Charlotte Kerner: „Blueprint Blaupause“

Charlotte Kerner: „Blueprint Blaupause“

1999 schrieb Charlotte Kerner diesen Roman über das Thema des Klonens. Seitdem hat sich in der Wissenschaft einiges getan, doch an Aktualität hat dieses Buch nichts eingebüßt.

Iris ist sowohl Pianistin, als auch eine sehr erfolgreiche Komponistin. Als sie mit 31 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose bekommt, wird ihr klar, dass sie eines Tages nicht mehr Klavier spielen kann.
Niemals hat sie daran gedacht, ein Kind zu bekommen, doch jetzt ist der Wunsch plötzlich da. Allerdings nicht irgendein Kind, sondern eines, das genauso begabt ist, wie sie – und das ihre Karriere für sie weiterführt.

Als sie in einer Fachzeitschrift auf den Artikel über den Wissenschaftler Mortimer G. Fisher aus Montreal, dem es gelungen ist, das Klonen von Säugetieren sicherer zu machen. Zu einer anderen Zeit hätte Iris einfach weitergelesen, doch jetzt ist sie elektrisiert: Was mit Säugetieren geht, geht doch auch mit Menschen.
Geschickt fädelt sie die erste Begegnung mit Fisher ein, indem sie einen bereits verworfenen Konzerttermin in Montreal zusagt und ihm und seiner Gattin Freikarten in der dritten Reihe zukommen lässt.
Während des Schlussapplauses haben sie Blickkontakt und nicken sich zu.
Iris weiß genau, wie sie den Wissenschaftler um den Finger wickeln kann. Fisher klont Iris daher wirklich und setzt ihr den Embryo ein.
Iris wird also nicht nur Mutter sein, sondern auch der zeitversetzt geborene Zwilling ihrer Tochter Siri.

Im Prinzip geht es um eine Mutter, die ihre Wünsche und Träume auf die Tochter projiziert.
Im Roman “Was ich Euch nicht erzählte” von Celeste Ng zum Beispiel geht es um Marylin, deren großer Wunsch es war, Ärztin zu werden. Dann bekommt sie drei Kinder und kann ihre Pläne nicht verwirklichen. Das soll dann ihre Tochter für sie erledigen. Lydia möchte ihrer Mutter unbedingt gefallen und bemüht sich sehr den wissenschaftlichen Lehrstunden ihrer Mutter zu folgen, doch es ist klar, dass diese Materie einfach nichts für sie ist.
Jedoch gesteht sie sich dies ein, sondern tut alles dafür, dem Wunsch der Mutter zu entsprechen.

Charlotte Kerner geht in “Blueprint” einen Schritt weiter, denn Iris möchte nicht irgendein Kind, dass sie dann nach ihren Wünschen erzieht, sondern sicher sein, dass es ein begabtes Kind ist und sie ihre Zeit nicht verschwendet. Daher fällt ihre Wahl auf das Klonen. Rücksicht auf die Gefühle Siris nimmt sie dabei nicht. Sie handelt aus purem Egoismus.

Wie Siris Leben aussieht, erfahren wir zum einen von ihr selbst, zum anderen von einem Erzähler, der allwissend ist.
Schön ist dieses Leben jedenfalls nicht und Siri beginnt an den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, zu verzweifeln.
Hinzu kommt, dass Iris beschlossen hat, die Tatsache, dass Siri ihr Klon ist, öffentlich zu machen. Als Siri ihr Debüt am Klavier gibt, auf das sie sich sehr gefreut hat, weil sie die Musik genauso liebt, wie ihre Mutter, merkt sie, dass alle nur den Klon sehen, nicht aber den Menschen.

Ebenso schwierig ist es für Siri, ständig ihre Mutter vor sich zu haben und zu wissen, wie sie selbst in zehn, oder zwanzig Jahren aussehen wird.
Auch Iris muss sich eingestehen, dass sie damit, ihr jüngeres Selbst ständig vor sich zu haben, überhaupt nicht klarkommt. Während Iris altert und von der Krankheit gezeichnet ist, blüht Siri auf – und fasziniert Männer, die eigentlich an Iris interessiert gewesen wären.
Die Spannungen sind vorprogrammiert…

Diese Vorstellung, dass eine Mutter ihren eigenen Zwilling gebiert, ist gruselig, aber genau das macht den Reiz des Romans aus.
Aber noch eine zweite Sache macht dieses Buch so faszinierend: Der drängende, soghafte Tonfall Charlotte Kerners, die Siri eine Stimme verleiht, der man sich nicht entziehen kann.
Einem jungen Menschen auf der Suche nach sich selbst – und nach seiner Emanzipation.

Drei Jahre bevor Charlotte Kerner dieses Buch schrieb, gelang es, ein Schaf zu klonen: Das berühmte Klonschaf “Dolly”, das damals eine Sensation war.
Danach folgten Mäuse und Affen. Heutzutage erfreut sich in den USA und in Korea das Angebot “Clone A Pet”, bei welchem Haustierbesitzer ihre Lieblinge mittels der Dolly-Methode wiederauferstehen lassen können, großer Beliebtheit. Die Kosten betragen bis zu 100.000 Euro, je nach Aufwand.
Das Klonen von Menschen ist nach wie vor verboten, wie in der neuen Grundrechte Charta der Europäischen Union nachzulesen ist, was ich dem Nachwort des Romans entnehmen konnte.

2012 haben Forscherinnen das CRISPR/Cas9 – Verfahren entwickelt hinter dem sich eine präzise Schere verbirgt, mit der es möglich ist, bestimmte Bausteine im Erbgut zu verändern. Wobei diese primär bei Pflanzen eingesetzt wird. Allerdings, soweit ich es nachgelesen habe und ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich im Bezug auf diese Thematik ein absoluter Laie bin, nicht in der EU. In zum Beispiel den USA, Kanada und Argentinien, ist diese Methode wohl fallweise erlaubt.
Forscher innerhalb der Europäischen Union befürchten, dass sie im Bezug auf die neuen Züchtungstechnologien den Anschluss verlieren könnte.

Ohne den Roman “Blaupause” hätte ich mich nie so intensiv mit dieser Thematik beschäftigt. Alleine deshalb war die Lektüre dieses Buches für mich ein Gewinn. Des Weiteren hat mit “Blaupause” mich an zwei Bücher erinnert, die ich vor einigen Jahren gelesen habe.
Zum einen “Beim Leben meiner Schwester” von Jodie Picoult, in welchem eine Familie beschließt aufgrund der Leukämie-Erkrankung ihrer Tochter ein maßgeschneidertes Retortenbaby zu zeugen, das als “Ersatzteillager” für die kranke Tochter dient.
Zum anderes eines meiner ewigen Lieblingsbücher “Alles was wir geben mussten” von Kazuo Ishiguro, der 2017 den Literatur-Nobelpreis erhalten hat.
Mich hat der klare Tonfall dieses Roman begeistert, in dem es um ein normales Internat zu gehen scheint. Allerdings bekommen die Schüler nie Besuch und scheinen auch keine Eltern zu haben.
Schnell stellt sich heraus, dass sie nur aufgrund eines bestimmten Zwecks am Leben sind: Um anderen ihre Organe zu spenden…

In der Dringlichkeit und literarischen Dichte steht “Blueprint” diesem Werk meiner Ansicht nach, in nichts nach.
Ich fände es auch falsch dieses Buch als reines Jugendbuch zu bezeichnen. Meines Erachtens nach gehört es ebenso in die Belletristik-Abteilung.

Daumen hoch!

Ab 14 Jahren.

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Diesen Roman habe ich im Rahmen der Aktion GoldenBacklist gelesen, in der es darum geht, Titel in den Fokus zu rücken, deren Erscheinen schon mehr als 5 Jahre zurückliegt.

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ISBN: 978-3-407-74102-8
Verlag: Beltz
Erscheinungsjahr: 1999
Seiten: 207
Preis: 7,95 €

„Blueprint“ ist im Jahr 2000 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und 2003 mit Franka Potente verfilmt worden.


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