soviel zur Optik, doch worum geht es?
Die 18jährige Künstlerin Addison Stone ist in New York von einer Brücke gestürzt. Ob es Selbstmord war, oder ob sie vielleicht doch gestoßen worden ist (ihre beiden Lover bzw. Ex-Freunde waren nachweislich in New York und haben für die Nacht kein Alibi) – dieser Frage geht die Autorin nach, in dem sie die Freunde, Familie, Förderer, aber auch Kritiker interviewt und so ein komplexes Bild der Vita Addison Stones nachzeichnet.

Addisons Talent für Kunst offenbart sich schon in früher Kindheit. Was sich ebenfalls früh zeigt, ist ihre versponnene Art – beliebt ist sie eher nicht, sondern eher bekannt. Völlig versunken kann sie wunderbare Bilder produzieren, die sie aber auch sehr gerne sofort verschenkt. Für ihre Großzügigkeit ist sie bekannt und behält diese auch ihr Leben lang bei.

Die Familienverhältnisse aus welchen sie kommt, sind nicht die besten. Der Vater hat viele Affären und die Familie ist stets in Geldnot, weshalb Addisons Mutter ihre Tochter früh als Kindermodel arbeiten läßt, zumal Addison unglaublich schön ist.
Ihre Eigensinnigkeit zeigt sich schon in diesem jungen Jahren, denn ihr Taufname ist eigentlich Allison, aber eines Tages beschließt sie ihren Namen zu ändern und nennt sich fortan Addison.

Addisons Talent fällt in der Schule natürlich auf und schon bald hängen ihre Werke überall. Auch beweist sie schon früh Geschäftssinn, denn sie schafft es, dass die Schule ihr sogar Werke abkauft, um sie aufzuhängen.
Zwei ihrer Lehrer entschließen sich Addison zu fördern, melden sie bei Kunstwettbewerben an und versuchen Stipendien für sie zu bekommen, damit sie nach New York gehen kann, denn das ist (ihrer Meinung nach) der perfekte Ort für ein solches Talent.

Natürlich klappt es und Addison kann nach New York an eine Kunstschule. Doch zuvor zeigt sich noch einmal ihre Unberechenbarkeit: Bei einem (erzwungenen) Museumsbesuch mit ihren Eltern engagiert sie einen Kameramann, der sie filmt, wie sie an einem Kronleuchter im Museum schaukelt. Alle sind geschockt, doch für sie ist diese “Kronleuchter-Aktion” eine Hommage an Edgar Allan Poe.
Dieses Video wird im Netz Millionenfach angeklickt und begründet Addisons Ruf als Installations-Künstlerin.

Aber Addison hatte auch eine andere Seite. Das Ganze beginnt in den Ferien im Elternhaus der Mutter: Sie hört Stimmen und hält diese für vollkommen real. Bald schon begibt sie sich in Therapie, denn sie hat manische Phasen und offensichtlich Halluzinationen, weshalb sie auch Medikamente verschrieben bekommt.
Addison ist ein sehr fragiles, junges Mädchen und die Frage stellt sich, ob der Schritt alleine nach New York zu gehen und sich dieser glitzernden Welt mit Partys, Drogen und anderen Künstlern auszusetzen, so richtig gewesen ist….

Was dieses Buch so besonders macht, ist natürlich einmal der Aufwand, unter dem es produziert worden ist. Adele Griffin hat sich nicht nur damit begnügt, sich Interviews auszudenken und niederzuschreiben: Sie hat Addison lebendig gemacht, in dem sie ihre Leben mit Fotos nachzeichnet. Szenen aus Addisons Alltag, Paparazzi-Fotos aus der Zeit in New York und so weiter.
Was besonders viel Freude macht, ist diese Liebe zum Detail, vor allem bei den von Addison gemalten Kunstwerken, denn diese sind auch abgebildet, was dem Buch eine unglaubliche Lebendigkeit und Authentizität verleiht.

An den Bildern kann man sehen, wie es in Addisons Innerem wohl ausgesehen hat, denn es handelt sich nicht um fröhliche Bilder – düster ist wohl eher das richtige Wort.
Sehr gelungen ist auch, wie chronologisch wir Addisons “Verfall” anhand von Interviews miterleben können. Die Autorin selbst, tritt kaum in Erscheinung, um zu moderieren.

Dies halte ich für einen sehr gelungenen Kunstgriff, denn so entsteht ein Kaleidoskop an Erinnerungen und Situationen mit Addison, wie sie von ihrer Umwelt wahr genommen wurde, ohne, dass man von einem allwissenden Reporter beeinflusst wird und sich so sein eigens Bild von Addison und ihrem erfolgreichen, schwierigen und sehr kurzen Leben machen kann.

Des Weiteren bekommt man hier einen wunderbaren Blick in die Welt der modernen Kunst und kann einen Blick hinter die Kulissen werfen.
Zum Beispiel wird auch ihr Galerist interviewt, der seinen Schützling immer wieder ermahnen und das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hat korrigieren muß. Ein Fehltritt von ihr und die schnelllebige Kunstwelt könnte sich von ihr abwenden, oder ihr Wert könnte sinken.
Das gilt es zu verhindern. Schadensbegrenzung ist das Zauberwort.

Ein weiterer Aspekt ist natürlich die Glamour-Welt New Yorks, die Addison zu Füßen liegt.
Aber reicht es, sich im Erfolg zu sonnen? Wird man dem Ganzen nicht irgendwann überdrüssig und ist Addison nicht nach wie vor alleine? Es scheint zumindest so zu sein, denn wäre der “Sturz” von der Brücke sonst überhaupt passiert? Doch wie schon gesagt, ob es überhaupt ein Unfall war, das ist nicht so sicher…

Mich jedenfalls hat dieses Buch sehr an “Die gleissende Welt” von Siri Hustvedt (eines meiner liebsten Bücher aus dem Jahre 2015) erinnert, denn wie “Addison Stone” auch, besteht es aus Interviews und Berichten von Personen, die der Protagonistin nahe standen. Das hat einen unglaublichen Reiz.
In beiden Büchern geht es um die Kunstwelt von New York, wobei natürlich betont werden muss, dass das Niveau bei Hustvedt ein ganz andres ist. Ungleich philosophischer, zumal es auch um den Kunstdiskurs an sich geht.
Aber vom Grundprinzip her haben diese Bücher eine gleiche Basis und das finde ich sehr spannend.

“Das unvollendete Leben der Addison Stone” habe ich mit großer Faszination und Begeisterung gelesen. Dieses Buch bietet einen intensiven Blick in das Innere eines Menschen, der für die Kunst brennt und lebt und der viel zu früh aus dem Leben gerissen worden ist.

Ab 15 Jahren – aber auch sehr interessant für Leser, die dem Teenageralter bereits entwachsen sind.

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ISBN: 978-3-570-16385-6
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag:  cbt
Preis: 14,99 €


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