Der Literatur-SPIEGEL im Februar 2017 – Meine Highlights

Der Literatur-SPIEGEL im Februar 2017 – Meine Highlights

Nach kurzer Winterpause ist der Literatur-Spiegel wieder zurück und berichtet über Neuerscheinungen, um die wir in diesem Frühjahr wahrscheinlich nicht herumkommen werden.
Dies sind meine Highlights:

T.C. Boyle: “Die Terranauten”

T.C. Boyles letzter Roman “Hart auf hart” zählte zu meinen Highlights des Jahres 2015 und sein neuestes Werk “Die Terranauten” ist auf dem besten Wege eines meiner Lieblingsbücher dieses Jahres zu werden.
Ich lese es gerade mit großem Vergnügen und könnte mir vorstellen, dass zum Beispiel Leser von Juli Zehs Roman “Unterleuten” ihre Freude daran haben könnten.  

Es geht um ein Projekt, bei welchem sich Wissenschaftler (Terranauten) sich für zwei Jahre unter einer Art Glaskugel einschließen lassen, um festzustellen, ob man auch jenseits der Erde in einem geschlossenen Ökosystem überleben könnte, wenn man ganz auf sich und die Natur gestellt ist.
Die acht Insassen pflegen die Umwelt und bauen ihre Nahrung selbst an, bzw. kümmern sich um die Ziegen und Schweine, von deren Milch und Fleisch sie ebenfalls leben.
Das funktioniert ganz gut, bis eine von ihnen schwanger wird, aber ein Öffnen der Schleusen zur Außenwelt vor Ablauf des Experiments für fast alle undenkbar ist.

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Fatma Aydemir: “Ellbogen”

Hazal ist siebzehn und lebt in Berlin. Ihre Eltern sind aus der Türkei eingewandert, jedoch nie wirklich in Deutschland angekommen – und auch Hazal fühlt sich anders, als die deutschen Studentinnen und Töchter von Ärzten, die auch mit abgeranzten Turnschuhen in die angesagten Diskos hineinkommen, was Hazal verwehrt bleibt.

Hazals Freundinnen haben ebenfalls türkische Eltern und sind mit dem Erwachsenwerden beschäftigt, doch das ist nicht einfach, wenn man zwischen den Kulturen lebt.
Wie dann alles eskaliert und Hazal in die für sie völlig fremde Türkei flüchtet, davon erzählt die Journalistin Fatma Aydemir.

Die Spiegel-Autorin Maren Keller ist sehr angetan von Aydemirs Debüt und schreibt, dass die Schriftstellerin “endlich Neukölln-Romantik” in die Buchhandlungen bringe.
Ihre Begeisterung ist ansteckend – mich hat sie bereits infiziert.

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Ein Roman, der sich ebenfalls mit dem Erwachsenwerden in der türkischen Kultur befasst ist “Zwei Mädchen” von Perihan Magden. Zwar spielt hier die Gratwanderung zwischen zwei verschiedenen Kulturen keine Rolle, zumal es sich um zwei türkische Mädchen handelt, die in Istanbul leben, doch geht es hier um den Bruch zwischen dem alten und dem neuen Istanbul.
Gekonnt peitscht die Autorin den Leser mit Worten durch die Stadt und läßt ihn die Dringlichkeit des Lebens im Moment spüren.
In der Türkei ist “Zwei Mädchen” bereits ein Kultbuch.

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China Miéville: “Dieser Volkszähler“

Dieses Buch hatte ich bereits auf die Liste der Neuerscheinungen, auf die ich mich in diesem Frühjahr besonders freue gesetzt, obwohl Phantastik (der Spiegel-Autor Christian Buss bezeichnet “Dieser Volkszähler” als Science-Fiction-Gothic-Novelle – Miéville selbst nennt seine Art der Literatur “Weird Fiction”) eigentlich gar nicht mein Genre ist.
Aber dieses Werk scheint mir faszinierend anders zu sein, denn es zeichnet eine Art postapokalyptische Endzeit, ohne zu erklären, wie die Welt in diesen traumatischen Zustand gelangt ist.

Es geht um einen Jungen, der mit seinen Eltern auf einem Berg lebt. Der Vater ist, vor allem im Dorfe, welches sich am Fuße des Berges befindet, bekannt für seine Schlüssel, die magische Kräfte besitzen sollen.
Zudem bevölkern sonderbare Wesen diese Welt und man kann nicht sicher sein, ob sie der Phantasie des Jungen entspringen, oder wirklich anwesend sind.
Ebenso unsicher ist man sich im Dorf darüber, was sich wirklich auf dem Berg zugetragen haben mag, als der Junge eines Tages mit blutigen Händen auftaucht und berichtet, dass die Mutter den Vater erstochen habe. Oder umgekehrt.

Sonderbar Wesen bevölkern auch die Welt von T.C. Boyles Roman “Hart auf hart”, zumal einer der Protagonisten davon überzeugt ist von Aliens verfolgt zu werden und deshalb eine eine Mauer um sein Haus gebaut hat. Er begibt sich von Zeit zu Zeit auf Exkursionen, um den Aliens den Garaus zu machen, was T.C. Boyle genial zu schildern weiß.  Jedoch ist es in diesem Roman klar, dass die fremden Wesen nur im Kopf des Protagonisten erscheinen. Im “Volkszähler” könnten diese Wesen durchaus wirklich sein, doch das werden wir erst bei der Lektüre erfahren. Oder auch nicht.
Wir werden sehen, ich jedenfalls bin sehr gespannt auf diese düstere Welt.

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P.S.: Zum Thema Endzeit fallen mir an dieser Stelle zwei Romane ein, die den möglichen Beginn des Weltuntergangs literarisch schildern: “Winters Garten” von Valerie Fritsch und um ”Eigentlich müssten wir tanzen” von Heinz Helle. Beide Bücher standen auf der Longlist des deutschen Buchpreises im Jahre 2015.
Des Weiteren darf in diesem Zusammenhang die Erwähnung von Cormac McCarthys Roman “Die Straße” nicht fehlen – doch dies nur am Rande.

Jean-Luc Seigle: “Ich schreibe Ihnen im Dunkeln”

Die Protagonistin dieses Romans (Pauline Dubuisson), ist nicht der Phantasie des Autors entsprungen – sie hat wirklich gelebt und dies ist nicht das erste Mal, dass sich jemand an diesen Stoff, ihr Leben, wagt. Henri-Georges Clouzots Film “Die Wahrheit” befasste sich bereits 1960 mit dieser Thematik und war 1961 für einen Oscar in der Kategorie “Bester fremdsprachiger Film” nominiert.
Die Hauptrolle spielte Brigitte Bardot, die durch diesen Film erstmals als ernsthafte Schauspielerin Anerkennung erlangte.  

Aber was macht das Leben der Pauline Dubuisson so interessant?
Je nun: Pauline arbeitet während der deutschen Besatzung Frankreichs für einen deutschen Militärarzt und wird seine Geliebte. Dies wird ihr zum Verhängnis, denn nach der Befreiung Frankreichs rächen sich die Männer der Résistance auf grausame Art und Weise an ihr.
Doch damit ist dieses Kapitel ihrer Vergangenheit nicht beendet, es wird sie immer wieder heimsuchen. Als sie sich in Félix Bailly verliebt und ihm ihre Geschichte erzählt, weist sie dieser ab, woraufhin sie ihn im Affekt tötet.
Pauline wird im Jahr 1950 zum Tode verurteilt, die Strafe wird jedoch in eine Haftstrafe umgewandelt. Als sie entlassen wird, sieht sie sich mit Henri-Georges Clouzots Film konfrontiert und flieht nach Marokko.
Doch auch hier ist es ihr nicht vergönnt glücklich zu sein. 

Der Spiegel-Autor Romain Leick attestiert Jean-Luc Seigle “erstaunliches Einfühlungsvermögen” und “bewegende Einfachheit”.  Eine meiner Kolleginnen liest dieses Buch derzeit ebenfalls und berichtete mir ähnliches.
Ich bin sehr gespannt auf diesen Titel.

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Hanya Yanagihara: “Ein wenig Leben”

Im Zentrum des Romans steht die lebenslange Freundschaft zwischen vier Männern, welche sich an einem College in New York kennengelernt haben.
Einer von ihnen ist Jude, ein junger brillanter Mann, der alles für seine Freunde gibt, doch innerlich zerbrochen ist. Er verletzt sich selbst, lebt in einer eigenen, dunklen Welt und zieht den Leser immer tiefer in diese hinein.

Über dieses Buch, das morgen erscheinen wird und in den USA bereits ein Bestseller ist, wird derzeit im Netz viel gesprochen. Viele äußern sich sehr begeistert zu diesem fast 1000seitigen Werk, doch habe ich auch Stimmen vernommen, die die überzeichnete Emotionalität kritisieren – wie auch die Spiegel-Autorin Claudia Voigt. Sie schreibt, dass derjenige, der beim Lesen das ganz große Gefühl und “voyeuristische Schauder” suche, dieses Buch zur Hand nehmen solle, es aber gut sei könne, dass sich alle anderen fragen, was sie mit diesem Buch anfangen sollen.

Da hilft es, so glaube ich, nur, sich selbst ein Bild zu machen und einfach einmal in dieses Werk hinein zu lesen.
Die Leselust hat die englische Ausgabe von “Ein wenig Leben” bereits besprochen.

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Die Tatsache, daß soeben ein weiteres extrem umfangreiches Buch erschienen ist, macht mir die Entscheidung, ob ich es mit “Ein wenig Leben” versuchen soll schwer. Es handelt sich um Paul Austers “4321” und da ich Paul Auster (sein “Winterjournal” fand beispielsweise ich großartig) sehr schätze, kann es sein, dass ich eher zu diesem Titel greifen werde.
Lustauflesen äußert sich jedenfalls sehr begeistert zu Austers neuestem Werk.

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Heike-Melba Fendel: “Zehn Tage im Februar”

Sowohl der Roman an sich, als auch die Autorin sind mir vor der Lektüre von Elke Schmitters Text vollkommen unbekannt gewesen. Doch schon alleine das Thema des Buches macht mich neugierig, denn es geht ums Kino und um das Zerbrechen einer Beziehung.

Mit den zehn Tagen im Februar sind die die Tage gemeint, an welchen die Berlinale stattfindet – ein Event, dem die Protagonistin des Buches entgegen fiebert.
Allerdings wechselt ihr Beziehungsleben an genau diesen Tagen ins “ernste Fach”, denn der Mann beschließt sie zu verlassen. Das Leben einer klugen Frau gerät aus den Fugen.

» zum Interview mit Heike-Melba Fendel in der FAZ

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Wer noch mehr über das Thema Kino lesen möchte: Gerade ist der neue Band des von Harald Martenstein erschienen. Er trägt den Titel “Im Kino” und ich freue mich sehr auf diese Lektüre.


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8 thoughts on “Der Literatur-SPIEGEL im Februar 2017 – Meine Highlights
Marina

Liebe Friederike,
ich bin in „Ein wenig Leben“ noch nicht hineingekommen. Habe dann den Auster genommen und bin mit dieser Entscheidung mehr als zufrieden … bin im ersten Drittel und mag es sehr.
Viele Grüße!

    Friederike

    Liebe Marina,

    vielen Dank für deine Einschätzung. Ich denke, ich fange mit Auster an :).

    Viele Grüße,
    Friederike

Petra

Liebe Friederike, es könnte sein, dass wir in nächster Zeit ähnlich lesen werden 😉 Im Moment lasse ich mich von „Ein wenig Leben“ erschlagen. Es ist sehr wuchtig, sehr schwer zu ertragen, aber auch literarisch sehr gut und fesselnd. 2/3 liegen hinter mir, ich kann es noch nicht wirklich beurteilen. Und dann der nächste „Klotz“, der Auster, liegt auch schon hier, da freue ich mich sehr drauf (will vielleicht vorher noch mal das Winterjournal und Bericht aus dem Inneren hören). Vorher möchte ich aber noch den Seigle einschieben. Wir können uns sicher noch austauschen 🙂 Viele Grüße, Petra

    Friederike

    Liebe Petra,

    ja, es sieht wirklich so aus, als ob wir die gleichen Bücher lesen werde. Ich bin auf Seigle und Auster sehr gespannt, allerdings beende ich jetzt erst „Die Terranauten“, von von welchen ich sehr begeistert bin.
    Vielleicht schiebe ich noch „Herz aus Eis“ von Autissier (erscheint im März bei mare) dazwischen, bevor ich mich an den „Klotz“ mache :).

    Viele Grüße,
    Friederike

Hauke

Liebe Friederike,
danke für die tolle Übersicht und den netten Link zum Leseschatz.
Liebe Grüße, Hauke

    Friederike

    Lieber Hauke,

    immer wieder gerne :).

    Viele Grüße,
    Friederike

Alexia

Liebe Bücherfreundinnen und Bücherfreunde,

ich habe „Ein wenig Leben“ gelesen und kann es nur empfehlen. Diese Geschichte hat mich auf eine unglaubliche Achterbahnfahrt mitgenommen und ich rate dringend dazu, genügend Taschentücher zur Seite zu haben. Es ist eine Geschichte, die mir alles abverlangt hat. Es ist die Geschichte eines ganz besonderen jungen Mannes (Jude), den man einfach nur in den Arm holen und halten will. Und es ist für mich auch die Geschichte von William, den es in seiner besonderen Art wünschenswerter Weise in jedem von unseren Leben geben sollte. Kein Heiliger, aber ein Mensch, wie man ihn sich selten liebenswerter vorstellen kann. Ein Mensch, der bedingungs- und vorbehaltlos lieben kann. Mit einer Offenheit und Zärtlichkeit, einer Achtsamkeit gegenüber seinen Mitmenschen, die seinesgleichen sucht. Jude und William, für mich untrennbar miteinander verwoben, haben mein Leben nachhaltig bereichert und werden mir unvergessen bleiben. Aber nicht nur diese beiden, sondern auch ihr gesamtes Umfeld ist gespickt mit einprägsamen Personen, oftmals so lebensnah skizziert, dass ich sie beinahe greifen konnte. Allen voran der eigenwillige, chaotische, anstrengende, kreative, bequeme, unbedarfte oder vielleicht doch einfach nur berechnende, unglaublich verwöhnte JB. Dem man in manchen Momenten am liebsten schütteln würde, um dann wieder herzhaft über ihn zu lachen. Da sind Harold und Julia, da sind Malcolm, Richard und natürlich und ganz besonders Andy usw. usf. Die Liste könnte noch um viele Namen verlängert werden. Es sind Kleinigkeiten, Nebensätze, oftmals scheinbar ohne Bedeutung, die im nächsten Moment Leben komplett verändern. Aus dem Nichts heraus. Yanagihara schreibt mit einer großen, manchmal nur schwer zu ertragenden Nüchternheit, die sich dann jedoch immer wieder als Paukenschlag herausstellt. Es ist eine Geschichte über den Wert von Freundschaften, über Zuneigung und über die absolut bedingungslose Liebe. Eine Geschichte über Selbsthass, abgrundtiefe Verwerflichkeit, die mich teilweise fassungslos zurück ließ. Und es ist eine Geschichte über Missbrauch, Verrat, Qual und trotz allem Leid einer großen Hoffnung und Zuversicht.
„Ein wenig Leben“ ist kein leichtes Buch, kein erholsamer Spaziergang, keine Entspannung nach einem anstrengenden Tag, sondern eine Herausforderung. Immer wieder musste ich es bei besonders anstrengenden Passagen zur Seite legen, um Luft zu holen und runterzukommen, bevor ich weiterlesen konnte. Und dazwischen dann wieder Seiten, die voller Unbeschwertheit sind, um einem beim Umblättern dann wieder in den Abgrund blicken zu lassen. Wahrlich keine leichte, aber für mich absolut lohnenswerte Kost und zur Zeit kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass ich in diesem Jahr noch ein besseres Buch lesen werde. Wobei ich den Auster auch schon im Bücherschrank stehen habe. Die Leseprobe war klasse, aber die beiden Bücher kann man thematisch nicht miteinander vergleichen.
Ich wünsche jedem, der sich auf „Ein wenig Leben“ einlässt, ähnliche Erfahrungen, wie ich sie beim Lesen hatte. Es tut immer wieder gut, an seine eigenen Grenzen zu stoßen und sie zu erweitern. Eine gut erzählte Geschichte, ganz gleich wie schmerzvoll sie in letzter Konsequenz vielleicht auch sein mag, kann dies bewirken.

Viele liebe Grüße

Alexia

    Friederike

    Liebe Alexia,

    vielen Dank für Deine Einschätzung des Titels, es scheint sich ja wirklich um eine sehr intensives Leseerlebnis zu handeln.

    viele Grüße,
    Friederike

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