Eric Nil: “Abifeier”

Eric Nil: “Abifeier”

Eric Nil ist ein witziger, wahrer und rasanter Roman gelungen, der vor allem eines kann:
Blendend unterhalten.

Der Protagonist des Romans hat sich vor sechs Jahren von seiner Frau Bea scheiden lassen. Die beiden Kinder Nora und Alex sind bei der Mutter in Basel geblieben, während ihr Vater nach Hamburg gezogen ist. Inzwischen lebt er mit seiner Freundin Johanna zusammen, die ebenfalls geschieden ist und zwei Kinder hat.

Der Kontakt mit der Familie in der Schweiz beschränkt sich auf die wenigen Besuche Noras in Hamburg. Als Nora jedoch das Probesemester am Schweizer Gymnasium nicht besteht, ihrer Mutter Bea jedoch ein gutes Abitur sehr wichtig ist, wird beschlossen, dass Nora nach Hamburg zu ihrem Vater ziehen und dort ihren Schulabschluss machen soll.
Das Zusammenleben (wobei Nora noch vor dem Abitur in eine Schüler-WG gezogen ist) funktioniert ganz gut, bis zu dem Tag, an welchem die Tischordnung an Noras Abifeier festgelegt werden soll.

Nora geht natürlich davon aus, dass alle an einem Tisch sitzen werden: Ihre Mutter Bea, ihr Vater und dessen neue Freundin Johanna.
Allerdings ist es so, dass Johannas Sohn Tobias ebenfalls in Noras Jahrgangsstufe ist und an diesem Abend sein Abitur feiern möchte. Mit seiner Familie, zu der auch sein Vater, Johannas Exmann Rolf zählt.
Wie soll das funktionieren?

Im Kopf unseres Protagonisten stellt die Tatsache, dass sich seine geschiedene und seine jetzige Frau an diesem Abend das erste Mal sehen werden, kein Problem dar.
Bea sei “in solchen Dingen unkompliziert”.
Johanna sieht das ganz anders. Ein kurzes “Hallo” sei ok, aber für einen Abend am gleichen Tisch seien viel zu viele Emotionen im Spiel.
Wie recht sie damit hat, wird sich nicht erst am Abend der Feier zeigen…

Bevor ich “Abifeier” angefangen habe, las ich mehrere Romane ( “I CAN SPEAK” von George Saunders, Jon McGregors “Speicher 13” und “Idaho” von Emily Ruskovich), bei welchen Konzentration gefragt war.
Ich brauche wieder einmal einen Roman, der sich einfach so weglesen lässt, ohne trivial zu sein.
Mit “Abifeier” habe ich die perfekte Lektüre für mich gefunden.
Denn dieses Buch liest sich im Prinzip wie eine Kolumne zum Thema Beziehungen und Patchwork in der heutigen Zeit: Es stecken sehr viele Wahrheiten in diesem Text, die allerdings sehr witzig verpackt daherkommen.

Unser Protagonist macht sich zum Beispiel keine Gedanken darüber, dass ein Aufeinandertreffen seiner Exfrau und seiner Freundin problematisch sein könnte, jedoch hat er selbst sehr große Vorbehalte, dem Exmann seiner Freundin Johanna zu begegnen, Rolf.
Rolf, der sich nicht wirklich um seine beiden Söhne kümmert, nie Zeit hat und den der dreijährige Max nach wie vor vergöttert. Gleichzeitig werden er und Tobias nie müde klarzustellen, dass unser Protagonist nicht ihr Vater, sondern “nur” der Freund ihrer Mutter ist. Da kann sich unsere Hauptfigur noch so anstrengen, das wird sich wohl nicht ändern.

Oder auch, wie er sich das erste Zusammentreffen mit seinem Sohn Alex vorstellt, mit dem er fünf Jahre lang kein Wort mehr gewechselt hat: Tränenreich sinken sich die beiden in die Arme und sagen, wie sehr sie sich doch vermisst haben, alles ist rosarot und der Himmel voller Geigen. Ja, denkste…

Dieser Roman schreit geradezu nach einer Verfilmung und ich werde nicht müde, mir Gedanken darüber zu machen, welcher Autor hinter dem Pseudonym “Eric Nil” stecken könnte.
Auf der Verlagsseite steht, dass es sich um einen bekannten Autoren handele, der sich mit schwierigen Familienkonstellationen auskennt.
Ich habe recherchiert, kann aber nur spekulieren: Vielleicht ist es Till Raether, der neben seinen Kriminalromanen auch Kolumnen für die “Brigitte” und die “Süddeutsche Zeitung” verfasst?
Oder vielleicht Axel Hacke, dessen Buch “Der kleine Erziehungsberater” ein Klassiker ist und der derzeit mit “Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen” auf der Bestseller-Liste steht?
Oder vielleicht Frank Goosen, dessen Bücher bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen?

Ich habe keine Ahnung, aber eins weiß ich: Wer auch immer es ist, er hat mit “Abifeier” ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben.

Der „Stern“-Redakteur Kester Schlenz sieht das übrigens genauso.

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ISBN:  978-3-86971-165-2
Verlag: Galiani
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 160
Preis: 17,00 €


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