Jean Webster: „Lieber Feind“

Jean Webster: „Lieber Feind“

“Lieber Feind” ist ein Buch, das mich sehr glücklich gemacht hat.

Als Sallie einen Brief ihrer ehemaligen Studienfreundin Judy erhält, ist sie sehr überrascht. Denn Judy bittet sie, die Leitung des John-Grier-Waisenhauses zu übernehmen und dieses zu modernisieren.
Ausgerechnet Sallie, die ihrer Ansicht nach genauso geeignet ist, sich “um einhundert Kinder zu kümmern, wie einen Zoo zu leiten.”.

Natürlich lehnt sie die Stelle ab und fügt hinzu, dass sie sich jedoch über Judys beigefügte Einladung nach New York sehr freue und diese gerne Annehme. Allerdings bittet sie darum, die Liste mit Vergnügungen, die Judy für sie ausgearbeitet hat, durch andere zu ersetzen. Zum Beispiel den Besuch des Waisenhauses, sowie des Findlingshospitals durch “ein paar Theater- und Opernbesuche und vielleicht ein Abendessen.”

Dass Sallie sich schließlich doch zur Annahme des Postens im John-Grier-Heim hat überreden lassen, erfahren wir aus ihrem zweiten Brief an Judy.
Den Ausschlag für ihre Entscheidung gab ihr Bekannter Gordon Hallock, der bei der Vorstellung, dass ausgerechnet Sallie ein Waisenhaus leiten soll, in brüllendes Gelächter ausgebrochen ist und damit Sallies Ehrgeiz erst recht geweckt hat.

Allerdings schreibt Sallie auch, dass es ein kluger Schachzug von Judy gewesen sei, sie das Heim vor ihrer Zusage nicht besichtigen zu lassen. Denn das John-Grier-Waisenhaus, in welchem Judy selbst aufgewachsen ist, ist wahrlich trostlos, wie Sallie bei ihrer Ankunft feststellt.
Doch sieist eine Frau, die Probleme sehr direkt und pragmatisch angeht und so beschließt sie, aus diesem in Grautönen gehaltenen Ort, ein ästhetisch wertvolles Heim zu schaffen, in welchem sich die Kinder entwickeln können.

Dass ihre Maßnahmen eher unkonventioneller Natur sind, ist nicht überraschend.
So arrangiert sie zum Beispiel Folgendes, um gegen diese GRÄSSLICHEN Tapeten im Wohnzimmer zu revoltieren: “Wir haben sechs kräftige und zerstörungswillige Waisen herbeigerufen, eine Trittleiter und einen Eimer heißes Wasser geholt und in zwei Stunden hatten wir die Tapete bis auf den letzten Rest von der Wand geholt. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie viel Spaß es macht, Papier von den Wänden zu reißen.”

Sallie ist eine unverbesserliche Optimistin, eine wahre Frohnatur. Allerdings stellt sie sich zu Beginn die Frage, ob denn “dieser berühmte Mutterinstinkt”, von dem alle reden, ihrem Wesen fremd ist.
Ob die Kinder sie wirklich mögen, weiß sie nicht, aber eines ist klar: Ihren Hund Singapur, einen Chow-Chow, den lieben sie. (Wobei der Hausmeister aufgrund der blauen Zunge des Hundes fragte, ob Sallie ihn immer mit Blaubeeren füttere. Und das war kein Scherz..)

Dass die Kinder so vernarrt in Singapur sind, weiß die findige Sallie zu nutzen: “Jeden Abend dürfen drei Kinder, die sich tadellos benommen haben, ihn bürsten und kämmen, und drei andere brave Kinder dürfen ihm Essen servieren.”
Sallie fügt in einem Brief an Judy hinzu, wie sehr sie es bedauert, dass die Kinder noch nie ein Haustier besessen haben. “Dabei brauchen ausgerechnet sie doch noch mehr als andere Kinder jemanden zum Liebhaben. Ich werde ihnen irgendwie Haustiere besorgen, und wenn ich unser neues Stiftungsgeld für einen Streichelzoo ausgeben muss.
Könntet ihr nicht ein paar kleine Alligatoren und einen Pelikan aus Florida mitbringen? Jedes Lebewesen wird mit Freude empfangen werden.”

Neben all den humorvollen Szenen, ist es auch sehr interessant mehr über Sallies pädagogischen Ansatz zu erfahren.
Als sie, bzw. einer ihrer Helfer, erfährt, dass keines der Kinder bis dato mit Geld umgegangen ist (wir müssen uns immer vor Augen halten, dass dieses Buch im Jahr 1915 geschrieben wurde), ist ihr klar, dass das so nicht weitergeht. Wie sollen denn die Schützlinge bei Verlassen des Heimes in der Welt zurechtkommen?
Daher wird die “John-Grier-Bank” eingeführt.
Alle älteren Kinder bekommen ein gedrucktes Scheckheft und für ihre Dienstleistungen wöchentlich fünf Dollar. Mit genau diesen fünf Dollar müssen sie Kost, Logie und die Kleiderpauschale des Waisenhauses bezahlen.
Durch besondere Hausarbeitsleistungen können sie sich einen kleinen Bonus verdienen und lernen so, den Wert des Geldes kennen.
Wenn Judy von “offenen Stellen für Bankangestellt hört, lass es mich wissen” schreibt Sallie. Denn “nächstes Jahr um diese Zeit werde ich gut ausgebildete Bankdirektoren, Kassierer und Schalterbeamte anbieten können”.

Das sind nur ein paar wenige Beispiele aus diesem zauberhaften, lustigen und charmanten Briefroman. Es gibt noch so viele Episoden, von welchen ich berichten könnte und allein diese beim Schreiben dieses Textes Revue passieren zu lassen, zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen.
Das mag jetzt vielleicht kitschig und übertrieben emotional klingen, doch es entspricht schlichtweg der Wahrheit.

Nur sehr selten gibt Bücher, von denen ich sagen kann, dass sie mich richtig glücklich gemacht haben. Eigentlich sind es nur drei.
Wenig verwunderlich ist, dass der erste Roman Jean Websters dazu zählt: “Lieber Daddy-Long-Legs”.
Dies ist der Vorgängerroman zu “Lieber Feind” und ein Klassiker der amerikanischen Literatur. Er wurde erstmals 1912 veröffentlicht und hat seither viele Leser begeistert.
Hier erfahren wir, wie Judy mit 18 Jahren aufgrund eines spöttischen und sehr direkten Aufsatzes eine Art Stipendium bekommt und am College studieren darf. Unter einer Bedingung: Sie muss ihrem Gönner jede Woche einen Brief über ihre Fortschritte schreiben. Dabei wird sie niemals erfahren, wer er ist – und sie wird auf ihre Briefe auch keine Antwort erhalten.
Ein ganz zauberhafter und ungemein witziger Roman, der vollkommen zeitlos ist.

Das zweite Buch, mit welchem ich selig lächeln auf dem Balkon saß ist “Was man von hier aus sehen kann” von Mariana Leky. Auch sie hat die Gabe ihre Charaktere so liebevoll, kitschfrei und charmant zu beschreiben, dass man sie einfach gernhaben muss.

Dass es sich beim dritten Buch um Jean Websters “Lieber Feind” handelt, dürfte nach obiger enthusiastischer Beschreibung klar sein.
Zum Schluss noch eins: Wer die Chance hat, der lese “Lieber Daddy-Long-Legs” zuerst.
Wenn nicht, ist es auch kein Drama, aber in der richtigen Reihenfolge ist der Lesegenuss noch höher.
Falls das überhaupt möglich sein sollte.

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ISBN: 978-3-551-56045-2
Verlag: Königskinder
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: Ingo Herzke
Seiten: 416
Preis: 18,99 €


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2 thoughts on “Jean Webster: „Lieber Feind“
marcus

hallo buchbloggerin, schau mal bitte hier! Lesen ist pflicht.

https://youtu.be/8Sb0ILqFN7U

Danke und viele Grüße aus Köln

Pingback: [Rezension] Jean Webster: Lieber Feind – Schwarzbuntgestreift

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