T.C. Boyle: “Die Terranauten”

T.C. Boyle: “Die Terranauten”

Auf dieses Buch hatte ich mich schon lange gefreut, denn T.C. Boyle ist meiner Ansicht nach ein genialer Autor, der brillant zu unterhalten weiß und der mich auch in diesem Falle nicht enttäuscht hat.

Wir schreiben die 90er Jahre und sind kurz vor dem Einschluß der Terranauten in das ökologische Projekt E2, das von langer Hand geplant worden ist. Bei diesem Projekt geht es darum einen autarken ökologischen Raum zu simulieren, in welchem acht Wissenschaftler (Terranauten) für die Dauer von zwei Jahren eingeschlossen werden.

Ihre Aufgabe ist es den Lebensraum um sich herum zu pflegen,  zu erhalten und selbst für Nahrung zu sorgen. Neben des Gemüse- und Obstanbaus, werden auch Nutztiere gehalten, die der Nahrungsproduktion dienen, beizeiten aber selbst zur Nahrung werden sollen. Diese Schweine und Ziegen sind jedoch nicht die einzigen Tiere, die E2 bevölkern: In den unterschiedlichen Klimazonen (Wüste, Tropen etc.) leben auch andere wilde Tiere, wie zum Beispiel Affen, aber auch Insekten. Nützliche, aber wie sich bald herausstellen wird auch solche, die sich irgendwie eingeschmuggelt haben, wie zum Beispiel nervige Kakerlaken.
Sinn des ganzen Projekts ist es, zu erforschen, ob das menschliche Leben möglich ist, wenn die Erde keinen Lebensraum mehr bietet und man (jetzt mal ganz utopisch) zum Beispiel auf den Mars auswandern müsse.

Vor E2 gab es bereits Mission 1 (E1), doch diese scheiterte, da eine Terranautin die Fingerkuppe verlor und die Schleuse zur Außenwelt geöffnet wurde, um sie zu versorgen. Das Projekt war somit gestorben und bei der neuen Mission gilt nun: Die Schleuse bleibt zu. Komme was wolle.

E2 soll ein Prestige-Projekt werden, mit höchster medialer Aufmerksamkeit. Um Terranaut zu werden, mussten die Bewerber viele Vorstufen absolvieren und hart trainieren.
Linda ist eine von ihnen und hofft mit ihrer besten Freundin Dawn in E2 zu leben. Der Tag der letzten Gespräche ist gekommen und Dawn ist eigentlich klar, dass Linda keine Chance hat, denn sie sieht nicht gut genug aus.
Niemand würde das jemals so äußern, aber der Projektleitung ist es nunmal wichtig, Bilder attraktiver Menschen über die Bildschirme flimmern zu sehen. Das ist nicht nett, aber leider die Wahrheit.

Des Weiteren war es den Projektleitern (Mission Control) wichtig, dass die Terranauten keine engen Bindungen zur Außenwelt haben, sprich keiner Beziehung sind.
Dawn hat angegeben keinen Freund zu haben – dies ist allerdings gelogen. Doch sagt sie sich ständig selbst, dass sie nicht so sehr verliebt sei und so eine zweijährige Trennung wunderbar verkraften könne.  Was sie allerdings nicht bedacht hat, ist dass zwei Jahre eine lange Zeit sind, besonders, wenn vier Frauen und vier Männer miteinander eingeschlossen sind.
Noch kann sie sich nicht vorstellen mit jemandem aus dem Team etwas anzufangen, aber wie schon gesagt, es ist eine lange Zeit, die da vor ihnen liegt.

Genau das ist es um was es in diesem Buch eigentlich geht: Um das Beobachten von Menschen in einer extremen Ausnahmesituation. Die ganze Welt wird am Leben der Terranauten teilhaben und beobachten, was passiert, als zum Beispiel die Nahrungsmittel immer knapper werden und die Machtkämpfe untereinander zunehmen.
Doch damit, was schließlich unter der Kuppel wirklich geschieht, hätte keiner von ihnen gerechnet, wobei ich mir sehr gewünscht hätte, dass im Klappentext nicht so viel verraten worden wäre.

T.C. Boyle zeichnet seine Figuren brillant und empathisch. Ich konnte zum Beispiel Linda so gut verstehen: Jahrelang hat sie auf das Ziel an E2 teilzunehmen hingearbeitet und schließlich waren alle ihre Mühen umsonst, denn Dawn darf hinein, während Linde selbst draußen bleiben muß. Sie ist wütend und eifersüchtig auf Dawn, obwohl sie es gar nicht sein möchte, doch kann sie nichts gegen dieses Gefühl unternehmen. Es ist einfach da und die Besuche bei Linda an der Glaskuppel von E2 machen alles nur noch schlimmer.
Leider wird die Situation für Linda auch nicht wirklich besser werden.

Ich glaube, dass T.C. Boyle beim Schreiben dieses Buches einen wahnsinnigen Spaß gehabt haben muss. Auszutüfteln wer mit wem etwas anfängt, wer wen fallen läßt, wer auf wen eifersüchtig ist und wer wen nicht leiden kann – und was passiert, wenn der Hunger eine immer größere Rolle einnimmt.
Ich jedenfalls habe diesen Spaß beim Lesen gespürt und hatte das Gefühl eine Art literarische Soap (und das meine ich jetzt als Kompliment) zu lesen, wie schon bei Juli Zehs Roman “Unterleuten”, der mir ebenfalls so gut gefallen hat.

» zur Leseprobe


P.S.: Wer noch mehr von T.C. Boyle lesen möchte, dem lege ich seinen letzten Roman “Hart auf hart” besonders ans Herz. Bei den “Terranauten” haben wir es mit einem Personal zu tun, welches einem zum großen Teil sympathisch ist und dessen menschliche Regungen sehr gut nachvollziehbar sind.
Das ist bei “Hart auf hart” nicht der Fall: Die Protagonisten dieses Werkes besteht aus durchweg unsympathische Idioten die einen Knall haben – und das finde ich schlichtweg genial.

 


ISBN: 978-3-446-25386-5
Verlag: Hanser
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Dirk van Gusteren
Preis: 26,00 €


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

5 thoughts on “T.C. Boyle: “Die Terranauten”
Nanni

Liebe Friederike,
da mich das Buch prinzipiell interessiert, habe ich nun schon einige Rezensionen dazu gelesen, aber deine ist diejenige, die mich nun tatsächlich überzeugt, das Buch zu lesen.
Ich werde mir definitiv auch „Hart auf hart“ zulegen, da ich gerne Bücher mit eher außergewöhnlichen Protagonisten lese, die sich von der breiten Masse abheben.
Liebe Grüße
Nanni

    Friederike

    Liebe Nanni, dann wünsche ich Dir viel Spaß!
    Viele Grüße,
    Friederike

Juli

Ich finde lustig, dass du schreibst, dass dir die Charaktere sympathisch sind – das ist bei mir gar nicht der Fall. Allerhöchstens kann ich ein wenig die Gefühle von Dawn nachvollziehen, aber so richtig identifizieren kann ich mich mit niemandem.
Deshalb bin ich nun richtig gespannt auf „Hart auf hart“, das steht Dank Deines Tipps als nächstes auf meiner Liste! 🙂

Friederike

…also im Vergleich zu „Hart auf hart“ sind die Terranauten wirklich sehr sympathisch :).

Ich wünsche frohes Lesen,
viele Grüße,
Friederike

Christoph

Hatte mich schon „Wenn das Schlachten vorbei ist“ viel Mühe bereitet es zu Ende zu bringen, so war ich auch bei „Die Terranauten“ einige Male kurz davor, von T. C. Boyles neuestem Werk abzulassen. Die Geschichte basiert wie man es vom Autor gewohnt ist auf echten Tatsachen, Boyle kann hier aber weder die historischen Gegebenheiten mit seinem sonst gängigen Wortwitz aufwerten, noch den gezwungenermaßen auf unsympathisch getrimmten Figuren ein interessantes Leben einhauchen. Dazu ist die Konstruktion banal, die Geschichte vorhersehbar und das Ende durch und durch unbefriedigend. Sehr zahm und dröge und kaum zu vergleichen mit seinen mich heute noch belustigenden Klassikern wie „Grün ist die Hoffnung“ oder „Wassermusik“.

Schreibe einen Kommentar zu Nanni Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: